Mehr Mobilität trotz Behinderung

Das Carsharing-Projekt geht in die Fläche. Nun können behinderte Menschen sich auch am Standort Neunkirchen kostenlos speziell umgebaute Fahrzeuge leihen. Möglich wurde dies durch eine breite Partnerschaft.

Das "Carsharing" für behinderte Menschen ist jetzt in Neunkirchen angekommen. Das bundesweit einzigartige Projekt bietet behindertengerecht umgebaute Fahrzeuge zur kostenlosen Leihe an. Die Stiftung Rückhalt hat nun zwei weitere Fahrzeuge spendiert, die in Neunkirchen angeboten werden. Am Montag wurde das Projekt unter der Schirmherrschaft der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer am Standort der reha GmbH in der Bildstocker Straße in Neunkirchen der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Projekt richtet sich an Familien, in denen Menschen mit schwerer oder Mehrfachbehinderung leben. Menschen, die sich ein entsprechend umgebautes Fahrzeug nicht leisten und weder den öffentlichen Personennahverkehr noch ein normales Auto nutzen können. Sie haben nun die Möglichkeit, sich kostenlos ein entsprechendes Fahrzeug zu leihen, die Spritkosten sollten allerdings einkalkuliert werden. "Es kostet keine Miete, lediglich kostet es Benzin", erklärte Gaby Schäfer, Integrationsbeauftragte des Saarlandes sowie Vorsitzende der Stiftung Rückhalt, und: "Wir wollen, dass alle Menschen, die eine Behinderung haben, auch ein Fahrzeug ausleihen können." Die beiden neuen Wagen, ein Peugeot Partner sowie Boxer, stehen dafür nun bereit.

Bisher hat man mit den vier Fahrzeugen in Saarbrücken gute Erfahrungen gemacht. "Sie sind zu 90 Prozent ausgelastet, das ist wunderbar", sagte Schäfer. Sabine Wollin, Projektleiterin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Rheinland-Pfalz/Saarland, ergänzte gegenüber der Saarbrücker Zeitung, dass jedes Fahrzeug im Schnitt knapp 20 000 Kilometer im Jahr zurücklegt. Der Verwendungszweck sei dabei breit gestreut: "In Ausnahmefällen geht es beispielsweise zu einem letzten Urlaub an die Nordsee. Häufig sind es Festtage, wenn etwa die Großeltern zur Hochzeit der Enkelin wollen."

Die Nutznießer stammten dabei aus allen Altersklassen. Der Kundenstamm sei mittlerweile auf 160 Personen gewachsen. "Es entwickeln sich Glücksgefühle, einfach nur, weil man mal wieder rauskommen kann. Und wenn es nur eine Fahrt zum Friedhof oder in den Wald ist", unterstreicht auch der Landesvorsitzende des Wohlfahrtsverbandes, Reiner Feth.

Ein Punkt, auf den auch Christa Rupp, Behindertenbeauftragte des Saarlandes, in ihrer Rede einging: "Ich bin selbst behindert und weiß, dass es schmerzhaft ist, wenn man an vielen sozialen Ereignissen nicht teilhaben kann." Von daher sei eine weitere Anlaufstelle im Land sowie weiteres Engagement in der ganzen Republik wünschenswert: "Wir sind hier im Saarland gerne Vorreiter, müssen aber nicht Alleinkämpfer sein", so die saarländische Behindertenbeauftragte.

Für die Ministerpräsidentin war das Projekt, das mit der Hilfe vieler regionaler Partner auf die Beine gestellt wurde, und die zahlreichen Anfragen aus anderen Bundesländern ein Beleg dafür, "das Großes immer im Kleinen entsteht": "Das Projekt wurde nur durch die Partner möglich, die Anschaffung, Umbau und laufende Kosten tragen. Andere Länder schauen sich an, was wir im Saarland auf die Beine stellen. Wir haben hier nicht nur gute Ideen, sondern ich hoffe, dass diese auch exportiert werden." Und sie wünscht sich weitere Stützpunkte, um das Projekt im Saarland in die Fläche zu tragen.

Auch Wollin bestätigt: "Wir haben unwahrscheinliche viele Anfragen." Doch die Finanzierung und das Zusammenspiel der vielen Partner seien nicht eins zu eins in andere Bundesländer übertragbar. Dafür fehlten dort die nötigen Strukturen. So übernimmt im Saarland der Sparverein die Anschaffung der Fahrzeuge und übergibt diese an die Stiftung Rückhalt, der Paritätische Wohlfahrtsverband tritt bei den laufenden Kosten in Vorkasse, bevor das Landesamt für Soziales diese übernimmt und zur Finanzierung der Verwaltungskosten beiträgt. In Neunkirchen kam noch die Aktion Mensch hinzu, die mit je 5000 Euro den Umbau der Autos mitfinanzierte.

Die Kunden könnten laut Wollin auf eine persönliche Betreuung bauen. Hürden und Bürokratie seien gering. Mitzubringen sind 300 Euro Kaution für die Dauer der Leihe. Zudem sollte das Auto wieder vollgetankt und natürlich sauber abgegeben werden.

Ansprechpartnerin am Standort Neunkirchen ist Andrea Becker von der reha GmbH in der Bildstocker Straße 6, Tel. (06 81) 93 62 16 04. In Saarbrücken kümmern sich Sabine Wollin, Tel. (06 81) 926 60 11, am Standort Feldmannstraße und Susanne Burger, Tel. (06 81) 93 62 11 94, am Standort Dudweilerstraße um die Vermittlung der Fahrzeuge.

www.stiftung-rueckhalt.de

www.gps-rps.de

www.paritaet-rps.org

www.carsharing-saar.de

Zum Thema:

Das bisher bundesweit einzigartige Projekt Carsharing für schwerbehinderte Menschen startete 2011 die Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit (GPS) mit der damaligen Sozialministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem ehemaligen Landesbeauftragen für die Belange von Menschen mit Behinderung, Wolfgang Gütlein. Mittlerweile ist die Flotte auf sechs Autos gewachsen, auch dank der Saarbrücker Stiftung Rückhalt, die nun zwei kostenlos mietbare Fahrzeuge in Neunkirchen anbietet. Mit im Boot sitzen noch der Verein Passgenau, die Neunkircher reha GmbH sowie das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie Saarland. Gefördert wird das Carsharing zusätzlich von der Aktion Mensch. Das Projekt unterstützt behinderte Menschen bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.