Lesung der Spiegel-Autoren Samer Tannous und Gerd Hachmöller im Quartierstreff Neunkirchen.

Lesung in Neunkirchen : Kommt ein Syrer nach Rotenburg . . .

„Ihr habt die Uhren – wir haben die Zeit“ lautete der Titel einer Lesung der Spiegel-Autoren Samer Tannous und Gerd Hachmöller im Quartierstreff Neunkirchen.

Es hätte rein theoretisch auch eine Standpauke werden können. Wo doch so viel schief läuft in Deutschland, und der Deutsche per se nicht zum Sympathieträger taugt. Manchmal sind wir uns sogar selbst ein bisschen zu ernst, zu penibel, zu spießig, oder einfach auch: zu deutsch. Samer Tannous ist es nicht entgangen – dass wir so sind, wie wir sind, und dass wir gern ein bisschen an uns selbst leiden. Umso wohltuender, wenn da jemand aus Damaskus sagt: „Ob ihr’s glaubt oder nicht, ihr seid toll. Ihr macht einen Haufen Sachen richtig. Und wenn mal nicht alles nach Plan mit den Neubürgern läuft, liegt der Fehler nicht immer automatisch bei euch.“ Weil, „Integration ist in erster Linie Aufgabe des Zuwanderers“. „Ihr habt super Politiker, ihr seid fast ein bisschen zu tolerant – und das mit der Pünktlichkeit, gut, da kann man ja vielleicht noch mal drüber schwätzen.“ Wovon das Publikum immer wieder gern Gebrauch machte im Quartierstreff. Dort hatte die doppelte Premieren-Lesung für volles Haus gesorgt.

Es handelte sich um die erste Lesung an diesem Ort und gleich einen Volltreffer. Kennen und schätzen gelernt hatte Albena Olejnik die wöchentliche Spiegel+“ Online-Kolumne „Kommt ein Syrer nach Rotenburg (Wümme)...“ schon vor ihrer Zeit als Quartiersmanagerin: „Als ich das las, habe ich mich gefragt, wie es möglich sein kann, dass da jemand genauso wie ich fühlt“, verriet die gebürtige Bulgarin in ihrer Begrüßung. Kaum hatte sie ihre Stelle in der Stadtteilarbeit in Neunkirchen angetreten, nutzte sie die Chance, Samer Tannous und Co-Autor Gerd Hachmöller einzuladen. „Wir haben uns sehr geschmeichelt gefühlt“, erinnerte sich der Syrer. War es doch für das aus Niedersachen angereiste Duo gleichfalls die erste Lesung.

Seit drei Jahren geben die beiden Familienväter interkulturelle Workshops. Die Kolumne schrieben sie „jeden Sonntagvormittag“, im Frühjahr kommen 55 dieser Miniaturen als 180-seitiges Buch auf den Markt. Schon jetzt sei die Lektüre wärmstens empfohlen. Weil sie amüsant ist. Vor allem aber, weil sie verstehen hilft. Wenn Araber chronisch zu spät kommen, dann aus vielerlei Gründen, nur nicht aus Arroganz. Vielmehr gilt es als Akt der Großzügigkeit. „Warten ist gewonnene Zeit“, klärte Tannous auf und wundert sich gleichzeitig, dass man in Deutschland für alles Termine machen muss und jeder so verplant ist, dass kein Platz für Spontaneität bleibt.

Missverständnisse lauern bei falsch verstandener Höflichkeit. Wovor im Übrigen nicht einmal Profis gefeit sind. Etwa, wenn Nichtraucher wie Tannous dankend die angebotene Zigarette paffen, nur um den so großzügigen wie ahnungslosen Spender, Hachmöller, nicht vor den Kopf zu stoßen.

Den sprachlich ausgefeilten Texten zu folgen, fiel in den von Tannous gelesenen Passagen manchmal schwer. Beginnen die Tücken der deutschen Sprache für einen Syrer doch schon bei dem Umstand, dass er es mit mehr als den ihm geläufigen drei Vokalen a, i und u zu tun hat. Weshalb Tannous’ Wunsch nach süßem Backwerk – „Ich möchte bitte kochen“ – in der Bäckerei oft auf Unverständnis stößt.

Was der 49-jährige Französischlehrer, Basketballspieler und Vater zweier Töchter fernab der Heimat vermisst, ist Konversation – im Zug zum Beispiel. Denn da lesen alle oder sind mit ihren Handys beschäftigt.

„Deutsche kommunizieren seltsamer Weise am liebsten mit Leuten, die weit weg oder tot sind“. Gewöhnungsbedürftig sei auch die Neigung hierzulande, es sich gemütlich zu machen. „Damit kann ich nichts anfangen.“ Womit Samer Tannous wohl nicht alleine dasteht: seiner Recherche zufolge existiert das Wort Gemütlichkeit sonst nirgendwo auf der Welt.

Mehr von Saarbrücker Zeitung