Lebenslinien über den ErdballVon einem, der auszog, sein Glück zu machen

Lebenslinien über den ErdballVon einem, der auszog, sein Glück zu machen

Neunkirchen/Sapiranga. Eine bessere Adresse als "Brückenstraße" könnte es für diese Geschichte gar nicht geben. Hier in der Neunkircher Innenstadt wohnt das Ehepaar Ingrid und Günter Becker. Gut 10 000 Kilometer entfernt im Süden Brasiliens leben Ingrids Cousins: Adalberto Leist mit Familie in Sapiranga (75 000 Einwohner) und Heinz-Pedro Leist mit Familie in Novo Hamburgo (250 000 Einwohner). Kontinente und Generationen überspannend pflegen beide Seiten die Familienbande.Ingrid Becker (73) und Günter Becker (75) verfolgen Nachrichten aus Brasilien genau. Schrecken auf, wenn eine Meldung kommt wie im Januar 2013: "230 Tote bei Disco-Brand in Santa Maria": Nicht weit weg, wo man seine Lieben leben weiß. Wenn jetzt vom 12. Juni bis 13. Juli der ganze Erdball auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien blickt, dann schauen die Beckers etwas genauer und auch anders hin. "Wegen Fußball werde ich mir die Spiele nicht unbedingt anschauen", lächelt Ingrid Becker im Gespräch mit unserer Zeitung: "Aber vielleicht sehe ich meine Verwandtschaft im Stadion?" "Karten haben wir noch nicht", berichtet Adalberto Leist am Telefon aus Sapiranga. "Aber wenn es möglich ist, wollen wir schon mal ins Stadion."

Neunkirchen/Sapiranga. Eine bessere Adresse als "Brückenstraße" könnte es für diese Geschichte gar nicht geben. Hier in der Neunkircher Innenstadt wohnt das Ehepaar Ingrid und Günter Becker. Gut 10 000 Kilometer entfernt im Süden Brasiliens leben Ingrids Cousins: Adalberto Leist mit Familie in Sapiranga (75 000 Einwohner) und Heinz-Pedro Leist mit Familie in Novo Hamburgo (250 000 Einwohner). Kontinente und Generationen überspannend pflegen beide Seiten die Familienbande.Ingrid Becker (73) und Günter Becker (75) verfolgen Nachrichten aus Brasilien genau. Schrecken auf, wenn eine Meldung kommt wie im Januar 2013: "230 Tote bei Disco-Brand in Santa Maria": Nicht weit weg, wo man seine Lieben leben weiß. Wenn jetzt vom 12. Juni bis 13. Juli der ganze Erdball auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien blickt, dann schauen die Beckers etwas genauer und auch anders hin. "Wegen Fußball werde ich mir die Spiele nicht unbedingt anschauen", lächelt Ingrid Becker im Gespräch mit unserer Zeitung: "Aber vielleicht sehe ich meine Verwandtschaft im Stadion?" "Karten haben wir noch nicht", berichtet Adalberto Leist am Telefon aus Sapiranga. "Aber wenn es möglich ist, wollen wir schon mal ins Stadion."

Als wir mit Adalberto telefonieren, ist es halb drei am Nachmittag deutscher Zeit. In Sapiranga zeigt die Uhr halb zehn am Vormittag. Der 71-Jährige sitzt schon lange im Büro: "Wir haben 18 000 Mitarbeiter, da ist immer viel zu tun", sagt der Präsindent von Paqueta The Shoe Company. Ein Familienunternehmen, 1945 wurde die Schuhfabrik gegründet. "Angefangen haben wir mit fünf Paar Schuhen am Tag", so der Chef. "Heute produzieren wir 65 000 Paar." In drei Fabriken in Brasilien, einer in Argentinien und einer in der Dominikanischen Republik.

Adalberto Leist spricht gut Deutsch ("vom Papa"), sucht nur ab und zu mal nach einem Wort. Die Nachkommen verlieren die Sprache der Vorfahren. Günter Becker hat ein Familienfoto herausgesucht, das beim Kurzbesuch von Adalberto im Juli 2011 in der Brückenstraße entstand. Ingrid Becker: "Es gab Saarländisches - Kartoffelsalat, Fleischkäse, Würstchen und Lyoner. Und Senf, da waren sie ganz scharf drauf." Adalberto hat den nächsten Besuch fürs Jahresende geplant, diesmal länger: "In Neunkirchen kenne ich bis jetzt nur die Brückenstraße. Jetzt wollen wir mehr von der Stadt sehen." Adalberto bringt seine Familie mit: "Damit sich alle kennenlernen." Vor drei Jahren konnte eine Tochter wegen Nachwuchs nicht mitkommen. Von Neunkirchen geht es noch weiter nach Paris ins Disneyland.

Jetzt herrscht bei Adalberto erstmal Vorfreude auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Macht die WM doch sogar fast vor seiner Haustür Station: Keine 50 Kilometer sind es von Sapiranga (und auch von Novo Hamburgo) nach Porto Alegre, eineinhalb Millionen Einwohner zählende Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul. Vier Vorrundenspiele und ein Achtelfinale werden im Estadío Beira-Rio angepfiffen. Den Titel holt Brasilien, glaubt Adalberto ("mit Deutschland wäre ich auch glücklich"). In der Neunkircher Brückenstraße teilen sie seinen Glauben. Neunkirchen. Bei Waffeln, Erdbeeren und Schlagsahne, mit Fotoalben, Dokumenten und Postkarten auf dem Kaffeetisch erzählen Ingrid und Günter Becker unserer Zeitung die Geschichte von Peter Leist (1903-1982), Ingrids Patenonkel, Bruder ihrer Mutter. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts reist der gebürtige St. Wendeler zu seiner bereits nach Brasilien ausgewanderten Verwandtschaft Karl und Marie Traber, geborene Leist. Kehrt aber nochmal nach Deutschland zurück, um Medizin zu studieren. 1934 dann der endgültige Aufbruch nach Südamerika. Leist praktiziert als Arzt, heiratet Frieda (Jahrgang 1914) und hat mit ihr die Söhne Heinz-Pedro (heute 73) und Adalberto (heute 71). Der Ältere wird Bankier, der Jüngere Schuhfabrikant. Heinz-Pedro und Darina bekommen die Söhne Ronaldo, Hamilton Rodrigo und Samir Robson, Adalberto und Iara Sohn Tobias und die Töchter Carolina und Carina.

Besuch aus Brasilien in der Neunkircher Brückenstraße. Hinten von links: Adalberto Leist, Ingrid Becker, Iara Leist, Günter Becker. Vorne links Adalbertos Tochter Carolina, Schwiegersohn Juliano, Enkel Guilherme und Juliana; rechts Adalbertos Schwiegertochter Wanda, Sohn Tobias, Enkel Matheus und Artur. Foto: Becker.
Mit Fotos und Postkarten erzählen Günter und Ingrid Becker ihre Familiengeschichte. Sie führt auch nach Brasilien. Foto: cle.

Peters Patenkind Ingrid (Jahrgang 1940) hat inzwischen Günter Becker (Jahrgang 1938) geheiratet und lebt mit ihm seit 55 Jahren in Neunkirchen. Sie freuen sich über drei Kinder - Thomas, Sabine und Oliver. Ingrid Becker pflegt die Kontakte nach Brasilien, die ihre Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt hat. cle