Lebensberatung Neunkirchen begleitet traumatisierte Flüchtlinge

Lebensberatung Neunkirchen begleitet traumatisierte Flüchtlinge : So soll die verletzte Seele heilen können

Die Lebensberatung Neunkirchen begleitet traumatisierte Flüchtlinge. Mehr Bedarf als Angebot.

Schauplatz Bürgerkriegsland Syrien: Die junge Frau geht Wasser holen. Als sie zurückkommt, findet sie die Mutter und die beiden Kinder der Nachbarin zerfetzt. Opfer einer Bombe. Ein kleiner Junge geht mit seinem Onkel im Dorf spazieren. Ein Mann in Uniform begegnet ihnen, erschießt den Onkel. Ein Mann, mit seiner Frau auf der Flucht, hört im Lager die Worte: „Wir müssen dir jetzt ein paar Fragen stellen.“ Er landet im Foltergefängnis, wird selbst nicht gefoltert, hört aber immer wieder den Satz „Du bist der Nächste“. Und das Schlimmste sind die Schreie der anderen.

Drei Beispiele aus den Fall-Akten von Martin Ludwig von der Lebensberatung Neunkirchen am Hüttenberg (siehe „Info“). Die Erlebnisse und Erfahrungen haben die Menschen auf der Flucht mitgeschleppt. Ludwig erlebt in seinem Arbeitsalltag die Folgen. Traumatisierte Flüchtlinge zu begleiten, gehört zu den Aufgaben der bischöflichen Einrichtung. Geflüchtete machen inzwischen etwa 80 Prozent seiner Trauma-Klientel aus, sagt Ludwig. Eine Entwicklung, die mit Beginn der Flüchtlingswelle 2015 einsetzte. Gezeichnet von einschneidenden Erfahrungen in ihren Heimatländern und konfrontiert mit unvertrauten Verhältnissen im Fluchtland brauchen sie Unterstützung. Zur Lebensberatung kommen Kinder und alte Menschen, überwiegend Menschen in der Lebensmitte, wie Ludwig im Gespräch mit unserer Zeitung weiter berichtet. Es kommen Männer und Frauen, mehrheitlich Syrer, auch Kurden und vereinzelt andere Nationalitäten.

Im Jahresbericht 2018 hat Ludwig zur Erstbegleitung für Flüchtlinge festgehalten: „Bei den Themen stand Traumatisierung deutlich im Vordergrund. Zudem gibt es Berichte über Gewalterfahrung. Viele Flüchtlinge erleben auch einen Kulturschock. Die Tradition aus den Heimatländern stößt auf europäische Lebensweisen. Viele Geflüchtete leiden unter Traumafolgestörungen wie Depressionen, Schlafstörungen, Dissoziationen, Flashbacks, Alkoholprobleme, somatische Beschwerden.“

Trauma ist ein komplexer Begriff. In der Psychologie steht er für eine seelische Verletzung durch stark belastende Vorfälle. „Einher geht dabei das, was wir Verlust der Selbstwirksamkeit nennen“, sagt Trauma-Experte Ludwig. Der Mensch verliere Kontrolle über sein Leben. Er könne reagieren mit Kämpfen, Davonlaufen, Starre. Er könne gedanklich in eine anderen Welt verharren. Er könne emotional taub werden. Ihn da rauszuholen, ist die therapeutische Herausforderung.

„Nicht alle schlimmen Erlebnisse führen zu einer so genannten Posttraumatischen Störung“, sagt Ludwig. Wenn Symptome wie Schlafstörungen jedoch über Monate anhielten, drohe die Störung chronisch zu werden. Und Hilfe leiste am besten der Profi. Wenn Familie und Freunde Hilfe leisten wollten, so Ludwig, seien die Helfenden doch in einer anderen Beziehung zum kranken Menschen: „Sie leiden mit.“ Wenn Betroffene ihre Geschichte erzählten, sei Fachwissen des Zuhörenden nötig: Welche Bewältigungsstrategien sind möglich und nötig? „Die Therapie setzt einen Rahmen. Im geschützten Raum. Sie bietet die Gelegenheit, über Ereignisse und Folgen zu reden“, erklärt Ludwig. Sie biete Erklärungen an und Normalität: „Ich kann dem traumatisierten Menschen sagen: Sie haben normal reagiert auf ein unnormales Ereignis. Sie sind nicht verrückt, Sie haben keinen Fehler gemacht.“

Für die Ratsuchenden ist das Angebot kostenlos, so Ludwig. Es gilt Vertraulichkeit. Abrechnen kann die Lebensberatung ihre Flüchtlingshilfe – außerhalb des Regelangebots – übers Bistum Trier. Das Regelangebot finanzieren Bistum, Landkreis Neunkirchen und Stadt Neunkirchen.

Martin Ludwig von der Lebensberatung Neunkirchen. Foto: Claudia Emmerich

 Der Hauptpfad zur Lebensberatung am Hüttenberg führt über das Jobcenter Neunkirchen. Auch über Ehrenamtliche, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, laufen Kontakte. Ebenfalls über den eingesetzten Dolmetscher und zunehmend über Mundpropaganda. Wegen der hohen Nachfrage erfolgt das Beratungsangebot für Flüchtlinge am Hüttenberg vorwiegend samstags. Oft gelinge es aber nur, Termine in größeren Abständen anzubieten, sagt Ludwig. Und auch Wartezeiten ließen sich manchmal nicht umgehen. Grundsätzlich stellt Ludwig fest: „Der Bedarf für Trauma-Hilfe ist höher als das Angebot, das man derzeit machen kann.“

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