Kultur stiftet Identität

Auch wenn Sonne und Fußball „starke Konkurrenten“ (Jürgen Fried) waren: Der 2. SR2 Kulturstreit in der Reithalle entwickelte sich zum spannenden Schlagabtausch über Fragen der kulturellen Grundversorgung im Saarland, Vergabe von Lotto-Mitteln und der Positionierung einzelner Kommunen.

. Nein, dieser Abend war alles andere als öde - auch wenn das Thema, wie Moderator Johannes Kloth eingangs vermutete, für viele Mitmenschen genau diesen Anstrich habe. "Kultur vor Ort - zwischen City-Marketing und Ehrenamt" war der zweite SR Kulturstreit überschrieben, zu dem man gemeinsam mit der Saarländischen Gesellschaft für Kulturpolitik in die Stummsche Reithalle geladen hatten. Gleich die erste Antwort kam für die Zuhörer im nur mäßig besetzten Saal überraschend: "Wie steht es um die Kultur in den Gemeinden?" hatte sich Moderator Johannes Kloth bei Hausherrn Jürgen Fried in dessen Funktion als Vize-Präsident des saarländischen Städte- und Gemeindetages erkundigt. Zwar liegen keine statistischen Daten vor, bedauerte der. Aber man habe bei 20 Prozent der Kommunen stichprobenartig nachgehört und siehe da: Trotz Schuldenbremse habe es in den letzten Jahren keine oder nur minimale Einsparungen gegeben. Was Fried zufolge auch keinen Sinn machen würde. Immerhin sei Kultur Identitätsstiftend, ein Bildungsfaktor, fördere die Kreativwirtschaft und bleibt fürs Stadtmarketing unverzichtbar.

An dieser Stelle kam Frieds "Konkurrent" ins Spiel: der Berliner Kulturwissenschaftler Professor Dieter Haselbach. Dessen These lautet, grob formuliert, dass eine 50-prozentige Kürzung des öffentlichen Kulturetats zu keinem substantiellen Verlust für die Bürger führen würde. Fakt ist, dass die Ausgaben für Kultur weit auseinanderklaffen: "Von 1,50 Euro pro Einwohner in kleinen Gemeinden bis zu 200 Euro in Großzentren". Fehlende öffentliche Förderung würde gerade im ländlichen Raum durch Vereine und ehrenamtliches Engagement kompensiert.

Was Armin König , Bürgermeister und Kulturamtsleiter in Person, so nicht stehen lassen wollte. Immerhin verfüge Illingen über einen Etat von 100 000 Euro bei 16 000 Einwohnern und spiele beim Jazz in der ersten Liga mit. "Man muss sich Nischen suchen", was Kollege Fried so nur bestätigen kann. Stichwort Musicalstadt Neunkirchen . Die immer wieder geäußerte Kritik, das Musicalprojekt würde bevorzugt, ärgerte den OB: "Das ist getragen von großer Unkenntnis." Ersten sei es ein sozio-kulturelles Projekt und unterliege damit ganz anderen Maßstäben. Zweitens rede man von 130 000 Euro bei einem Gesamthaushaltsvolumen von 80 Millionen. Fast auf einer Wellenlänge ist Fried dagegen mit SZ-Kulturkritikerin Sabine Graf, die die Stadtgalerie - ihrer Meinung nach von Anfang an überambitioniert für die Ex-Hüttenstadt - in Frage stellt: "Besser wäre doch ein regional-stadtgeschichtliches Museum", wobei sie die Bemühungen anerkannte, mit Mode oder Fotoausstellungen neuen Wind und mehr Besucher in die heiligen Hallen des KULT zu holen.

Die neue Städtische Galerie ist ein kulturelles Highlight der Kreisstadt Neunkirchen. Foto: Jörg Jacobi. Foto: Jörg Jacobi

Diskutiert wurde auch über den dringend benötigten, aber nicht vorhandenen kulturpolitischer Landesentwicklungsplan und Toto-Gelder, die "gießkannenartig" überm Land verteilt werden - "ohne System, ohne Struktur", so Fried. "Wir haben zu viele mittelmäßige Projekte im Saarland", betonte König. Eine interkommunale Abstimmung tue Not, gerade mit Hinblick auf strukturelle Entwicklungen (Überangebot an Veranstaltungshallen) sei aber illusionär, so der allgemeine Konsens. Was also tun? "Das Gießkannenprinzip ablehnen und für Entscheidungen zunächst eine entsprechende Datenlage schaffen", gab Kloth abschließend dem Städte- und Gemeindetag als Hausaufgabe mit auf den Weg.

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