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Kirche Neunkirchen und Corona-Krise

Corona-Krise : Verzicht auf den tröstenden Händedruck

Beispiel St. Marien Neunkirchen: Wie Seelsorger sich in Corona-Zeiten zwischen Nähe und Distanz bewegen.

Sie stecken in einem Dilemma. Sie fühlen den Widerspruch, der sich kaum auflösen lässt. „Wir als Kirche suchen doch Nähe zu den Menschen. Jetzt müssen wir auf Distanz bleiben“, bringen es Pfarrer Michael Wilhelm, Kaplan Peter Zillgen und Diakon Oswald von St. Marien Neunkirchen im Gespräch mit unserer Zeitung auf den Punkt. Das Corona-Virus und die immer einschneidenderen gesellschaftlichen Gegenmittel wirken auch ein auf das Wirken der Seelsorger.

Wilhelm legt die überarbeiteten Informationen der Pfarrgemeinde zur Corona-Pandemie auf den Tisch, die auch das pastorale Leben beeinflusst. Online hat er sie am frühen Morgen schon aktualisiert. Der April-Pfarrbrief war bereits gedruckt, als sich die Corona-Krise verschärfte und alles überholte, staatliche Regeln und auch bischöfliche Vorgaben aus Trier. Also haben sie für St. Marien ein erstes Update gedruckt und den Pfarrbriefen beigelegt. Doch Corona weitet sich aus und erzwang ein zweites Update am 18. März. Um 0 Uhr in der Nacht zu Samstag dann sollte die Landesregierung weitere Ausgangsbeschränkungen verhängen, ab Montag sich Bund und Länder auf noch strengere Regeln für soziale Kontakte einigen.

Laut Info-Brief der Pfarrgemeinde gilt: Es werden erstmal keine öffentlichen Gottesdienste gefeiert. Die Erstkommunion ist abgesagt. Veranstaltungen, wie sie noch im Pfarrbrief aufgeführt sind wie Gruppentreffen, Chorproben oder ökumenischer Kreuzweg fallen aus. Der Kirchenladen „Momentum“ bleibt vorerst geschlossen. Das Pfarrbüro ist weiter besetzt, soll aber nach Möglichkeit telefonisch oder digital genutzt werden. Älteren und kranken Menschen wird Hilfe beim Einkaufen angeboten (Siehe „Info“). Und um die Kirche als Ort des Gebets aufzusuchen und die Kommunion empfangen zu können, ist die Marienkirche geöffnet Sonntag 10 bis 11.30 Uhr und Montag bis Samstag 18 bis 19 Uhr. Am Vorabend des SZ-Gesprächs, berichtet die Runde, haben 20 Menschen die Kirche aufgesucht: „Sie saßen weit verteilt, aber eben doch verbunden.“

Was aber bedeutet die Corona-Krise für besondere Gottesdienste wie Beerdigungen, Trauungen, Taufen? Kirchen zu, hat das Bistum entschieden. Und nur fünf Menschen sollen dabei sein dürfen, sagt das Land. Problematisch. Trauungen, Taufen - die lassen sich planen. Und verschieben. „Hier haben auch alle Beteiligten mitgemacht“, berichtet Zillgen. Bis Ende April waren vier Taufen, eine Hochzeit und eine Goldhochzeit angemeldet. Die Feiern werden nachgeholt, so denn wieder ohne irgendwelche Einschränkungen getraut und getauft werden kann. Beerdigungen dagegen lassen sich nun mal nicht planen und verschieben. Die Trauerhalle der Stadt auf dem Furpacher Friedhof ist inzwischen ebenfalls geschlossen. Und jetzt? „Treffen an der Trauerhalle und dann der Weg zum Grab, dort Beerdigung mit allen Ritualen“, beschreibt Wilhelm. Am Freitag hatte Wilhelm seine erste Beerdigung mit Personen-Maximum und Abstand-Minimum. Fünf Personen – wie wollen Angehörige das entscheiden? Was ist, wenn mehr am Grab stehen? Wer kontrolliert? Kann man das überhaupt einfordern? Aber auch er als Pfarrer, sagt Wilhelm, könne nicht so auftreten, wie er das sonst tue: Tröstender Händedruck für die Trauernden, auch mal eine Umarmung. „Da muss ich mich zurücknehmen.“

Todesanzeigen verweisen in diesen Tagen auf „Beisetzung findet aus aktuellem Anlass im engsten Familienkreis statt“. Manchmal heißt es auch „Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir alle, die sich verabschieden möchten, zu einer Trauerfeier einladen“.

Aber Corona berührt auch die alltägliche Seelsorgearbeit. „Ich habe die Tage ganz viel telefoniert“, sagt Jenni. Diejenigen angerufen, bei denen er glaubt, nachhören zu sollen, ob alles in Ordnung ist. Wilhelm hat einen Krankenbesuch in häuslicher Umgebung gemacht. Dabei sollen ja soziale Kontakte vermieden werden. „Ich habe den Besuch aber als Notfall angesehen“, sagt Wilhelm. „Das ist ja das Schwierige“, stellt Kaplan Zillgen fest: „Wir müssen Menschen schützen, indem wir sie nicht besuchen.“ Achtsamkeit auf den Mitmenschen, in der Nachbarschaft, dafür sei jetzt die Zeit: „Bei uns melden, wenn jemand von einem Menschen weiß, der uns jetzt brauchen könnte“, appelliert Zillgen an seine Pfarrgemeinde.

„Wir sind jetzt eine Schicksalgemeinschaft“, sagt Wilhelm und bindet alle Menschen ein. „Wir hängen alle voneinander ab, wie jeder handelt.“ Das Corona-Virus hat den Menschen vor Augen geführt, „wie zerbrechlich doch auch alles ist“, formuliert es Jenni. Zillgen: „Wir müssen uns überlegen, wie wir in Zeiten, in denen wir auf Distanz gehen müssen, Nähe herstellen können.“ Nähe zu den Menschen, doch der eigentlich Sinn von Kirche.