Jörg Aumann, Oberbürgermeister von Neunkirchen, im SZ-Interview

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit OB Aumann : „Es kann ein neuer Stadtteil entstehen“

Im Gespräch mit der SZ erzählt Jörg Aumann, was er in den kommenden Jahren in Neunkirchen auf den Weg bringen möchte.

Vor 107 Tagen hat Jörg Aumann die Amtsgeschäfte der Kreisstadt Neunkirchen von Jürgen Fried übernommen. Die Gepflogenheiten in der Stadt und in seiner Verwaltung kennt der Sozialdemokrat aus dem Eff-Eff, schließlich hat er bereits zehn Jahre als Bürgermeister hier gewirkt. In seiner jetzigen Amtszeit hat er viele Themen auf der Agenda: von der Entwicklung der Weststadt über die Sicherheit in der City bis zum Bau eines Hüttenmuseums.

Herr Aumann, welches Thema liegt Ihnen besonders am Herzen, wenn sie auf die kommenden zehn Jahre ihrer Amtszeit blicken?

Jörg Aumann: Das wichtigste Thema überhaupt ist Stadtentwicklung. Ein Thema, das vieles beinhaltet, weitaus mehr als das Planen einiger neuer Gebäude und Straßen. Stadtentwicklung betrifft Wirtschaft, Bildung, Bauplanung, Umwelt und vieles mehr. Bereiche, in denen in den letzten Jahren ein Umdenken notwendig war. Die starken Migrationsbewegungen beispielsweise machen etwas mit einer Stadt. Die Innenstadt verändert sich dadurch sehr stark, und darauf muss man in der Stadtentwicklung reagieren.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Aumann: Es kommen viele Familien mit Kindern. Das heißt für uns, dass wir unsere Betreuungs- und Bildungseinrichtungen stärken müssen, um die jungen Menschen mitzunehmen. Und wir wissen, dass es sich häufig um Kinder mit einem besonders hohen Betreuungsbedarf handelt. Ein weiteres Beispiel ist die demografische Entwicklung. Man muss bei der Entwicklung der Innenstadt darauf achten, dass immer mehr ältere Menschen dort leben, die ein Recht darauf haben, dass es dort bequem, sicher, sauber und behindertengerecht ist. All das sind Dinge, auf die wir künftig unseren Fokus lenken werden.

Lässt sich so etwas mit den jetzigen Strukturen der Verwaltung bewerkstelligen?

Aumann: Es gibt wieder ein Amt für Stadtentwicklung und Stadtplanung. Auch den Baubereich haben wir neu geordnet. Die ausführenden Bautätigkeiten wie Straßen-, Kanal-, auch Hochbau wurden in einem Amt zusammengefasst und beschäftigen sich mit der Ausführung der Baumaßnahmen, aber um die Planung und Entwicklung kümmert sich ein eigenes Amt. Auch Citymanagement und Stadtmarketing spielen dabei eine wichtige Rolle und sind in diesem Amt angesiedelt. Wir werden die Verwaltung, was die Struktur betrifft, schon etwas verschlanken. Auch die Anzahl der Stabsstellen wird reduziert.

Auch die Weststadt wird sich in den kommenden Jahren deutlich verändern. Nicht zuletzt durch den Bau eines Globus-Marktes...

Aumann: ... und dem damit verbundenen Wegfall des Gasometers. Dadurch fallen auch jede Menge Leitungen weg, die die Entwicklung dort bislang gehemmt haben. Zwischen dem Landesamt für Straßenbau und dem Kutscherhaus wird ein Areal entstehen, das man entwickeln kann. So werden wir etwa ein Gutachten erstellen lassen, mit dem Hintergrund, ob sich der dortige Absinkweiher so sanieren lässt, dass ein Ort der Naherholung entstehen kann. Mit einem Rundweg, Bänken, quasi ein kleiner Park. In der westlichen Innenstadt sehe ich noch jede Menge Potenzial.

Auch der Bau einer Klinik würde sich in dem Bereich anbieten und war ja bereits im Gespräch.

Aumann: Auch das. Stimmt. Dafür haben wir bereits einen Bereich in der Nähe der B 41 vorgesehen. Ob es dazu kommen wird, weiß ich nicht, aber ich hoffe es. Es hängt im Wesentlichen von einer Förderung durchs Land ab. Die Diakonie wird nur dann neu bauen, wenn das Land massiv hilft. Aber die Landesregierung hat ja ihre Liebe zum Nordsaarland-Klinikum wieder entdeckt. Ich hoffe, dass die entsprechenden Fördertöpfe auch für uns so voll sind, dass diese strukturelle Schwäche, die wir derzeit haben, durch ein neues Klinikum behoben wird. Dort kann in der Tat ein neuer Stadtteil von Neunkirchen entstehen.

Zur Stadtentwicklung gehört auch die geplante Kita im Stadtpark, deren Bau an dieser Stelle nicht unumstritten war. Dennoch wird der Bedarf an Kitaplätzen damit nicht gedeckt sein. Sind weitere Kitas geplant?

Aumann: Wir werden noch eine große Kita brauchen. Das ist klar. Auch eine dreizügige Grundschule werden wir in den nächsten Jahren benötigen. Derzeit sind wir auf der Suche nach Standorten in der Innenstadt, aber noch lässt sich nichts Konkretes sagen.

Aber in den Stadtpark wird nichts mehr gebaut?

Aumann: Nein. Auch nicht ins Wagwiesental.

Viel diskutiert wird nach wie vor über die Bliesterrassen. Gibt es dort noch Pläne, die die Weiterentwicklung betreffen?

Aumann: Die Kritik nehme ich mir auch zu Herzen. Ganz wichtig ist, dass wir auf der Nordseite eine ordentliche Anbindung für Menschen mit Behinderung schaffen. Sagen wir so: Wir müssen an der ein oder anderen Stelle noch nacharbeiten. Im Großen und Ganzen sind die Reaktionen auf die Terrassen aber positiv.

Unter Oberbürgermeister Jürgen Fried hat sich Neunkirchen auf der kulturellen Ebene einen Namen gemacht. Sie sind durch und durch Sportler und als Marathonläufer auf der ganzen Welt unterwegs. Soll Neunkirchen unter Jörg Aumann noch mehr zur Sportstadt werden?

Aumann: Sollten Sie damit meinen, dass Neunkirchen wieder einen Verein braucht, sei es im Handball oder im Fußball, der oben mitspielt, muss ich das klar verneinen. Dafür fehlt einfach das Geld. So etwas muss ein Verein aus eigener Kraft schaffen. Ich sehe Sport in unserer Stadt als ganz wichtigen Integrations-Motor. Mit Sport lassen sich soziale und kulturelle Schranken überwinden. Von daher ist jeder Sportverein, der Menschen integriert und junge Menschen in die soziale Gemeinschaft einbindet, lohnenswert, wichtig und förderwürdig.

Um Sport zu treiben, werden auch Sportstätten benötigt. Daran herrscht derzeit Mangel.

Aumann: Eine Sporthalle in der Innenstadt ist absolut notwendig. Dafür werden wir uns weiterhin einsetzen. Unser Sportamt, das die Hallenzeiten verteilt, bekommt es zwar noch irgendwie hin, aber wir sind überall knapp und können nicht alle Wünsche bedienen. Eine klassische Mehrzweckhalle fehlt uns einfach.

Eine Sportstätte, die vielen am Herzen liegt, ist das Ellenfeldstadion, um das derzeit viel gesprochen wird. Auch darüber, dass ein Abriss der Spieser Kurve anstehen könnte. Ist dem so?

Aumann: Wir werden demnächst unsere Ideen mit dem Präsidium der Borussia diskutieren. Wir sind der Meinung, dass wir die zwei Millionen Euro an Fördergeldern so investieren müssen, dass sie dem Verein zugute kommen. Ich verstehe, dass es Leute gibt, die großen Wert auf das Stadion legen. Aber das Geld muss in einem fairen Verhältnis aufgeteilt werden. So sind etwa viele Toiletten sanierungsbedürftig. Sollte die Spieser Kurve besondere Stütz- oder Erhaltungsmaßnahmen erfordern, müssen wir auch das prüfen, um den Stadionkörper in seiner historischen Einzigartigkeit zu erhalten. Meine persönliche Meinung, auch als Jurist, ist die, dass die Spieser Kurve auch als Schall- und Sichtschutz zum angrenzenden Wohngebiet dient. Würde man die komplett zurückbauen, wären die Emissionswerte beim Fußball und Football deutlich höher. Ich kann derzeit keinen Mehrwert im Abriss der Kurve erkennen.

Und bei der Kultur? Wir es dort Abstriche geben?

Aumann: Ich teile zu 100 Prozent die Einschätzung, dass alles, was in Sachen Kulturentwicklung auf den Weg gebracht wurde, richtig war. Und so wird es auch weitergehen. Es wird keine Abstriche geben, nur weil Jürgen Fried kein OB mehr ist. Was mir noch am Herzen liegt, ist ein Hüttenstadtmuseum im Bereich der ehemaligen Hütte. Dort gehört das hin.

Raus aus der Stadt, hinein in die Stadtteile. Auch dort gibt es einiges zu tun.

Aumann: Natürlich sind mir auch die Stadtteile wichtig. Auch das gehört zur Stadtentwicklung. Beispielsweise wollen wir in Wellesweiler den Stengelplatz erweitern. In Wiebelskirchen haben wir die Entwicklung der Ortsmitte rund um den Kirmesplatz im Fokus, wobei die Ansiedlung eines Einkaufsmarktes wegen der Hochwassersituation dort schwierig ist. Auch würde ich mir wünschen, dass Netto offensiver an die Öffentlichkeit geht und über die Planung des Lebensmittelmarktes in Furpach informiert. Ich hoffe, dass es dort jetzt voran geht. In Kohlhof entwickeln wir mit dem Täufergarten Süd ein neues Wohngebiet und sind von daher ständig im Wachstum. Für Hangard entwickeln wir ein Konzept für den Vorplatz der Ostertalhalle. In Heinitz beschäftigt uns die Sanierung durch die RAG.

Im Wahlkampf stand das Thema Sicherheit bei allen Kandidaten ganz oben auf der Liste. Auch bei Ihnen. Was soll getan werden, um das Sicherheitsgefühl der Menschen zu stärken?

Aumann: Zunächst einmal muss man festhalten, dass Neunkirchen so sicher ist wie andere Kommunen vergleichbarer Größe. Aber natürlich sind wir keine Stadt ohne Straftaten. Eine Schwäche unsere Innenstadt ist sicherlich, dass sie ab einem gewissen Zeitpunkt am späten Abend wenig frequentiert ist. Wer dann alleine unterwegs ist, fühlt sich verständlicherweise nicht sicher. Mir fehlt einfach die Präsenz der Vollzugspolizei in der Innenstadt. Die ist zu gering. Wir verlangen schon lange eine gemeinsame Wache von Ordnungsdienst und Polizei. Wir brauchen eine höhere Präsenz von Sicherheits- und Ordnungskräften, auch in der Nacht. Vor allem im Bereich Wellesweiler-, Brücken-, Lutherstraße und Stummplatz. Dort müsste deutlich stärker bestreift werden. Vor allem in den Abendstunden.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie sich gerne in sozialen Netzwerken bewegen. Man kann durchaus sagen, dass sie ein Freund der Digitalisierung sind. Wird sich das auch auf die Verwaltung auswirken?

Aumann: Wir sind mit unserer Verwaltung schon recht gut dabei, etwa durch die digitale Akte, was auch zur Vermeidung von Papier beiträgt. Aber es gibt noch jede Menge Potenzial, um die Verwaltung und auch die Bürgerdienste noch effizienter zu machen. Ziel ist es, dass die Menschen sich Behördengänge ersparen können, weil sie die Möglichkeit haben, diese online zu erledigen. Wir überlegen auch, wie wir uns als Stadt in einer App präsentieren können. Eine App, über die Störungen, wie etwa eine defekte Straßenbeleuchtung oder auch illegale Müllablagerung gemeldet werden können, gibt es bereits für Neunkirchen. Auch werden wir ein Konzept für unsere Social-Media-Arbeit entwickeln, um dort offensiver unterwegs zu sein und Falschmeldungen mit Stellungnahmen entgegen zu treten.

Stichwort Klima. Wie wird sich Neunkirchen am Kampf gegen den Klimawandel beteiligen?

Das Rathaus von Neunkirchen. Foto: Marc Prams

Aumann: Unser Klimaprojekt wollen wir weiter ausbauen und auch an einem Radwege-Konzept arbeiten, aber ich bin mir bewusst, dass man eine Stadt nicht im Hauruck-Verfahren ändern kann. Ich sage mal so: Der mobilisierte Individualverkehr wird an der ein oder anderen Stelle Zugeständnisse gegenüber Radfahrern und ÖPNV machen müssen. Aber das ist etwas, was sich ein Großteil der Menschen wünscht. Zudem arbeitet der Stadtrat zurzeit an einer Klimaoffensive.