| 20:51 Uhr

Jan Becker
Jan Becker servierte ein Stück Graubrot der Hypnosekunst

Neunkirchen. Von Anja Kernig

Wie lieb. Der Meister ist noch gar nicht in Aktion getreten, da muss man ihn schon mögen. Anders als beim letzten Mal – im Oktober 2015 – liegen auf den Stühlen keine Werbeprospekte, sondern – ein schwedischer Möbeldiscounter lässt grüßen – ein kleiner Holzbleistift. Dazu ein weißes Karteikärtchen und „Der Himmelsbrief“. Über letzteren verliert Jan Becker in der gleich folgenden, nicht allzu langen Show kein Sterbenswörtchen. Zum Glück ist der Text auf der Din-A4-Kopie selbsterklärend: „Der, der diesen Brief bei sich trägt, wird stark sein, voller Kraft, gesund und reich.“ Da hat sich das Eintrittsgeld am Sonntag in der Gebläsehalle schon gelohnt – gleichzeitig fragt man sich, was den Bestsellerautor auf Tournee treibt. Ums Geldverdienen kann es angesichts dieser Connections ja schon mal nicht gehen.


Nein, „Deutschlands erfolgreichster Hypnosetrainer“ (steht auf der Homepage) hat eine Vision. Oder Mission. Oder beides. „In jedem Menschen stecken fantastische Talente, die den Einzelnen über sich hinaus wachsen lassen. Dieses Wissen weiterzugeben und die Menschen dazu zu bewegen, ein neues Bewusstsein für ihre eigenen geistigen Stärken zu schaffen, ist mir ein großes Anliegen.“ Sagt Jan Becker – und schenkt einem abstiegsgefährdeten Bundeligisten einen Heimsieg (2009), hilft Berliner Radiohörern beim Abnehmen (2016) und lässt Männer menstruieren (2018). An diesem Abend aber beschränkt sich der Mentalist auf das Graubrot der Hypnosekunst, auf die üblichen Techniken mit den üblichen Verdächtigen. Da werden per Massensuggestion Hunderte Händepaare zusammen „geklebt“, Leute mit einem Fingerschnipsen auf Stühlen fixiert, lässt Becker seine handverlesenen Probanden lachen oder in Trance fallen und Dinge sehen, die gar nicht existieren. Das ist faszinierend. Keine Frage.

Leider hat er das genau so auch schon vor drei Jahren in einer fast identischen Show getan – inklusive solcher Partygags wie „Bens Mutter hat drei Kinder: den Däumling, den Zeigling und den…? “ Das fragt der große Meister eine aufgeregte Zuschauerin, ihr die entsprechenden Finger unter die Nase haltend. „Mittel... irgendwas“ rätselt die arme Frau. Becker wiederholt mehrfach die Frage mit bedeutungsschwangerem Ton. Die Antwort bleibt gleich. Tja, schade, „Ben“ wäre richtig gewesen. Auflösung: Wir sprechen auf optische Signale stärker an als auf akustische. „Das ist dein Applaus“, ruft Becker. Und blendet aus, dass sich dafür jemand gerade voll zum Obst machen musste.



Dass es ein Heimspiel für den gebürtigen Neunkircher ist, verrät er mit keiner Silbe. Sein Auftritt wirkt routiniert, phasenweise stellt Becker auf Autopilot. Es funktioniert ja auch so ganz gut. Unbestritten ist da immer noch Charisma. Aber den angekündigten „hintergründigen Humor“ bleibt der 43-Jährige schuldig, genau wie das angebliche Ausleben seiner „Leidenschaft für Poesie und Musik“. Nicht, dass es das bräuchte, aber warum wirbt man damit?

Höhepunkt der Show ist die Gedankenlesen-Nummer. Dafür müssen alle ihren Namen, ihr Geburtsdatum plus drei imaginierte Gegenstände aufs Karteikärtchen schreiben. Die sammelt Becker vorn ein — und nennt anschließend drei Namen plus Geburtsdatum plus die zugehörigen Gegenstände, ein Barren, Eimer und Pinsel etwa bei Ralf. Schön, wer daran glauben kann, dass dies allein kraft seiner Gedanken gelingt und nicht durch simples Ablesen und Einprägen. Schlussendlich darf sich ein Liebespaar auf offener Bühne küssen und für den Nachhauseweg spendiert der schwarzgekleidete Hüne noch einen letzten Kalenderspruch: „Das einzige, was zählt, ist der Moment.“ Auch wieder wahr.