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„In der Kunst ist das Abnorme salonfähig“

„In der Kunst ist das Abnorme salonfähig“

Bekannt wurde er für seine Psychiatriereform. Heute schreibt Wolfgang Werner über die Verbindung zwischen Kunst und Seelenwohl. Kommenden Donnerstag stellt er sein neues Buch in Neunkirchen vor.

Es ist unglaublich bereichernd, Wolfgang Werner zuzuhören. Während seines kurzen Besuchs bei der SZ schafft es der bekannte Psychiater mühelos, in einfachen Worten den Bogen zu spannen von der massenhaften Vergasung von Kranken und Behinderten im Dritten Reich und der Integration dieser Menschen in unsere heutige Gesellschaft bis hin zu der Frage, ob Kranke überhaupt ein Krankenhaus brauchen.

Wolfgang Werner war es, der im Saarland als erstem Bundesland die psychiatrische Behandlung dezentralisierte (siehe: Auf einen Blick). "Man kann sich in seinem eigenen sozialen Umfeld besser entwickeln", erklärt Werner. In Australien würden psychisch kranke Menschen teils zu Hause behandelt. Dieses Modell gefalle ihm: "Mein Traum ist das Fehlen des Krankenhauses", sagt der Psychiater . Den Anstieg psychischer Erkrankungen führt er auf mehrere Gründe zurück. Zum einen gebe es immer mehr prekäre Lebensverhältnisse, die "Suff" förderten und damit auch körperliche und psychische Krankheiten. Zum anderen liege es auch daran, dass heute mehr Menschen mit seelischen Leiden zum Arzt gingen.

Viele Ärzte diagnostizierten die Krankheiten heute auch schneller. Eins stellt Werner aber dennoch klar: "Es gibt immer noch viele, die sich schämen." Das müsse sich ändern, findet der Reformpsychiater, schließlich seien psychisch Kranke "normale Menschen".

Nach dem Ausscheiden aus dem Psychiatriewesen hat Werner neben seiner Dozententätigkeit einen Weg gefunden, um eine Diskussion über diese Frage anzuregen. Unter der Überschrift "Eine Kunstreise durch das Land der Psychiatrie " sind im Tübinger DGVT-Verlag bereits zwei Bücher von Werner erschienen. Über die Kunst, so steht es im Buchrückentext, sollen "neue Zugänge zu wesentlichen Fragen der seelischen Gesundheit und Krankheit" gefunden werden. Werner stellt dabei eine Verbindung zwischen bekannten Kunstwerken und Einzelschicksalen psychisch Kranker her. "In der Kunst ist das Abnorme salonfähig", erklärt Werner im Gespräch mit der SZ. Genauso wie der Mensch Modell für die Kunst sei, könne auch der Mensch von der Kunst lernen.

Gemeinsam mit dem Autor Johannes Kühn wird Werner kommende Woche in Neunkirchen sein neuestes Werk "Bereitsein ist alles" vorstellen. Den Besucher erwarte eine Mischung aus Lesung und Gespräch. Es werde zwar keine lustige, aber dennoch unterhaltsame Veranstaltung, verspricht Werner. Kurz: ein Abend "zum Mitleiden und Mitfreuen" mit der Gelegenheit, "Gedanken für sich zu entdecken".

Info: Literarischer Abend mit dem Reformpsychiater Dr. Wolfgang Werner am Donnerstag, 22. September, um 18 Uhr in der Cafeteria des Fliedner-Krankenhauses Neunkirchen , Theodor-Fliedner-Straße 12. Veranstalter sind die Alex-Deutsch-Stiftung und das Adolf-Bender-Zentrum. Unterstützt wird der Abend vom Landkreis und der Sparkasse Neunkirchen .

Zum Thema:

Auf einen Blick Wolfgang Werner wurde am 24. Oktober 1939 in Niederkirchen geboren, wuchs aber in Neunkirchen auf. Dort ging er auch zur Schule. Werner studierte Germanistik und Altphilologie, später Medizin. 1978 wurde er Ärztlicher Direktor des Landeskrankenhauses in Merzig, der damals einzigen Psychiatrie im Land, welche er 20 Jahre später auflöste und durch ein System von vielen kleineren Diensten im Saarland ersetzte. 2000 wurde der Reformpsychiater Honorarprofessor an der Universität Trier . Werner arbeitet zudem als Buchautor. rob