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Ärztlicher Nachwuchs
Junge Ärzte braucht das Land

Ausbildung am Puls der Zeit: Dr. Marc Wrobel (links) setzt sich für ein fortschrittliches Ausbildungsprogramm in Neunkirchen ein, um Medizinstudenten wie Philip Rauchschwalbe für die Region zu gewinnen.
Ausbildung am Puls der Zeit: Dr. Marc Wrobel (links) setzt sich für ein fortschrittliches Ausbildungsprogramm in Neunkirchen ein, um Medizinstudenten wie Philip Rauchschwalbe für die Region zu gewinnen. FOTO: Petra Alles
Neunkirchen. Diakonie Klinikum Neunkirchen wirbt um Medizinstudenten: Ausbildung im Praktischen Jahr modernisiert. Von Petra Alles

„Ach, der Herr Doktor!“, begrüßt die Patientin Philip Rauchschwalbe im Behandlungszimmer. Bis er sich tatsächlich so nennen darf, dauert es noch ein bisschen. Rauchschwalbe ist noch in der Ausbildung. Er absolviert sein Praktisches Jahr (PJ) am Diakonie Klinikum Neunkirchen (DKN). Die Patientin weiß das. Aber es kümmert sie nicht, Hauptsache, jemand hilft ihr. Und das kann er.


Fragt man den 26-Jährigen aus Darmstadt warum er Humanmedizin studiert, wartet man vergeblich auf eine rührselige Geschichte. „Ich habe als Kind nie einem verletzten Vögelchen das Leben gerettet“, erklärt er amüsiert. Vielmehr wollte er lernen, wie der menschliche Körper funktioniert, warum er krank wird und wie man ihn wieder gesund macht. Eigentlich hatte er sich mit seinem Notendurchschnitt von „nur“ 1,5 im Abitur keine Chancen auf einen Studienplatz ausgerechnet. Von der Universität in Homburg hat er aber eine Zusage bekommen. Dort studiert er seit fünf Jahren. Jetzt steht der praktische Teil an, das PJ.

In Deutschlands Kliniken buhlt man um junge Mediziner wie ihn. Denn aktuell mangelt es an ärztlichem Nachwuchs. Besonders in eher ländlichen Regionen. Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen übersteigt das Angebot bei weitem. „Die meisten Studenten wollen in Großstädte wie Berlin oder München. Zum Großteil aber auch ins Ausland“, stellt Rauchschwalbe fest. Um dem Ärztemangel in unserer Region entgegenzusteuern, hat das DKN sein Ausbildungsprogramm für Medizinstudenten im Praktischen Jahr vor rund einem Jahr grundlegend überholt. Gemeinsam mit der Gemeinschaft Neunkircher Vertragsärzte GbR (GENEVA) hat die Klinikleitung zusätzlich einen Lösungsansatz entwickelt, um die Übergänge zwischen ambulanter und stationärer Ausbildung in der Allgemeinmedizin zu vereinfachen. Ergebnis ist ein ein übergreifender Weiterbildungsplan für den Fachbereich. Damit macht sich das Krankenhaus attraktiv für angehende Mediziner, auch für die, die nicht aus dem Saarland stammen.



Dr. Marc Wrobel, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin, Studienleiter und stellvertretender ärztlicher Direktor am DKN, hat das Projekt in die Hand genommen. „Das Diakonie Klinikum ist seit 1973 akademisches Lehrkrankenhaus. Seitdem hat sich viel getan. Wir arbeiten mit dem Universitätsklinikum Homburg zusammen. Jungen, talentierten Medizinstudenten bieten wir nun eine faire, zeitgemäße Ausbildung. Und möchten sie anschließend am liebsten behalten“, erklärt Wrobel. Wöchentliche Fortbildungen, Notarzteinsätze, freiwillige Nacht- und Wochenenddienste sind neben dem üblichen PJ-Unterricht möglich. „Die Studenten nehmen die Angebote gerne wahr. Sie haben großen Tatendrang und Wissensdurst. Und sie können sich durch freiwillige Dienste auch etwas dazu verdienen.“

Auch für Rauchschwalbe ist das interessant. Denn die PJ Studenten bekommen keinen Arbeitslohn, sondern eine Aufwandsentschädigung. Die ist für die Kliniken freiwillig und liegt laut einer Erhebung des Hartmannbundes zwischen null und 735 Euro im Monat. Dabei arbeiten die Mediziner in spe, ohne die Zusatzdienste, acht Stunden täglich. Grund genug für Wrobel, die Aufwandsentschädigung die das DKN zahlt, an dem Höchstsatz zu orientieren: Studenten erhalten 600 Euro und Vergünstigungen für Wohnen und Essen. „Unser größter Fortschritt im neuen Ausbildungsprogramm ist die Wertschätzung, die wir den zukünftigen Ärzten entgegenbringen, sowohl finanziell als auch fachlich. Die Studenten sind keine Bittsteller. Sie sind neue Kollegen und Teil des Teams. Wir haben Nachwuchs neu definiert. Es ist nicht zielführend, einen Studenten direkt vom Hörsaal an den Patienten zu stellen. Wir leiten sie ordentlich an und lassen sie unter professioneller Aufsicht selbst anpacken“, fasst der Studienleiter das Konzept zusammen.

Im Fokus steht auch die Kommunikation zwischen Ärzten, Studenten und Patienten. Eines der Fortbildungsangebote simuliert beispielsweise eine Welt ohne Geräte und Strom. Der Internist PD Dr. Matthias Frank lehrt die Studenten durch klassische Fragestellung und manuelle Untersuchungen am Patienten, eine Diagnose zu stellen. Schon bei der Frühbesprechung überlegen sich die Oberärzte, welche Fälle für die Nachwuchsmediziner interessant sind. „Die Ärzte sind immer greifbar und rufen uns zwischendurch an, wenn sie einen Fall haben, bei dem wir was lernen können.“

Das kommt gut an. Für Rauchschwalbe war diese Einstellung ausschlaggebend, dass er sich für das PJ in Neunkirchen beworben hat. Im Internet gibt es ein bundesweites Ranking für Lehrkrankenhäuser. Das Diakonie Krankenhaus Neunkirchen schneidet überdurchschnittlich gut ab. Die PJ-Plätze sind ständig belegt. Die Universität hat angefragt, die Kapazitäten um weitere acht Stellen zu erweitern. Mittlerweile können insgesamt 20 Studenten ein PJ am DKN absolvieren. Laut Wrobel sind aus den vergangenen Tertialen fünf Studenten als Assistenzärzte zurück ans DKN gekommen. Der Darmstädter gehört dazu: „Es war nicht mein Plan, so lange zu bleiben. Aber ich habe mich schnell eingelebt, erhalte eine gute Ausbildung und spiele beim TV Homburg in einer Handballmannschaft, in der es mir wirklich gutgeht. Ich fühle mich wohl im Saarland.“