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Haltestelle als Treffpunkt im Haus

Haltestelle als Treffpunkt im Haus

Kreis Neunkirchen. Einfach mal wieder unabhängig sein, in eine alte und vertaute Umgebung zurückehren, nach Hause fahren - diese Momente gibt es bei vielen demenzkranken Menschen. Die Folge: Sie werden unruhig und suchen die nächste Bushaltestelle auf und warten dort auf den Bus, der sie - so glauben sie - nach Hause bringt

Kreis Neunkirchen. Einfach mal wieder unabhängig sein, in eine alte und vertaute Umgebung zurückehren, nach Hause fahren - diese Momente gibt es bei vielen demenzkranken Menschen. Die Folge: Sie werden unruhig und suchen die nächste Bushaltestelle auf und warten dort auf den Bus, der sie - so glauben sie - nach Hause bringt. Damit sich die verwirrten Menschen nicht selbst in Gefahr bringen, gibt es an immer mehr Seniorenheimen sogenannte Schein-Bushaltestellen. Rein optisch unterscheidet sie nichts von einer echten Haltestelle - nur dass hier kein Bus fährt. Im Seniorenheim St. Josef in Eppelborn ist gestern eine ganz besondere Schein-Haltestelle eingerichtet worden. Diese befindet sich nicht im Außenbereich der Pflegeeinrichtung, sondern im Wohnbereich Toscana. Ein Haltestellenschild mit der Aufschrift "St. Josef - Toscana" ist schon von Weitem sichtbar und weist den Weg zum neuen Treffpunkt.Die Idee dazu hatte Sabrina Keller, leitende Pflegefachkraft. "Den Anstoß gab eine Fortbildung", sagt Keller. "Die Haltestelle soll für die Bewohner zu einem Treffpunkt und einem vertrauten Ort werden." Ein aufgemalter Fahrplan zeigt hier nicht die Abfahrtszeiten von Bussen, sondern gibt einen Überblick über den Wohnbereich. Auch ein Kalender, aktuelle Informationen und eine Uhr sollen den Demenzkranken eine Orientierung bieten. "Soweit ich weiß, gibt es eine solche Schein-Bushaltestelle bisher nicht im Saarland", sagt Keller. Baulich umgesetzt wurde ihre Idee von Haustechniker Jörg Jungblut. Der hat nicht nur das Schild angebracht und eine Bank aufgestellt, sondern auch noch eine Überdachung aus Holz gebaut. Diese ist derzeit mit künstlichen Schneeflocken dekoriert. Über das Jahr hinweg wird sich das Aussehen immer der Jahreszeit anpassen, auch das sei eine Orientierungshilfe für Menschen mit Demenz. Die Bauarbeiten im Wohnbereich Toscana seien neugierig von den Bewohnern verfolgt worden, berichtet Heimleiterin Ines Herberich. Bisher habe es auch keine negativen Stimmen gegeben. Sie ist sich bewusst, dass eine Schein-Haltestelle auch falsch interpretiert werden könnte. Dabei ginge es in keinster Weise darum, die Bewohner zu veräppeln. "Gerade, da die Haltestelle im Innern ist, wird deutlich, dass hier kein Bus kommt", ergänzt Daniela Eis, zuständig für Projektmanagement in der Zentrale der Gemeinnützigen Gesellschaft für ambulante und stationäre Altenhilfe (mbH) in Langenlonsheim.

"Wir holen die Demenzkranken da ab, wo sie gerade sind. Und wenn sie an einer Bushaltestelle sitzen wollen, dann können sie das jetzt tun", so Monika Heub, kommissarische Pflegedienstleiterin im Seniorenheim. Die Schein-Haltestelle im Wohnbereich Toscana soll ein Ort der Zuflucht sein, aber auch ein Ort der Begegnung mit anderen Bewohnern. Es soll, so der Wunsch der Ideengeberin, ein gemütlicher Treffpunkt entstehen, der Abwechslung und Orientierung im Alltag bietet. In den anderen Wohnbereichen sollen keine weiteren Schein-Bushaltestellen entstehen. "Wir haben in jedem Wohnbereich ein anderes Projekt", erklärt Herberich. So soll im Erdgeschoss eine Art Marktplatz entstehen. Rund um den Eingang zur Küche wird ein Marktstand aufgemalt, wo die Bewohner dann mit frischem Obst versorgt werden.

Hintergrund

Das Seniorenheim St. Josef in Eppelborn ist in Trägerschaft der gemeinnützigen Gesellschaft für ambulante und stationäre Altenhilfe (GFA). Derzeit leben 86 Bewohner in dem Heim. Leiterin ist Ines Herberich. evy