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Buchhandlung König
Gestatten,der neue Brabänder: „GegenWind“

Premierenlesung: Klaus Brabänder stellte „GegenWind“ vor – musikalisch experimentell unterstützt von Tanja Endres-Klemm.
Premierenlesung: Klaus Brabänder stellte „GegenWind“ vor – musikalisch experimentell unterstützt von Tanja Endres-Klemm. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. „Leider gibt’s nicht für alle Stehplätze.“ Mit diesem heiter-sympathischen Versprecher, gemeint waren natürlich Sitzplätze, begrüßte Gastgeberin Anke Birk die äußerst zahlreich zu Bücher König gepilgerten Krimi- und Brabänder-Fans. Von Anja Kernig

Diese, knapp 60 an der Zahl, hatten es sich partout nicht nehmen lassen wollen, als erste den neuesten Fall des Hauptkommissars Joachim „Josch“ Schaum bei einer Lesung mit zu ermitteln. Zur Not auch im Stehen - was alles in allem die räumlichen Kapazitäten der Traditionsbuchhandlung so gut wie sprengte.


Apropos: Dynamit war diesmal nicht im literarischen Spiel, dafür, und das adelt jede der Brabänder-Lesungen, Musik à la Tanja Endres-Klemm. Wobei der bestens aufgelegte Krimi-Autor selbst nicht wusste, was ihn da erwartete. Dass die Klangkünstlerin immer für die eine oder andere Überraschung gut ist, zeigte sich beim Equipment, das Tanja Endres-Klemm eingangs kurz vorstellte: Da war ihr „Hausschwein und ein Huhn“, „viel Wind“, ein C-Melody-Saxophon (ein instrumentales Relikt aus den Anfangsjahren des letzten Jahrhunderts, das sich leider „nicht durchgesetzt hat“) sowie ein als Musikinstrument getarnter „Schussapparat“. Der sei mit Pfeilen geladen. Wie viele Opfer es in „GegenWind“ gibt? „Sag ich nicht“, grinste Klaus Brabänder, der gern die Trümpfe in der Hand behält.

Tatsächlich wird in seinem jüngsten Roman martialisch gestorben – den Tod bringen Pfeil und Bogen. Und zwar nicht irgendwem, sondern Windkraftbefürwortern. Dabei, und das betonte der bärtige Autor nochmals, wolle er keinerlei Statement pro oder contra dieser gerade im Saarland sehr umstrittenen Nutzung regenerativer Energien abgeben. Das ehrt ihn – und, schaut man sich diesbezügliche Hasstiraden in sozialen Netzwerken an, schützt ihn zugleich.



Ein bisschen Prophetie scheine ihm selbst eigen zu sein, kokettierte Brabänder: War doch vor einem halben Jahr tatsächlich ein Haus in Spiesen-Elverberg explodiert. Und hat sich doch inzwischen eine Bürgerbewegung wie die von ihm in „GegenWind“ erfundene gebildet. Und schoss doch im Sommer ein Betrunkener im Schwarzwald allen Ernstes mit einer Armbrust auf einen Polizisten: „Das macht mir manchmal Angst.“ Anderseits: Jedes dritte gekaufte Buch in Deutschland ist ein Krimi. Dass sich die Realität da öfters mit der Fiktion überschneidet, erscheint statistisch betrachtet mehr als wahrscheinlich.

Es ist der fünfte Krimi der „Schwarzen Reihe“ der saarländischen Edition Schaumberg. Routiniert klingt das trotzdem nicht. Bei den Lesepassagen zeigte sich: Hier genießt es jemand, mit Sprache zu spielen. Zuweilen klingt der gelernte Bauingenieur fast poetisch. Kleine Kostprobe? „Der Tod kam schnell und unerwartet. Als er auf den Holzplanken aufschlug, war seine Seele bereits ohne Körper unterwegs.“ Aber keine Angst, es wird auch gefrotzelt und gekalauert und überhaupt ist es wie heim kommen, wenn man Josch im Kopfkino in die Spieser Siedlung „Am Köppchen“ und aufs Revier begleitet. Nebenbei entwickelt Brabänder noch ein völlig neuartiges Beschäftigungsmodell: „Betreutes Arbeiten ab 65“, bei dem die lästige Schmutzwäsche des noch etwas auf die Rente verzichtenden Beamten vom Arbeitgeber gewaschen und gebügelt wird.

Wer der Bogenschütze war, blieb selbstverständlich geheim. Dafür erwähnte Brabänder schlussendlich einen Juwelierbesuch des Hauptkommissars und eine gebuchte Portugalreise – da hörte man die Nachtigall vernehmlich trapsen, ein neuer Fall kündigt sich an. Glück hatten letztlich auch die Zuhörer: Drangen doch ausschließlich zauberhafte Klänge aus Tanja Endres-Klemms Wunderapparat (mit integriertem Koto, einem japanischen Saiteninstrument). Die Pfeile blieben drin.