Gerüchte in Wahrheit umwandeln

Seit Oktober 2013 sind insgesamt 189 Flüchtlinge Neunkirchen zugeteilt worden. Belegt sind aktuell 42 Wohnungen der Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft und einige Privatwohnungen.

. "Es ist eine Ehre für uns", sagt Abed Taqic. Der 35-jährige regimekritische Journalist aus Damaskus lebt nach seiner lebensgefährlichen Flucht auf dem Wasserweg seit einem Monat in Neunkirchen . Mit seinen englischen Sprachkenntnissen hätte er überall hin können. Doch er wählte Deutschland, das - und hier muss der eine oder andere Zuhörer schlucken - "bekannt für seine Warmherzigkeit ist". Verlegen wird man an diesem schwülen Sommerabend im Kommunikationszentrum in der Kleiststraße noch öfter.

Eingeladen hatte der Verein Horizont: "Es kursieren so viele Gerüchte", erklärt Vorsitzender Hans Jürgen Krieger. "Wir sind hier, um diese in Wahrheit umzuwandeln." Gefolgt waren der Einladung auch zehn Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea - allesamt hochqualifizierte Ärzte, Ingenieure, Apotheker und ein Schneider, manche noch sehr jung, manche gestandene Familienväter . Seit Oktober 2013 sind insgesamt 189 Flüchtlinge Neunkirchen zugeteilt worden, wobei ein Teil nach der Anerkennung als Flüchtling in andere Bundesländer zogen. Belegt sind aktuell 42 Wohnungen der Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft und einige Privatwohnungen, oft leben die Flüchtlinge zu zweit in einem Zimmer.

Sie wollen arbeiten

"Das hat mit Angebot und Nachfrage zu tun", erklärt der Integrationsbeauftragte der Stadt Neunkirchen , Zejlko Cudina. "Wir können keinen Wohnraum her zaubern." Zwangsenteignungen gibt es übrigens keine, wie betont wurde. Dieses haarsträubende Gerücht halte sich hartnäckig wie auch das vom nicht existierenden Begrüßungsgeld.

"Jetzt haben wir die erste Person in Arbeit vermitteln können", meinte Cudina - einerseits erfreut, anderseits nicht wirklich glücklich über die viele Zeit, die verstrichen ist. Denn die Flüchtlinge wollen arbeiten. Unentgeltlich. "Das ist oft das Erste, was sie bei ihrer Ankunft äußern", berichtet Traudl Herzog, die seit Oktober als Flüchtlingsbeauftragte tätig ist. "Die Männer laufen zum Teil die Stadt hoch und runter, weil sie nichts zu tun haben." Klar, dass manche ungeduldig würden. Überbrückt wird die Wartezeit bis zur Anerkennung mit Angeboten in der Kreativwerkstatt des Familien- und Nachbarschaftszentrums, wo auch niederschwellige Sprachkurse laufen, bei denen es vor allem um Alltagssituationen geht. "Wir brauchen ganz viele Helfer", betont Traudel Herzog. Menschen, die die Flüchtlinge mit zu Vereinen oder zum Chor mitnehmen oder zum Arzt begleiten. Dass die Flüchtlinge keineswegs nur Bittsteller sind, sondern viel zu geben haben, habe jüngst jener syrische Elektroingenieur bewiesen, der die Anzeigetafel beim Benefizspiel VfB Borussia gegen den FSV Mainz innerhalb von 20 Minuten repariert habe. "Davor hatten es drei Deutsche versucht", berichtet Zuhörer Joachim Weber, "ohne Erfolg."