In memoriam : Selbst die Hochöfen werden Trauer tragen – Gerd Meiser ist tot

Von manchen Menschen glaubt man, sie müssten ewig leben. So sehr sind sie Teil der eigenen Geschichte geworden, so selbstverständlich ist einem ihre Existenz. Und so ungläubig ist man, wenn man von ihrem Tod erfährt.

Am Sonntagmorgen ist Gerd Meiser gestorben. Unerwartet. Überraschend. Überraschend für seine Frau und die beiden Töchter und drei Enkelkinder. Völlig unerwartet für seinen langjährigen Freund und Weggefährten Willi Hiegel, und auch für all die vielen anderen, die der gescheite und gütige Leib- und-Seelen-Journalist und Herzblut-Neunkircher für immer verlassen hat. Politiker, Künstler, Sportler, viele, viele Freunde und nicht zuletzt die Kollegen, die ihn teils viele Jahrzehnte begleitet haben. Viele von ihnen hat er angeleitet, hat er mit liebevoller Hand in die Geheimnisse des Journalismus eingeweiht. Den Lokaljournalismus vor allem, den hat kaum einer so beherrscht wie er. In Neunkirchen war der Meiser Gerd längst eine Institution. Seine brillanten Überschriften, seine pointierten Texte, er war ein Meister seines Fachs.

Dabei kam der gebürtige Neunkircher über Umwege zum Beruf seines Lebens. Nach der Schule, unter anderem im klösterlichen Internat des Missionshauses St. Wendel, machte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann beim Neunkircher Eisenwerk. Dann Mitarbeit bei der Neunkircher Zeitung. Volontär und Redakteur der Saarländischen Landeszeitung. 1971 zur Saarbrücker Zeitung.

Seine Geschichten, die fand er auf der Straße. Unter anderem. Der Kontakt zu den Menschen war ihm wichtig. Den pflegte er früher direkt gegenüber der Redaktion, an der Ecke Bliespromenade im Eduscho. Gemeinsam mit Weggenosse Willi Hiegel bestand ein enger Kontakt zu den TuS-Handballern. Mit ihnen ging es Jahr für Jahr ins ehemalige Jugoslawien nach Banja Luka. Der Club kochender Männer lud ihn gerne ein. Das Ohr immer am Menschen, so hat er seine Geschichten ausgegraben. Denn er besaß eine mittlerweile selten gewordene Gabe: Er konnte zuhören.

Auch als er Anfang der 80er Chef der Neunkircher Lokalredaktion wurde – 15 seiner insgesamt 32 Jahre SZ hatte er diese leitende Funktion inne –, lag ihm das Delegieren fern. Der Gerd war nicht nur ein Schreiber, sondern auch ein Schaffer.

Den Niedergang des Neunkircher Eisenwerkes und den Neuaufbau der Stadt hat Gerd Meiser begleitet wie kein anderer. 1982 bekam er für seine Artikel rund um den Niedergang des Eisenwerkes den Konrad-Adenauer-Lokaljournalisten-Preis für „besonders hervorragende Berichterstattung“. Es gibt von ihm Bücher zum Thema. Die ganz große Stunde des Gerd Meiser aber schlug fünf Jahre danach, im Jahr 1987. Damals kam der Staatsratsvorsitzende der DDR und gebürtige Wiebelskircher Erich Honecker zu Besuch in seine Heimat. Gerd Meiser wurde Ansprechpartner für Journalisten-Kollegen aus aller Welt. In aller ihm eigenen Bescheidenheit hat er sich gerne im Gespräch daran erinnert.

Zu seinem 70. Geburtstag hatte sich Gerd Meiser, zwar in Rente, aber im echten Unruhestand, gewünscht: „Dass meine Familie weiterhin gesund bleibt, dass ich mein Buch veröffentliche, und dass ich meine guten Bekannten nicht allzu viel ärgere.“ Das mit dem Buch – dieses Mal belletristisch – hat geklappt. Drei sind es dann sogar noch geworden. Mit ihrer Veröffentlichung hat sich Gerd Meiser einen Lebenstraum erfüllt.

Zu Lesungen hat man ihn gern geladen. Für den Vielleser – große Klassiker ebenso wie zeitgenössische Krimiautoren – gehörten regelmäßige Besuche in der Stadtbibliothek ebenso zu seinem Alltag wie Musik, Malerei, das Hobbygärtnern. Doch was schon früher sein liebstes war, das ist es auch bis zum Ende geblieben: Das Treffen mit den Neunkircher Freunden, allen voran Willi Hiegel, das Leute-Beobachten und Durchackern der Neunkircher Geschichte. Gerade erst war Meisers Wissen wieder gefragt, der SR hatte ihn als Fachmann in Zusammenhang mit dem geplanten Abriss des Gasometers vor die Kamera geholt.

Immer wachen Blickes spazierte er durch die Straßen der Heimatstadt. Die Batschkapp auf dem Kopf, entging ihm nicht die kleinste Veränderung dieser Stadt, die sich so sehr gewandelt hat und doch immer seine Stadt geblieben ist.

„Altwerden ist nicht einfach. Das lehrt einen keiner. Tipps gibt es nur immer für die Jugend. Dass das Altwerden auch gelernt werden will, das erfährt man erst, wenn man selbst alt ist.“ Das hatte Gerd Meiser kurz nach seinem 70. Geburtstag bei einem Redaktionsbesuch gesagt. Dabei hat er das ganz prima hingekriegt. Das Altern in Würde, in Weisheit und Güte. Wer Hilfe brauchte, dem hat er sie nie versagt.

Mit Gerd Meiser, der in diesem November 80 Jahre alt geworden wäre, geht irgendwie auch ein großes Stück Neunkirchen.

Wir alle sind unendlich traurig und werden ihn vermissen und können es noch immer nicht glauben.

Sterbeamt in St. Marien ist am Freitag um 11 Uhr, die Beisetzung auf dem Hauptfriedhof in Furpach um 12.30 Uhr

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