55 Plätze im Saarland Frauenhäuser melden „Zimmer belegt“

Neunkirchen · Die Auslastung steigt. Frauen mit Fluchthintergrund suchen zunehmend Schutz und Hilfe vor häuslicher Gewalt.

Der Zustrom von Geflüchteten fordert inzwischen auch die drei Frauenhäuser im Saarland heraus. Das stellt im Gespräch mit unserer Zeitung Mascha Nunold (41), Bereichsleiterin Frauenhäuser Saarland, fest. Und sie hat Zahlen dabei. 2016 suchten 24 Flüchtlingsfrauen syrischer Herkunft mit 39 Kindern den Schutz in den drei Frauenhäusern. 2015 waren es zehn Frauen mit acht Kindern. Bis Ende Oktober 2017 sind es bereits 37 Frauen mit 46 Kindern. „Wir haben uns gefragt, als die Flüchtlingskrise  2015 losging, wann erreicht uns die Welle? Jetzt rollt sie.“ Das bildet sich auch ab für das Frauenhaus Neunkirchen, wie Leiterin Tatjana Grajewski  (37) bestätigt: 2015 zwei syrische Frauen, 2016 fünf syrische Frauen, bis Ende Oktober 2017 bereits 15 syrische Frauen. Das erkläre auch, so Grajewski, warum die Auslastung steigt, mehr Frauen wegen Vollbelegung an andere Einrichtungen überwiesen werden müssen: „Bis Oktober 2017 sind es in Neunkirchen bereits 40 Prozent mehr Überweisungen als im ganzen Jahr 2016.“

Nun lieferten diese Zahlen keinen Beweis, dass in Flüchtlingsfamilien mehr Unterdrückung vorkomme, so unsere Gesprächspartnerinnen. Die Frauen mit Migrations- oder Fluchthintergrund hätten es im Vergleich zu deutschen Frauen  häufig noch schwerer, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Die Zahlen zeigten deshalb auch auf, dass es unter den Flüchtlingsfrauen „eine starke community“ gebe. Das Beratungsnetz für Migrantinnen sei inzwischen recht dicht und transparent und werde genutzt.

Die wohl größte Herausforderung für die Frauenhäuser bei ihrer Arbeit mit Geflüchteten ist die Sprachbarriere.  „Sprache ist unser Werkzeug“, sagt Tatjana Grajewski.  Das Neunkircher Haus braucht wie die Häuser in Saarbrücken und Saarlouis Dolmetscherinnen, hat dabei keine festen Sprachmittlerinnen. Hilfe kommt etwa aus dem  Dolmetscherinnennetzwerk oder dem Projekt „Einander verstehen“. Den Bedarf kann das nicht decken.

Unabhängig von Nationalität oder kulturellem Hintergrund: Frauenhäuser bieten Frauen und ihren Kindern, die von Gewalt im engen sozialen Umfeld erfahren, Zuflucht, Schutz , Hilfe und Beratung. Gewalt sei vielschichtig, betonen unsere Gesprächspartnerinnen: Der Gewaltbegriff ist erstmal sehr viel mit körperlicher Gewalt verbunden - das blaue Auge.  Daneben wirkt psychische Gewalt - abwerten, beschimpfen, demütigen, drohen, für verrückt erklären, isolieren, kontrollieren, Schuld übertragen. Weiter ökonomische Gewalt - kein eigenes Konto, kein Geld, nicht arbeiten dürfen. Auch sexuelle Gewalt gehört dazu -  „noch sehr tabu, mit Scham besetzt“. Und   Cybergewalt  wird immer heftiger – drohen, Fotos oder Filmchen ins Netz stellen,  Dauereinfluss beispielsweise über Whatsapp.

Das Frauenhaus bietet offene, ambulante Beratung:  beleuchten der Lebenssituation, handeln in Bedrohungssituationen, Kinderschutz, Trennungsberatung, vermitteln von Hilfen. Und das Frauenhaus bietet Zuflucht: „Wir nehmen Frauen in akuter Gewaltsituation, in sehr hoher Gefährdungslage auf“, sagt Nunold: „Da kann mitten in der Nacht die Polizei kommen: Wir bringen eine Frau.“ „Die Frauen dürfen hier zur Ruhe kommen“, sagt Grajewski. Nunold: „Wir begleiten parteilich den Weg der Frau.“ Gemeinsam wird am Hilfeplan gearbeitet. Wie können die Frauen ihre gewaltgeprägte Lebenssituation überwinden, wie eine neue Lebensperspektive entwickeln?  Sie bekommen Rat beim Umgang mit Ämtern und Behörden, bei Wohnungs- und Arbeitssuche, beim Klären von Finanzfragen, zudem  psychologischen Beistand  (hier unterstützt das Projekt „Kraft in der Krise“). Besonders schaut das Frauenhaus-Team immer auch auf die Kinder. Nunold: „Die sagen schon mal: Hier kann ich endlich wieder schlafen.“

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