Flüchtling Michael Nigusse Andebirhan baut neues Leben in Neunkirchen auf

Kostenpflichtiger Inhalt: Neues Leben für einen Flüchtling in Neunkirchen : Jetzt kann er Menschen helfen

Michael Nigusse Andebirhan aus Eritrea baut sich ein neues Leben in Neunkirchen auf. Endstation einer Flucht vor Machtmissbrauch und Willkür.

Es war Weihnachten 2013, als Michael Nigusse Andebirhan nach Neunkirchen kam. Über die Landesaufnahmestelle in Lebach. Am Ende seiner Flucht vor Machtmissbrauch und Willkür in seiner Heimat Eritrea. Im Oktober 2011 hatte er sich aufgemacht. Frau und Sohn blieben zurück . „Ich möchte mein Leben, meine Sicherheit“, kämpfte Andebirhan sich durch.

Gut zwei Jahre später griff ihn die Bundespolizei ohne Pass in Frankfurt auf. Wie sein Leben jetzt 2019 einmal aussehen würde, konnte er sich damals nicht vorstellen. Alles galt dem Überleben und dem Schicksal seiner Familie. Hier bricht die Stimme. Andebirhan hat so viel im Herzen, aber nicht auf der Zunge.

Wir treffen den heute 41-Jährigen im Diakonie-Klinikum Neunkirchen, Frühschicht auf Station 6, Urologie. Ende September hat Andebirhan mit der mündlichen Prüfung seine dreijährige Ausbildung zum Krankenpfleger abgeschlossen. Sie begann im St. Josef-Krankenhaus Kohlhof. Aus organisatorischen Gründen wurde sie im Diakonie-Klinikum fortgesetzt. Jetzt hat Andebirhan einen Arbeitsvertrag. Ehrgeiz und helfende Menschen haben den Eritreer eine Existenz in Neunkirchen aufbauen lassen. Er hat sein Leben, seine Sicherheit.

Und seine Familie. Es mag der bewegendste Moment gewesen sein – wir können es nur annähernd mitfühlen –, als Andebirhan im Juli 2015 seine Frau Amaresh Nayr (heute 37) und Sohn Petros (heute 8) im Rahmen des Familiennachzugs wieder in die Arme schloss. Wieder bricht die Stimme. In Neunkirchen kamen inzwischen noch die Töchter Veronica (3) und Magdalena (7 Monate) auf die Welt. „Ich bin zufrieden“, kann Andebirhan heute sagen. „Am Anfang war es schwierig, die Sprache, die Kultur, die Eltern und Familie weit weg.“ Er sei voll Dank an die Menschen, die ihn hier unterstützt hätten, etwa aus der Kirchengemeinde St. Marien, aus dem Kreis der Vorgesetzten und Kollegen in seiner Ausbildung.

Geboren wurde Michael Nigusse Andebirhan im Dorf Jengeren, wuchs bei den Eltern als Ältester von acht Geschwistern auf. In der wenige Kilometer entfernten Stadt Keren besuchte er die Schule. Später unterrichtete er Englisch in der Hauptstadt Asmara. Auch seine Frau ist Lehrerin.

In der Heimat Englischlehrer und jetzt Krankenpfleger? Klar, das hatte er nicht im Kopf. Aber die Ausbildung in Neunkirchen versprach eine Bleibeperspektive: „Und wenn man Familie hat“, sagt Andebirhan, „dann ist Arbeit das Wichtigste.“ Er hat sich reingeschafft, auch in die deutsche Sprache. Und sein Berufsweg muss ja noch nicht am Ende sein.

Repression, ein Klima der Angst – das war es, was auch Andebirhan zur Flucht aus der Heimat trieb. Immer wieder „nationaler Dienst“. Immer wieder Lebensgefahr. Wie sollte er sich ein Leben aufbauen? Keine Redefreiheit, keine Pressefreiheit, schildert er, überall Kontrolle und Übergriffe des Staates. Eritrea zählt sechs Millionen Einwohner (Deutschland 83 Millionen) auf 117 600 Quadratkilometern (ein Drittel von Deutschland). Zwischen den Hauptstädten Asmara und Berlin liegen Luftlinie 4700 Kilometer. Etwa zu gleichen Teilen Muslime und Christen leben in dem Land. Familie Nigusse sind Christen.

 Eritrea gilt als das afrikanische Land mit den meisten Flüchtlingen. Seit der Unabhängigkeit 1993 (Abspaltung von Äthiopien nach 30 Jahren Krieg) wird das Land totalitär unter Präsident Isayas Afewerki regiert. Eine Militär-Diktatur. Parlament aufgelöst. Verfassung ausgesetzt. Versammlungsverbot. Internierung ohne Anklage. Geheimdienst omnipräsent. So schreiben Beobachter in der freien Presse. Männer und Frauen haben „nationalen Dienst“ (Wehrdienst, Arbeitsdienst) zu leisten. Seine Dauer ist willkürlich, kaum bezahlt, gefährlich. Die Vereinten Nationen sprechen von 5000 Flüchtlingen im Monat. Wegen Menschenrechtsverletzungen ist die Anerkennung als Asylsuchende hoch.

Andebirhans Flucht in aller Kürze, die schrecklichste Erlebnisse überdeckt: Sudan, Libyen. Von Tripolis aus übers Mittelmeer nach Sizilien: „Hier konnte ich das erste Lebenszeichen nach Hause senden.“ Mit 100 Dollar, die ihm seine Schwester aus der Schweiz schickte, erreichte er Rom. Diese Schwester ist neben Andebirhan das einzige der acht Geschwister, das in Europa lebt. Die Eltern leben noch im Heimatdorf. Zwei Brüder arbeiten dort als Lehrer. Ein Bruder ist Krankenpfleger in Asmara. Ein Bruder gehört einer Ordensgemeinschaft an. Eine Schwester lebt im Kloster. Eine ist Nationaldienst-verpflichtet. Andebirhan Flucht ging weiter mit dem Zug nach Paris, dann nach Frankfurt: „Immer Angst.“

Das Regime in Eritrea nutzt als Argument seiner Innenpolitik die „äthiopische Gefahr“. 2018 gab es nun eine Grenzöffnung zu Äthiopien. Der Friedensnobelpreis 2019 ging an den äthiopischen Premierminister Abiy Ahmed Ali. Ändert sich was? „Ich habe Hoffnung“, sagt Andebirhan.

Mehr von Saarbrücker Zeitung