1. Saarland
  2. Neunkirchen
  3. Neunkirchen

Fitness-Studios in Neunkirchen sind verärgert in Corona-Zeiten

Kostenpflichtiger Inhalt: Fitness-Studios in der Corona-Krise : „Atmen die Menschen im Saarland anders?“

Während Gastronomie, Kultur und Freizeitsport von den "Corona-Lockerungen" profitieren, gibt es für die Öffnung von Fitness-Studios noch immer kein grünes Licht. Das bringt nicht nur die Studios in die Bredouille, sondern auch Mitglieder, die auf die gesundheitliche Betreuung dringend angewiesen sind.

Neunkirchen Dietmar Bär hat genug. Der Inhaber des AC1 Sport- & Freizeitparks in Neunkirchen hat Klage eingereicht. Vor dem Bundesgerichtshof. In vielen Bundesländern dürfen Fitness-Studios unter Hygieneauflagen längst wieder öffnen. Auch im Nachbarland Rheinland-Pfalz wird dies ab dem 27. Mai wieder erlaubt sein. Doch im Saarland ist noch kein Ende der Sperre in Sicht. Dafür hat Bär kein Verständnis. Nicht mehr. Nicht in Zeiten, in denen Gastronomie und Kultureinrichtungen, Friseure und Nagelstudios wieder öffnen dürfen. Vor drei Wochen hat er einen Eilantrag beim saarländischen Ministerium für Inneres, Bauen und Sport eingereicht. Wollte wissen, ob, wann – und unter welchen Bedingungen sein Studio wieder öffnen kann. Die Antwort ließ bis vor zwei Tagen auf sich warten. Weil Trainierende beim Atmen vermehrt Ärosole, kleinste Flüssigkeitspartikel, ausstoßen und somit zur Verbreitung des Corona-Virus beitragen können, bleibe eine Öffnung weiter verboten, lautete die knappe Antwort, so Bär. „Atmen die Menschen im Rest von Deutschland anders als im Saarland?“

Wie lange kann sein Studio, das es seit 22 Jahren gibt, noch überleben, wenn es seine Pforten nicht öffnen darf? „Gar nicht mehr“, antwortet Bär. 9000 Euro an Sofort-Hilfen habe er erhalten. Sein monatliches Minus betrage aber bis zu 12 000 Euro. Diejenigen seiner 14 Mitarbeiter, die in Vollzeit angestellt sind, hat Bär in Kurzarbeit geschickt. Den anderen vorübergehend kündigen müssen. Allein 3000 Euro hat der Inhaber und Trainer investiert, um sein Studio für die Wiedereröffnung zu rüsten. Er hat von einem Homburger Institut einen Hygieneplan erstellen lassen: Grundreinigung, Desinfektionsspender, Hinweisschilder und Markierungen, Einweghandschuhe, Masken und ausreichend Abstand zwischen den Geräten sind einige seiner getroffenen Maßnahmen. Zudem steht Bär mit einem Unternehmen in Biesingen in Kontakt, das eine Antihaftbeschichtung entwickelt hat. Mit dieser sollen alle Geräte des AC1 versehen werden. „Wir sind bereit. Wir könnten – aber wir dürfen nicht“, hadert Bär.

„Gewissensbisse“ habe er gegenüber seinen Mitarbeitern, aber auch den Mitgliedern. „Rein rechtlich ist schon seit letztem Monat nicht mehr zu halten, dass wir Beiträge einziehen für eine Leistung, die wir nicht liefern – hier basiert alles auf dem guten Willen und der Treue der Mitglieder“. Dass er diese immer wieder vertrösten muss, keine klaren Ansagen machen kann, tut ihm weh. Bär vermisst Transparenz, klare Vorgaben und Informationen von der Landespolitik. „Ich habe einen Kollegen in Nordrhein-Westfalen. Der hat dort auch gefragt, was für ihn zu tun ist. Die haben ihm nur gesagt: Spuckschutz, Desinfektionsspender und die gängigen Hygieneregeln beachten. Dann kannst du loslegen. Aber hier im Saarland: Keine Infos – nichts. Ich finde das nicht sozial.“ Nicht einmal einen offiziellen schriftlichen Schließungsbeschluss habe er erhalten. Lediglich das Ordnungsamt habe ihm mitgeteilt, dass der Sport&Freizeitpark nicht mehr öffnen dürfe. „Mein Anwalt hat nur noch mit dem Kopf geschüttelt“, berichtet Bär und seufzt.

Er denkt auch an die vielen Mitglieder, die wegen gesundheitlicher Probleme – etwa im Rahmen der Physiotherapie oder des Reha-Sports – in sein Studio kommen. „Wir sind keine Muckibude. Wir haben zum Beispiel die Reha-Gruppe Diabetiker. Da sind Menschen dabei, die sich vorher Insulin mit der Nadel spritzen mussten und dank des Trainings bei uns auf Tabletten umsteigen konnten. Außerdem eine psychosomatische Gruppe, die dringend auf ihre Übungen angewiesen ist. Wir haben gefragt, ob wenigstens die hier weiter trainieren dürfen. Aber auch das ist abgelehnt worden. Das ist meiner Meinung nach ein Witz. Und ein Gesundheitsrisiko“, hadert Bär.

Den gesundheitlichen Wert des Sports hebt auch Ingo Noll, Inhaber des Neunkircher Gesundheitsparks hervor. „Gerade in Zeiten wie diesen sollte mit dem Training nicht pausiert werden. Bewegungsmangel und Muskelschwund schwächen das Immunsystem“, warnt er. Der Gesundheitspark setze in Zeiten von Corona deshalb auf die Online-Betreuung seiner Mitglieder. Neben einer Facebook-Gruppe gebe es auch einen Service per E-Mail, manche Mitarbeiter stünden zudem über den Nachrichtendienst WhatsApp mit den Mitgliedern in Kontakt. Diese schätzten die Online-Betreuung. „Sie mögen es vor allem, dass sie ihre Trainer weiterhin sehen können“, erklärt Noll. Neben Trainingseinheiten und Ernährungstipps reagiere sein Team auch auf Wünsche und beantworte Fragen. „Das Menschliche ist das, was uns ausmacht“, sagt Noll. Eine Mitarbeiterin habe beispielsweise online ein Rezept vorgekocht, eine andere habe die Mitarbeiter auf ihren Oster-Ausflug nach Trier mitgenommen.

Doch auch für den Gesundheitspark sind die finanziellen Einbußen ein Problem. „Auf die Beitragszahlungen ist das Unternehmen angewiesen. Ich habe den Mitgliedern versichert, dass wir ihnen die Ausfallzeit ersetzen werden. In einem gewissen zeitlichen Rahmen. Jetzt alle auf einmal, das gefährdet unser Bestreben, den Gesundheitspark durch die Krise zu bringen und unseren Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz zu erhalten“, sagt Noll. Öffnen würde er lieber „gestern als heute“, sein Park könne alle Hygieneauflagen erfüllen – den Klageweg für eine Öffnung möchte er aber nicht bestreiten: „Ich muss den Experten vertrauen“, sagt er. Der Gesundheitspark lebe zwar von der „Atmosphäre vor Ort“, das digitale Angebot möchte Noll aber auch in Zukunft beibehalten. Der Inhaber sagt: „Egal, wie lange die Schließung noch dauert, wir werden finanziell geschwächt – aber solidarisch gestärkt aus der Krise hervorgehen.“

Solch großen Optimismus kann Dietmar Bär nicht aufbringen. Nicht mehr: „Klar habe ich noch Hoffnung, dass uns die saarländische Politik schon bald grünes Licht gibt, wieder öffnen zu dürfen. Aber die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass ich mich auf Hoffnung allein nicht verlassen sollte.“

Dafür auf den rechtlichen Weg – in Form einer Klage vor dem Bundesgerichtshof.