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Fastenzeit
Das Fasten als Entdeckung der Freiheit

Die Fastenzeit ist auch eine Gelegenheit, Gemeinsamkeit neu zu erleben. Ein gemeinsames Fastenessen, wie es viele Pfarreien anbieten, richtet die Aufmerksamkeit auf ein gutes Gespräch, nicht auf den Teller.
Die Fastenzeit ist auch eine Gelegenheit, Gemeinsamkeit neu zu erleben. Ein gemeinsames Fastenessen, wie es viele Pfarreien anbieten, richtet die Aufmerksamkeit auf ein gutes Gespräch, nicht auf den Teller. FOTO: dpa / Martin Schutt
Saarpfalz-Kreis. Die Fastenzeit sollte nicht mit einer Diät verwechselt werden. Sie ist vielmehr ein Angebot, seine Bedürfnisse neu zu überdenken.

„Mit der Wasser- und-Brot-Diät zehn Kilo leichter“ – solche verheißungsvollen Sprüche klingen in den kommenden Tagen richtig gut in den Ohren derjenigen, die schon immer ein paar Kilo abnehmen wollten, aber seit Silverster schon wieder rückfällig geworden sind. Man bekommt mit dem Aschermittwoch sozusagen eine zweite Chance. Aber ist das wirklich der Sinn der Fastenzeit?


Nun könnte man meinen, das Fasten führe ohnehin nur noch ein Nischendasein für diejenigen Menschen, die sich gewissenhaft an kirchlichen Vorgaben orientieren – also eine recht kleine Gruppe. Aber weit gefehlt, besonders die Frauenzeitschriften springen auf diesen willkommenen Trend auf und propagieren in der Fastenzeit gerne Diäten. Es gehe aber nicht darum, dass Pfunde verschwinden, „sondern dass wir uns bemühen, das Wesentliche für unser Leben zu finden“, schreibt der Speyerer Bischof Wiesemann. Dies sei in erster Linie ein spirituelles Angebot.

„Was soll heute noch eine Fastenzeit, die vorschreibt, wann und auf was Christen verzichten sollen?“, fragt Stefan Seckinger, Hochschulpfarrer in Homburg, und gibt seine persönliche Antworte darauf: „Für mich hat der Gedanke des Fastens in erster Linie nichts mit religiös auferlegtem Verzichten zu tun, sondern zunächst damit, dass jeder Mensch ‚fastet‘ — ob er es will oder nicht. Wir alle entbehren, sonst hätten wir keine Bedürfnisse mehr.“

Von Beginn an, so sagt es bereits das erste Buch der Bibel (Genesis), musste der Mensch damit klar kommen, auf Dinge zu verzichten, führt Seckinger aus: Eva und Adam wollten göttliche Erkenntnis und erreichten das Gegenteil: Sie aßen die verbotene Frucht und erkannten, dass sie nackt waren, also noch bedürftiger als zuvor.

Die Fastenzeit ist für Pfarrer Seckinger „eine Einladung, mit den eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten neu in Kontakt zu kommen“. Dieser Kontakt werde dadurch erschwert, dass wir glauben, Zufriedenheit könnte irgendwo eingekauft und konsumiert werden: „Eine gute Gesundheit, die perfekte Familie, die großartigste Karriere, ewige Jugend: All das sind Werte, die wir ersehnen und dennoch nicht allein in unserer Hand haben.“



Wenn Hochschulpfarrer Seckinger mit Studenten ins Gespräch über die Bedeutung des Fastens kommt, „dann geht es weniger um den Verzicht auf Süßigkeiten oder Fleisch – bei den Treffen sind die Nicht-Vegetarier häufig in der Minderheit –, es geht um die grundsätzliche Frage, ob nicht weniger zuweilen mehr ist: weniger Hektik, weniger Stress, weniger Termine. Da erlebe ich etwa den bewussten Verzicht auf beste Karriereaussichten um der Partnerschaft, der Familie willen, weil diese wichtiger sind“. Für ihn persönlich, so Pfarrer Seckinger, sei der größte Gewinn des Fastens die Erfahrung, „dass meine Zufriedenheit daher rührt, nicht alles haben zu müssen. Die Güter, die ich kaufen kann, sind für mich jedenfalls nicht das Wichtigste im Leben. Deswegen ist für mich auch Fasten ein Ausdruck meiner Freiheit“.

Aber nicht nur die Kirche, auch die Leiterin der Schule für Diätassistentinnen und Diätassistenten am Uniklinikum, Ute Rost, hat etwas dagegen, dass die Fastenzeit als Diätzeit interpretiert wird. „Wenn es um reine Gewichtsreduktion geht, ist es der falsche Ansatz, von heute auf morgen sehr wenig bis nichts zu essen.“ Wenn man ernsthaft mehrere Kilos abnehmen möchte, „dann gehört dies in die Hände eines Arztes“, so Rost, „der stimmt die Gewichtsabnahme auf den individuellen Stoffwechsel ein. Nur damit erlangt man ein nachhaltiges Ergebnis“. Völlig verkehrt sei es, einen Fastentag einzulegen, an dem man gar nichts esse, um danach wieder zuzuschlagen. „Am Fastentag haben die Leute ein gutes Gewissen, tun sich damit aber nichts Gutes. Man bringt seinen Stoffwechsel mit den Schwankungen erst recht durcheinander.“ Auch Ute Rost stimmt mit den Vorschlägen der Kirche überein: „Ich finde, die Fastenzeit gibt uns Gelegenheit, uns selbst besser kennenzulernen.

Was passiert mit mir, wenn ich mich einschränke? Wie abhängig bin ich? Was brauche ich wirklich?“ Es sei eine Zeit, um auf die eigene Lebensqualität zu achten. Hängt sie wirklich vom Essen ab? Vom täglichen Bier? Vom Sonntagsbraten?

Ute Rost rät dazu, innerhalb der kommenden sechs Wochen seine Gewohnheiten zu überprüfen: Muss ich Knabberzeug vor dem Fernseher essen? Muss ich Alkohol trinken? Es gebe viele Möglichkeiten, sein Essensverhalten zu überprüfen und sich in Selbstkontrolle zu üben. Man solle die Zeit nutzen, mal wieder neue Seiten an sich zu entdecken, rät die Ernährungsexpertin.

Heilfasten Marion Schiller fastet am Dienstag (28.02.2006) in Saarbrücken und begnügt sich mit Salatblättern.
Foto: (c) Becker&Bredel
 (Konto 520 174 00 Sparkasse Neunkirchen BLZ 592 520 46) Strasse des 13. Januar 12-14; 66121 Saarbruecken Telefon: (0681) 95800-0 Fax 95800-58
Heilfasten Marion Schiller fastet am Dienstag (28.02.2006) in Saarbrücken und begnügt sich mit Salatblättern. Foto: (c) Becker&Bredel (Konto 520 174 00 Sparkasse Neunkirchen BLZ 592 520 46) Strasse des 13. Januar 12-14; 66121 Saarbruecken Telefon: (0681) 95800-0 Fax 95800-58 FOTO: BECKER&BREDEL / jw
Die Fastenzeit führt uns vor Augen, dass weniger oft mehr ist: Auch ein Gericht aus Obst, Gemüse und Kräutern kann sehr schmackhaft sein.
Die Fastenzeit führt uns vor Augen, dass weniger oft mehr ist: Auch ein Gericht aus Obst, Gemüse und Kräutern kann sehr schmackhaft sein. FOTO: dpa / Martin Schutt