Vorsicht, Kult!: Eine wahrlich verzwickte Liaison

Vorsicht, Kult! : Eine wahrlich verzwickte Liaison

Die „Bohemian Company“ brillierte mit einem „ Käfig voller Narren“ in Wiebelskirchen – nun zu Gast in Heusweiler.

„Du siehst nicht mehr die Königin in mir.“ Verzweifelt ringt der fesch geschminkte Mann im weißen Diva-Kleid die behandschuhten Hände. Theatralik, dein Name sei Albin. Stoisch erträgt sein Partner George den Weinanfall. Er kennt das zur Genüge, seit 20 Jahren sind die beiden ein Paar. Albin tritt jeden Abend als Travestie-Star Zaza in Georges Club „La Cage Aux Folles“ auf und hat für Georges Sohn Laurent die Mutterrolle übernommen. So weit, so Alltag. Dass der junge Mann aber ausgerechnet Muriel heiraten will, Tochter des Politikers Dieulafoi, der als Abgeordneter der CSB (Christlich Soziale Bauern) für die Schließung aller anrüchigen Etablissements an der Riviera plädiert, war so nicht geplant. Und schon gar nicht der Besuch der erzkonservativen Familie Dieulafoi bei den „Schwiegereltern“.

Ziemlich verfahren, diese Ausgangslage des Stücks „Ein Käfig voller Narren“, mit dem die „ Bohemian Company“ am Wochenende im Kulturhaus Wiebelskirchen rauschend Premiere feierte. Viel falsch machen kann man bei diesem turbulenten Bühnenspaß aus der Feder von Jean Poiret wahrscheinlich nicht. Es richtig gut machen, ist dann aber doch noch mal eine andere Hausmarke. Sandra Klein hat es drauf. Statt eines schenkelklopfenden Schwanks mit schwulen Klischee-Typen inszenierte sie eine auch 40 Jahre nach Erscheinen politisch relevante Gesellschaftskomödie mit nuancierten Charakterzeichnungen.

Ihren Fokus richtet Sandra Klein vom Start weg auf das etwas eingerostete Liebespaar – und den Hausdiener. Und so brillant Markus Bill und Gerhard Wagner diese Yin und Yang-Beziehung spielen, da das exzentrische, empfindsame Seelchen, dort der Beschützer, Ernährer, Gerade-Rücker mit dem großen Herzen. Michael Ensminger stiehlt ihnen hüftwackelnd, tänzelnd und strahlend wie ein Honigkuchenpferd locker die Show. Fast bei jedem seiner unzähligen Kurzauftritte trägt er einen anderen klitzekleinen Fummel, mal einen durchsichtigen Body, mal goldene Hot Pants, immer kombiniert mit schrillen Perücken und Pumps – die Zofe Jakob ist die Rolle seines Lebens, keine Frage.

Als Krönung reicht er zum Frühstück die in das Stringtanga-Fädchen eingeklemmte Tageszeitung mit dem ansonsten nackerten Po an. Selbst dem geduldigen George reißt irgendwann die Hutschnur bei so viel „Individualexibitionismus“.

Nach der Pause hat sich die plüschig-vulgäre Wohnung des Schwulenpaars zu einer Mönchszelle gewandelt, spartanisch leer bis auf ein Kruzifix und Chorstühle. Das gastgebende Trio versucht, testosteronmäßig authentisch zu wirken, was mal mehr, mal weniger gelingt.

Weil die leibliche Mutter Laurents, Simone, auf sich warten lässt, schlüpft Albin nur zu gern in ihre Rolle. „Dafür ist ein Mutterherz doch da.“ Als Simone (Nadine Fleckinger) später auftaucht, wird sie als Hausangestellte ausgegeben. Aber da hat die Fassade schon lange begonnen zu bröckeln.

Das Geschirr ziert ein obszönes Dekor, die Wortwahl lässt zu wünschen übrig und die Suppe des vergrätzten Jakob, Marke Resterampe, ist eine einzige Zumutung. Laurent (erbarmungswürdig um Fassung ringend: Matthias Dietzen) versucht vergeblich, zu kitten und zu beschwichtigen. Zu groß ist die Diskrepanz zwischen den Verfechtern von „Freiheit in den Grenzen der Moral“ (Jochen Sauer und Carina Schneider) und der freizügigen Leben- und Leben lassen-Fraktion.

Fast endet der Eheanbahnungstermin im Desaster. Aber nur fast. Live erleben kann man das Happy End dieses Wochenende in der Kulturhalle Heusweiler, am Samstag und Sonntag, 23. und 24. September, jeweils um 19.30 Uhr.

Infos zu Eintrittskarten unter der Telefonnummer (01 75) 3 49 55 95 (samstags ab 12 Uhr).

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