„Ein Start furioso sozusagen“

Neunkirchen. Es ist genau ein Jahr her, dass Uwe Wagner seine Funktion als Geschäftsführer der Neunkircher Kulturgesellschaft übernahm. Bis dahin hatte der Wiesbadener das Saarland mehr oder weniger nur vom Hörensagen gekannt. In Neunkirchen kamen dann gleich große Aufgaben auf ihn zu: Das erste eigene Musical der Kulturgesellschaft zum einen, Einsparungen in Höhe von 100 000 Euro zum anderen. Ein Fazit seines ersten Neunkircher Jahres zog Wagner im Gespräch mit SZ-Redakteurin Elke Jacobi.

Ein Jahr ist nun schon vorbei. Als wir uns vor einem Jahr getroffen haben, haben Sie auf die Frage: "Welches Fazit ziehen wir in einem Jahr?" geantwortet: "Dann will ich sagen können, dass die grundsätzliche Vision der Arbeit der Kulturgesellschaft weiter unter den Titel fällt ‚Von der Stahl- zur Kulturstadt'.Und? Ziel erreicht?

Uwe Wagner : Ja! Nach wie vor handelt es sich dabei aber um unsere Vision, die nur mittel- bis langfristig zu erreichen sein wird. Wir werden alles dafür tun, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Ein langer Atem wird dabei aber auch weiterhin notwendig sein.

Was war Ihr persönliches Highlight in diesem ersten Jahr als Chef der Kulturgesellschaft? Was Ihr persönlicher Flop?

Wagner : Mein Start fiel zeitgleich mit einer Premiere in der Geschichte der Kulturgesellschaft. Mit der Produktion der Rock-Show "Falco meets Mercury" war man zum ersten Mal nicht nur Veranstalter, sondern auch Produzent, erschuf also in der Zusammenarbeit mit Regisseur Elmar Ottenthal ein neues Stück von Grund auf. Inzwischen sorgt die Show national und international für Furore und wirkt so wie eine Werbekampagne für die Stadt und ihr außergewöhnliches Kulturprogramm. Ein Start furioso sozusagen . . . Aber auch viele Ausstellungen in der Städtischen Galerie stehen sowohl in der Publikumsresonanz als auch der medialen Aufmerksamkeit den Veranstaltungen in nichts nach. Für mich als Musiker waren natürlich einige Konzerte herausragend: The Real Group, Hilary Hahn oder auch Nils Landgren .

Weniger erfreulich verliefen unsere Angebote für Kinder und Familien wie das "Dschungelbuch". Da hatte ich persönlich mit mehr Nachfrage gerechnet. Als Flop lässt sich eigentlich nur das Wetter bei meinem ersten Stadtfest bezeichnen.

Was hat denn der neue Kulturgesellschafts-Chef bislang verändert und vor allem: Was hat er noch vor?

: Letzte Woche rief mich der Innenminister an, um uns zu unserer tollen Arbeit zu gratulieren und uns zum großen Erfolg der Produktion "Falco meets Mercury" zu beglückwünschen. Die Tourismus- Zentrale des Saarlands hat unsere Arbeit entdeckt und wirbt mit unseren Veranstaltungen. Einige Wirtschaftsverbände im Saarland sind auf uns aufmerksam geworden. Radiosender haben so häufig wie noch nie über Veranstaltungen in Neunkirchen berichtet. Wir konnten erreichen, dass all diese Gruppen wahrnehmen: "In Neunkirchen tut sich etwas." Diese neue Außenwahrnehmung, das ist aus meiner Sicht der bedeutendste Erfolg und die wichtigste Veränderung des ersten Jahres.

Wir hatten im April darüber gesprochen, dass die Auswirkungen der hohen kurzfristigen Einsparungen möglichst gering gehalten werden sollten. Dieses Ziel haben wir erreicht und dennoch das anvisierte Einsparvolumen realisiert.

Wir sind bereits jetzt einer der größten Veranstalter im Saarland . Diese Position möchten wir ausbauen, dafür müssen wir auch weiter Hochkaräter in die Stadt bringen und vor allem werblich und medial viel präsenter im Saarland werden. Wir haben mit der Neuen Gebläsehalle eine der schönsten Spielstätten in der Region, doch das können wir noch deutlich besser vermarkten. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit wird auch die Kulturgesellschaft selbst sein, denn sowohl in den einzelnen Institutionen an sich, als auch vor allem im Zusammenspiel stecken noch viel Potenziale.

Wenn man darüber hinaus von gesellschaftlichem Wandel durch Kultur spricht, so darf die Kreativwirtschaft nicht vergessen werden. Mit den tollen Voraussetzungen, die wir hier in der Stadt haben, sollten wir uns um diese attraktive Gruppe bemühen, der neben den Musikern, Filmschaffenden und Künstlern auch Designer, die Softwareindustrie oder auch Werbeagenturen angehören. Gleichzeitig gilt es aber auch die Förderung der kulturell Aktiven vor Ort nicht zu vernachlässigen, wir wollen Ansprechpartner und Vermittler zu sein. Dies ist für uns ein Drahtseilakt, der viel von uns abverlangt.

Kaum einen Monat im Amt, war schon klar: Durch die neuen Tarifabschlüsse und dem damit einhergehenden höheren Lohn für die Angestellten muss eingespart werden. 100 000 Euro hieß das für die Kulturgesellschaft. Keine leichte Aufgabe als frisch gebackener Kulturchef. Wie haben Sie das gemeistert?

Wagner : Dadurch, dass kurz vor meinem Amtsantritt bereits ebenfalls 100 000 Euro kurzfristig eingespart werden mussten, war die Herausforderung in finanzieller Hinsicht leider doppelt so hoch. Doch wie die ersten Prognosen andeuteten, haben wir diese große Hürde erfolgreich bewältigt. Dies war nur möglich durch eine enorme Kraftanstrengung des gesamten Teams der Kulturgesellschaft, durch sehr rigoroses und teils schmerzhaftes Sparen und eine Erhöhung der prognostizierten Einnahmen durch ein erfolgreiches Jahr im Veranstaltungsbereich.

Gerade für meine Mitarbeiter war dies sicherlich kein einfaches Jahr, da ich durch diese äußeren Umstände gezwungen war, noch stärker zu sparen und auf wirtschaftlich effektivere Prozesse hinzuwirken, als ich dies sowieso vor hatte. Ein gesunder und nachhaltiger Veränderungsprozess sieht sicherlich anders aus.

Und nun die Einführung des Mindestlohns . . .

Wagner : Unsere Arbeit ist mit unserem Kernteam an Mitarbeitern nicht zu bewältigen. Aus diesem Grund beschäftigen wir eine Vielzahl von freien Mitarbeitern, vor allem Schüler und Studenten, die zum Beispiel den Einlassdienst in der Neuen Gebläsehalle oder die Aufsicht in der Städtischen Galerie übernehmen. Für diesen Personenkreis wird sich der Mindestlohn auswirken, allerdings nur in einem sehr begrenzten Maße. De facto entstehen uns aber Mehrkosten, das steht außer Frage.

Wenn Sie nun aber so viel Geld zur Verfügung gestellt bekämen für die Kultur, wie auch immer Sie wollten - was würden Sie dann unbedingt umsetzen wollen?

Wagner : Das Angebot für Kinder und Jugendliche verbessern, ein eigenes Gebäude für die Musik- und Musicalschule mit eigenen Instrumenten, die wir dann an die Schüler verleihen können. Da unsere Gäste inzwischen aus dem ganzen Saar-Lor-Lux-Raum und dem Rhein-Main-Gebiet kommen, wäre es von großer Bedeutung, in diesen Regionen auch dauerhaft werblich und kommunikativ präsent zu sein. Auch würde ich mir wünschen, einmal die finanziellen Möglichkeiten zu haben, für das Stadtfest Künstler zu engagieren, die ansonsten nur die ganz großen Hallen bespielen. Mit den neuen Räumlichkeiten der Städtischen Galerie, die uns ab Dezember zur Verfügung stehen werden, haben wir auch hier die Möglichkeit, noch bekanntere, noch künstlerisch wertvollere und gesellschaftlich prägendere Ausstellungen in die Stadt zu holen. Klar ist aber auch, dass sich das finanzielle Volumen damit deutlich erhöht.

Für die VHS würde ich mir neue, eigene Räumlichkeiten für unser großes Sport- und Gesundheitsangebot wünschen. Hinzu kommen einige große finanzintensive Projekte, die unternehmensintern für unsere Weiterentwicklung elementar sind, wie ein neues Corporate Design, eine Überarbeitung unserer Homepages, eine neue Datenbank, und so weiter.

Da das ein Wunschtraum ist: Was dürfen die Neunkircher künftig von Ihnen erwarten?

Wagner : Das maximal Mögliche aus den vorhandenen Rahmenbedingungen zu machen. Ich werde auch weiterhin Vermittler und Kommunikator sein, vor allem aber ein ständiger und umtriebiger Marketingbotschafter in Politik, Kultur und Gesellschaft für die Stadt und deren immer noch sehr große Potenziale.

Die Aufgaben-Palette der Kulturgesellschaft ist vielfältig. Gibt es denn ein Sorgenkind für Sie?

Wagner : Die finanzielle Ausstattung des großen Ganzen ist mein Sorgenkind, denn die Entwicklung der Kulturgesellschaft kann nur als Ganzes funktionieren. Und diese Entwicklung ist zu einem sehr großen Teil davon abhängig, wie uns die Kreisstadt als Gesellschafter des Unternehmens finanziell ausstattet. Wichtig ist mir, dass wir nicht nur als freiwillige kulturelle Leistung betrachtet werden, sondern auch als bedeutender Wachstums- und Wirtschaftsfaktor, der für den gesellschaftlichen Wandel herausragende Bedeutung haben kann. Bereits jetzt sind wir Arbeitgeber und Auftraggeber für verschiedenste Dienstleister, bringen also auch wiederum Geld in den Wirtschaftskreislauf. Und natürlich beeinflussen wir das Image der Stadt positiv, sind Marketingbotschafter im In- und Ausland. Dass man im Fernsehen die große Silvestergala vor dem Brandenburger Tor anschalten und eine Produktion aus Neunkirchen live sehen kann, dass sich bei Vernissagen der Städtischen Galerie die Fernsehteams die Klinke in die Hand geben - wann hat es dies alles zuletzt gegeben?

Zwei Dinge hatten Sie bei Besuchen in der Redaktion angesprochen. Zum einen war da die Umstrukturierung der Musical-Schule - Elmar Ottenthal, der in Ihren Anfangszeiten noch künstlerisch beratend zur Seite stand, hatte da sogar von einem Weg bis zur Bühnenreife gesprochen -, nun hat man so ein bisschen den Eindruck: Da tut sich nichts, die Musicalschule stagniert.

Wagner : Ich kann verstehen, dass nach außen möglicherweise dieser Eindruck entsteht.

Aber intern arbeiten wir an verschiedenen Entwicklungsperspektiven für die Musicalschule. Unabhängig von diesen Planungen bietet die Musicalschule in diesem Frühjahr drei Kurse an. Dazu kommt der Musical-Gesangsunterricht mit Matthias Stockinger an der Musikschule. Wann genau der Startschuss für das nächste Semester und die neuen Entwicklungen fällt, kann ich heute noch nicht ankündigen, denn natürlich hängt vieles auch von der finanziellen Machbarkeit ab. Die entsprechenden Konzepte hierzu sind in Arbeit.

Auch in Sachen Musical-Schule war ja mal die Rede von einem möglichen Sponsor, den man mit ins Boot nehmen wollte. Damit sind wir bei Ihrem zweiten Thema: dem Sponsoring . Damit haben Sie sich ja schon lange vor Neunkirchen beschäftigt. In unserem ersten Gespräch vor einem Jahr haben Sie davon gesprochen, mittelfristig Sponsoren zu akquirieren, die helfen, die Kulturkasse aufzufüllen.

: Dies ist nach wie vor ein sehr aktuelles Thema. Allerdings benötigt erfolgreiches Sponsoring , das nicht nur für ein Projekt ausgelegt ist, viel Vorbereitungszeit. Zunächst einmal muss der Kontakt überhaupt erst hergestellt werden, man muss sich gegenseitig kennen lernen und erst dann, zu einem relativ späten Zeitpunkt ergibt sich dann häufig automatisch die Frage, wie man miteinander arbeiten und voneinander profitieren könnte. Grundsätzlich ist es für die effektive Suche nach Sponsoren von großem Vorteil, wenn die Kulturgesellschaft und ihre vielfältigen Aktivitäten auch in der Wirtschaft bekannt sind. Hier haben wir noch sehr viel Arbeit vor uns, der ich aber mit großer Freude nachgehe.

Sie wohnen ja mittlerweile in Spiesen-Elversberg. Kann man Sie denn trotzdem noch beim Spaziergang am Furpacher Weiher antreffen oder wie entspannen Sie?

Wagner : Ich entspanne weiterhin durch viel Sport vor allem in Neunkirchen - Joggen, Fahrrad fahren und durch Wanderungen und Spaziergänge in der Natur, natürlich auch am Furpacher Weiher. Grundsätzlich bin ich gerne aktiv und erkunde so auch nach und nach das Saarland mit all seinen schönen Facetten, von den tollen Wanderwegen bis hin zur Gastronomie. Neben viel aktivem Musizieren ist aber auch ein interessantes Buch in Kombination mit einem guten Wein und Jazz eine gute Gelegenheit, herunter zu fahren und zu entspannen.