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Ein Spezialist für hochwertige FolienDrei Fragen an den Chef

Ein Spezialist für hochwertige FolienDrei Fragen an den Chef

Neunkirchen. Angenommen, Sie haben Hochzeitsnudeln, Haribo-Konfekt, Leibniz-Kekse und Ritter-Sport-Schokolade im Einkaufskorb. Dazu Becel-Margarine und Hakle-Toilettenpapier. Und weil Sie noch nicht auf dem Nichtraucher-Trip sind, angeln Sie sich auch noch eine Packung Zigaretten, wie sie auch Cowboys rauchen

Neunkirchen. Angenommen, Sie haben Hochzeitsnudeln, Haribo-Konfekt, Leibniz-Kekse und Ritter-Sport-Schokolade im Einkaufskorb. Dazu Becel-Margarine und Hakle-Toilettenpapier. Und weil Sie noch nicht auf dem Nichtraucher-Trip sind, angeln Sie sich auch noch eine Packung Zigaretten, wie sie auch Cowboys rauchen. Was Sie nicht wissen können: Mit jedem dieser Artikel - und bei vielen anderen - hält man ein Stück Neunkirchen in der Hand. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Verpackungsfolie ist Präzisionsarbeit aus der Wellesweiler Bergstraße. Dort hat die Treofan Germany GmbH & Co KG ihren Sitz."Was wir hier herstellen, sind absolut konkurrenzfähige Spezialprodukte", stellt Werkleiter Dieter Flasche fest. Nämlich Folien, die höchsten Ansprüchen genügen müssen. Sie werden aus dem thermoplastischen Kunststoff Polypropylen hergestellt, besitzen eine höhere spezifische Festigkeit als Edelstahl und müssen in verschiedenen Druckverfahren mit bis zu zehn Farben bedruckbar sein. Das ist unter anderem für Lebensmittelkonzerne wichtig, da dort neben der Funktionalität das Design der Verpackungen aus Marketinggründen eine wichtige Rolle spielt. Sie ordern in Wellesweiler Verpackungsfolien, die beispielsweise Barriere-Eigenschaften haben müssen. Das heißt, erläutert Dieter Flasche, sie müssen den Inhalt - etwa Schokolade, Chips, Cracker oder auch Teigwaren - gegen Feuchtigkeit und Oxidation schützen, um ihn haltbar zu machen.Eine zweite Folienart, die Treofan produziert, sind die Etikettenfolien für Waren, die in Dosen oder festen Behältern angeboten werden. Dabei werden Folien mehrfarbig bedruckt, rundherum wird ein Polypropylen-Becher gespritzt, schildert Flasche das Herstellungsverfahren. "Auf diesem Markt sind wir ein Technologieführer", stellt der Werkleiter fest.Als drittes kommen Zigarettenfolien hinzu, die nach Flasches Worten die meisten bekannten Hersteller von Treofan beziehen. Die durchsichtigen Hüllen müssen die Glimmstängel frisch halten, die Stapelbarkeit in Automaten gewährleisten und die Anforderungen des grünen Punktes erfüllen.Einen komplett anderen, aber rasant wachsenden Markt bietet die Elektrotechnik. Treofan-Folien werden auch in Speichern für elektrische Energie, so genannten Kondensatoren, eingesetzt. Diese Bauteile werden etwa in Rechnern, Telefonen, Autos und Haushaltsmaschinen eingebaut. "Hier haben wir international einen bedeutenden Marktanteil, besonders auch in Asien", so Flasche.Neunkirchen ist von der Produktionskapazität her das Schwergewicht unter den sieben Treofan-Produktionsstandorten. Täglich 180 Tonnen Polypropylen werden in Wellesweiler hergestellt. Das Rohmaterial, das von einer Handvoll großer europäischer Lieferanten in Granulatform bezogen wird, wird bei der Anlieferung in 30 Meter hohe Silos geblasen. Von dort wird die an Reiskörner erinnernde Masse in die Produktionsanlagen gefördert und kommt letztendlich als Bahnware heraus. Etwa 3,7 Millionen Quadratmeter Folie werden in Neunkirchen jährlich produziert, rechnet Flasche aus. Zum Vergleich: Das Saarland hat eine Fläche von 2,57 Millionen Quadratmeter. Das Produkt ist trotz seiner Widerstandsfähigkeit hauchdünn: Die Folie wird mit einer Dicke von drei Tausendstel bis zu 90 Tausendstel Millimeter produziert.Im Produktionsbereich selbst herrschen strenge Hygienerichtlinien: Haarnetze und weiße Jacken sind für die Belegschaft vorgeschrieben, das Tragen von Schmuck ist am Arbeitsplatz auch aus Sicherheitsgründen verboten. Die Treofan-Beschäftigten arbeiten in vier Schichten und zwar an 365 Tagen im Jahr: Zu groß wäre der Verlust, wenn man den hochkomplizierten Maschinenpark stoppen würde und wieder neu anfahren müsste.Nicht nur in der Produktion ist Neunkirchen ein wichtiger Faktor für die Treofan-Gruppe: "Unsere Forschung und Entwicklung sitzt im Herzen des Neunkircher Werkes", berichtet dessen Leiter. Hier werden neue Produkte in Zusammenarbeit mit Kunden entwickelt.Allerdings gilt für Flasche die Devise: "Wir müssen uns angesichts der internationalen Konkurrenz gewaltig anstrengen!" Angesichts der Energiepreise, die hierzulande im weltweiten Vergleich nicht konkurrenzfähig seien, müsse man die höheren Produktionskosten "ausgleichen, indem wir besser sind". "Ich bin extrem optimistisch, dass wir das schaffen", ergänzt der Werkleiter.Dabei musste und muss die im Laufe der letzten Jahre leicht reduzierte Belegschaft, die sich bei etwas mehr als 600 Beschäftigten eingependelt hat, ihren Teil zur Standortsicherung beitragen. Vor drei Jahren wurde mit dem Betriebsrat unter Zustimmung der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie ein entsprechender Vertrag geschlossen, der die Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden ohne Lohnausgleich erhöht und die Tarifsätze reduziert.Dafür ist der Leiter des Treofan-Standortes mit den saarländischen Mitarbeitern höchst zufrieden: "Wir finden hier in der Region Leute, die eine sehr starke Bindung zur Firma haben und mit dem Schicht-System gut zurecht kommen." Die saarländische Mentalität bedinge eine geringe Fluktuation unter der Belegschaft. Während es keine Probleme bereite, die Stellen von Facharbeitern, Technikern und Meistern zu besetzen, sei die Rekrutierung von Ingenieuren "eine mittlere Katastrophe". "Der Markt bietet nicht genügend gute Leute", so Flasche. Um den Facharbeiternachwuchs zu sichern, bilde man "leicht oberhalb unseres Bedarfs" aus. In diesem Jahr haben im August sieben Azubis - insgesamt sind es jetzt 27 - angefangen, die in fünf Berufsbildern ausgebildet werden.Nachdem Sie jetzt 16 Jahre hier sind: Welche Meinung haben Sie über das Saarland?Flasche: Was man im Saarland findet, ist eine Vielzahl hochmotivierter Leute. Was sehr, sehr positiv ist, sind auch die kurzen Informations- und Amtswege.Was fällt Ihnen spontan auf die Frage ein: Wo kann man die Neunkircher Infrastruktur noch verbessern?Flasche: Die Voraussetzungen für die Stromversorgung und für den Autoverkehr sind sehr gut. Was fehlt, sind Anschlüsse für die Abnahme größerer Gasmengen. Und für Mitarbeiter im Schichtdienst wäre das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln verbesserungsfähig.Eine kleine Prognose oder auch Vision: Wie sehen Sie Ihren Betrieb im Jahr 2030?Flasche: Wir werden mit unseren Produkten weiterhin andere Verpackungsarten verdrängen. Der Trend zu größeren und schlagkräftigeren Einheiten wird anhalten. Neunkirchen muss sich da behaupten und wird Anbieter von Spezialitäten bleiben.

Auf einen BlickDie Treofan Group hat sieben Produktionsstandorte, je einen in Deutschland, Belgien, Südafrika und Mexiko sowie drei in Italien. Dazu kommen fünf Marketing- und Verkaufsbüros, wobei im hessischen Raunheim die zentrale Verwaltung sitzt. Das Neunkircher Unternehmen wurde 1969 als Folienwerke Saar gegründet, als Joint Venture der Hoechst AG und der Saarbergwerke. Den älteren Neunkirchern dürfte es noch als Kalle-Hoechst bekannt sein. In der Folge wurde die Firma vollständig von Hoechst übernommen, 1995 als 100-prozentige Tochter Hoechst Trespaphan ausgegliedert. Als Hoechst sich 1999 umstrukturierte, ging das Unternehmen an die Kronberger Celanese AG über. Diese verkaufte Trespaphan 2002 an ein internationales Konsortium aus Dor-Moplefan und Bain Capital. 2003 wurden die Produktionsbetriebe des Konzerns einheitlich in Treofan umbenannt. 2005 schließlich wurde Treofan von einem Konsortium unter Leitung der Investmentbank Goldman Sachs übernommen. gth