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Ein Heft voller Erinnerungen ans eigene Leben

Kreis Neunkirchen. Demenz zerstört Denken und Gedächtnis. Der Kreis Neunkirchen bietet nun einen Leitfaden an, um für Betroffene, Familie und Pflegende die Erinnerungen zu sichern. Solveig Lenz-Engel

Was ist Heimat? Wie war das mit den Eltern und der eigenen Familie? Mit der Berufswahl? Gibt es unerfüllte Träume, Dinge, die wütend machen, Situationen zum Verzweifeln? Wie wichtig sind Religion und Rituale? Wo macht der Körper Probleme? Das sind Fragen, die Menschen mit fortgeschrittener Demenz kaum noch beantworten können. Was diejenigen, die den Betroffenen betreuen, vor zusätzliche Probleme stellt. Denn wer nichts oder nur wenig über die Biografie seines Schützlings weiß, wer nicht weiß, was ihn freut oder grämt oder welche Fähigkeiten noch in ihm schlummern, kann Fehler machen. Fehler, die vermeidbar wären, gäbe es eine entsprechende Dokumentation.



Hier setzt der Demenzverein im Landkreis Neunkirchen an. Martina Maas, Pflegeberaterin beim Pflegestützpunkt des Landkreises, und Thomas Hans, Fachdienstleiter Allgemeiner Sozialer Dienst beim Caritasverband, haben einen Leitfaden für (pflegende) Angehörige erstellt, um biografische Informationen des Erkrankten zu sammeln. Und das nicht erst, wenn die Krankheit schon manifest ist, sondern am besten, wenn alles noch "gut" ist.

Sören Meng, in Doppelfunktion als Neunkircher Landrat und Vorsitzender des Demenzvereins, stellte jetzt die Broschüre vor. Sie stellt eine Fragen-Sammlung dar, durch deren Beantwortung der Lebensweg eines Menschen dargestellt werden kann. Wobei das Bearbeiten der neun Kapitel zwischen Herkunftsfamilie, prägenden Ereignissen und Persönlichkeitsmerkmalen nicht als "Verhör" verstanden werden soll, sondern auch als Möglichkeit, mit dem Angehörigen/Betreuten ins vertraute Gespräch zu kommen. Wenn dann auch noch die Möglichkeit genutzt wird, die freien Seiten mit Fotos und Anmerkungen zu füllen, entsteht in der Tat eine lebendige Biografie.

Aufmerksamkeit verdient auch die Kurzfassung des Biografie-Leitfadens, mit dem die Überleitung von Menschen mit Demenz ins Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung erleichtert werden soll. Dr. Klaus Herz, Chefarzt der Illinger St- Hedwigs-Klinik, betonte, wie wichtig diese Informationen seien, um Patienten/Heimbewohner angemessen versorgen zu können. Auf einem Blatt finden Pflegende/Betreuer Hinweise zu den Fähigkeiten (beim Essen, bei der Hygiene) oder zum Verhalten (Weglaufen, Unruhe). Situationen, die für den Kranken besonders belastend sind, können beschrieben und somit in der Einrichtung vermieden werden. Auch hier ist das Umfeld der Patienten gefragt, beim Ausfüllen zu helfen, wenn der Betroffene es nicht (mehr) kann. Volker Schwarz vom Demenzverein, der mittlerweile über ein hilfreiches Netzwerk mit rund 70 Teilnehmern verfügt, wies darauf hin, dass beispielsweise mit den Grünen Damen/Herren Ehrenamtler geschult würden, um bei der Sammlung der biografischen Daten von Menschen mit Demenz zu helfen.

Bei den in Neunkirchen erarbeiteten Biografiebögen flossen Ideen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, einer Projektgruppe der Berufsbildenden Schule Zweibrücken, des Klinikums Saarbrücken, des Grathmannhauses Stuttgart und Lerninhalte aus dem Ausbildungsplan für ehrenamtliche Demenzhelfer im Landkreis als Kooperation der Leitstelle "Älter werden" und des Caritasverbandes mit ein.



Weitere Informationen zum Thema gibt es auch am Montag, 24. April, 10 Uhr, beim Runden Tisch Demenz im Landkreis Neunkirchen im Dienstgebäude 7 (Jugendamt) in der Saarbrücker Straße 1 in Neunkirchen. Interessierte sind dort willkommen.

Zum Thema:

Der Leitfaden ist in gedruckter Form unter anderem erhältlich beim Demenzverein im Landkreis Neunkirchen, Geschäftsstelle Ottweiler, Martin-Luther-Straße 2, Telefon (0 68 24) 9 06 21 54; demenzverein@landkreis-neunkirchen.de. Download ist möglich unter www.demenzverein@landkreis-neunkirchen.de . Er liegt auch an Stellen aus, die sich mit Pflege/Senioren beschäftigen.