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Die SZ war unterwegs mit zwei Mitarbeitern des KOD Neunkirchen

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona-Krise : „Zu allen dringt man nicht durch“

Die Menschen, die gewährleisten müssen, dass die Corona-Regeln eingehalten werden, haben keinen leichten Job. Die SZ war unterwegs mit zwei Mitarbeitern des KOD Neunkirchen.

Die Ausgangsbeschränkungen, die aufgrund der Corona-Pandemie gelten, stoßen nicht bei Jedermann auf Zustimmung. Die Regeln dennoch durchzusetzen, erfordert Souveränität, Fingerspitzengefühl – und zuweilen ein dickes Fell. Die SZ hat zwei Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) Neunkirchen drei Stunden lang auf ihrer Streife durch das Stadtgebiet begleitet.

15 Uhr/Lübbener Platz: Die Schicht von Sven Meyer (45) und Sebastian Kramer (34)* (Namen von der Redaktion geändert) beginnt am Donnerstagnachmittag mit einer Begegnung der unangenehmen Art. Ein Mann Anfang 30 kauert vor einem asiatischen Restaurant am Lübbener Platz auf der Straße und raucht eine Zigarette. Spazierengehen ist in Zeiten von Corona erlaubt – an einem Ort verweilen aber nicht. Und soll seit Mittwoch mit einem Bußgeld geahndet werden. Doch die beiden Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsdienstes haben einen Ermessensspielraum, können es bei Verstößen, die sie als lediglich fahrlässig einstufen, bei einer Ermahnung belassen. So auch in diesem Fall. Meyer erlaubt dem Mann, seine Zigarette aufzurauchen. Danach soll er weiterziehen. Doch der Betroffene reagiert zuerst unwirsch, dann aggressiv. „Brauchst nicht so doof zu gucken, sonst gibt’s eine reingeknallt“, fährt er Meyer mit trübem Blick an. Der KOD-Bedienstete, der einen halben Kopf größer ist, schlägt nun einen deutlich schärferen Ton an. Nach kurzer Diskussion trollt sich der Mann.

Doch nicht jeder Fall ist für die Ordnungshüter so eindeutig wie dieser. Es gibt Grauzonen. Ein Bettler, der sich mit seinem Hund wenige Meter weiter niedergelassen hat und auf einem Schild um Spenden bittet, erklärt, diese seien seine „Existenz“. Eine Frau, die auf einer Bank sitzt, sagt, sie habe seit zwei Wochen das Haus nicht verlassen, warte im Augenblick nur auf ihren Arzttermin und wolle aus Angst vor einer Infektion so wenig Zeit wie möglich im Wartesaal verbringen. Beide dürfen bleiben, unter dem Versprechen, in wenigen Minuten zu gehen. „Fingerspitzengefühl“, sagt Meyer. „Wenn wir aber sehen, dass sie gelogen haben und später immer noch da sitzen, bleibt es nicht bei einer Ermahnung“, ergänzt Kramer.

Sein Kollege verteilt im Anschluss Strafzettel an Falschparker in der Bahnhofstraße. Zu kontrollieren, dass die Corona-Regelungen eingehalten werden, verschlinge so viel Zeit, dass „viele Sachen wie Parksünden hinten runter fallen. Aber an den Hotspots kontrollieren wir trotzdem noch. Die Leute sollen nicht meinen, dass jetzt Parkanarchie herrscht und sie machen können, was sie wollen. Der Rechtsstaat funktioniert weiter“, sagt Meyer. Seine Tätigkeit beenden kann er allerdings nicht. Kramer hat einen Anruf erhalten, beide werden an anderer Stelle gebraucht.

15.27 Uhr/Mozartstraße: Eine Mitarbeiterin des Ordnungsdienstes hat gemeldet, dass sechs Männer auf offener Straße an einem Auto arbeiten. Als Meyer und Kramer sich nähern, will sich die Gruppe zerstreuen. Die Ordnungshüter notieren sich die Nummernschilder und können die Männer noch auf ihr Fehlverhalten hinweisen. Dann fahren diese davon. „Wenn wir die wiedersehen, wird es ernst“, sagt Kramer. Dann droht ein Bußgeld von bis zu 200 Euro.

15.44 Uhr/Boxberg: Ein anonymer Anrufer hat gemeldet, dass auf dem Gelände des C+C-Marktes illegal Müll abgelagert wird. Zumindest im Außenbereich des Marktes ist davon aber nichts zu erkennen. Der Innenbereich sei für sie tabu, erklären die KOD-Mitarbeiter. Noch während sie die Umgebung begutachten, werden sie bereits zur nächsten Einsatzstelle gerufen.

15.57 Uhr/Kleiststraße: An der Esso-Tankstelle greifen Meyer und Kramer tatsächlich drei jener Männer auf, die eben noch in der Mozartstraße zugange waren. Nun ist die Geduld der Ordnungsbediensteten zu Ende. Die Personalien der Männer werden festgestellt, ihr Fehlverhalten wird ein Ordnungswidrigkeitsverfahren nach sich ziehen.

16.15 Uhr/Stadtpark und Wagwiesental: Die Kontrollfahrt durch den Stadtpark verläuft ruhig. Spielplatz und Bolzplatz sind verwaist. Das sei das Wichtigste und würde oft kontrolliert, sagt Meyer. Er berichtet: „Vor kurzem hat hier eine Familie ganz friedlich gepicknickt. Es ist nicht angenehm, die wegzuschicken – aber notwendig“. Im Wagwiesental haben sich zwei Jugendliche auf einer Parkbank niedergelassen. Die Belehrung der KOD-Mitarbeiter fruchtet. Beide zeigen sich einsichtig. Seine Mutter leide an Asthma, er könne die Maßnahmen verstehen, meint einer der Jungs, bevor sie weiterziehen.

16.49 Uhr/Ellenfeldstadion: Ein Zeuge will gesehen haben, dass im Bereich des Mantes-La-Ville-Platzes ein Geschäft unerlaubt geöffnet hat. Davon ist nun aber nichts zu sehen. „Eventuell hat dort nur jemand sauber gemacht“, sagt Meyer, der das Geschäft dennoch abfotografiert und künftig im Auge behalten will.

17.06 Uhr/Furpacher Weiher:
„Das ist bei uns, was in Saarbrücken der Staden ist“, sagt Meyer und seufzt. Der Weiher im Neunkircher Stadtteil gilt bei den KOD-Mitarbeitern als Hotspot. Auch heute sind die Wege rund um das Gewässer bei strahlendem Sonnenschein belebt. Eine Mutter spielt mit ihrem Kind auf einem Wippentier. Meyer klärt sie über die Gefahren auf. „Die Spielfläche könnte infiziert sein. Es gibt tatsächlich Menschen, die tun sowas absichtlich“, warnt er. Eine Frau wirft einen verkniffenen Blick auf Meyers Uniform und meint schnippisch: „Toll, wie leblos unser Weiher bei diesem schönen Wetter ist.“ „Wir tun das für die Gesundheit“, entgegnet der 45-Jährige – und klingt dabei, als führe er solch ein Gespräch nicht zum ersten Mal. „Viele Verstöße geschehen aus Unwissenheit – aber mache auch aus Ignoranz“, seufzt er. Kramer unterhält sich derweil mit zwei Jugendlichen, die eine Partie Mühle spielen. Dass sie das nicht dürfen, hätten sie nicht gewusst. Ob sie noch zu Ende spielen können? „Ja, aber danach sofort weiter“, sagt Kramer. Nach einer halben Umrundung des Weihers macht sich bei ihm ein wenig Resignation breit. Denn auf der gegenüberliegenden Seite haben sich die Bänke, von denen er vor wenigen Minuten die Parkbesucher verscheucht hatte, längst wieder mit anderen gefüllt.

17.44 Uhr Hebbelstraße: In der Hebbelstraße dokumentieren die Ordnungshüter einen illegalen Müllberg, der „seit dem letzten Mal schon wieder gewachsen ist“ (Kramer) und nehmen sich im Anschluss noch Zeit für ein Gespräch. Ja, Coronaparties hätten sie bereits auflösen müssen, bestätigt Meyer. Diese ausfindig zu machen, sei aber nicht leicht. Vor kurzem hätten Jugendliche bei Kerzenschein in einer abgelegenen Hütte am Lichtenkopf in Hangard gefeiert. „Wir versuchen, ihnen die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen. Dass das Geheule groß ist, wenn sie so ihre Eltern und Großeltern anstecken. Aber zu allen dringt man nicht durch“, sagt Kramer, der aber nicht findet, dass Jugendliche sich während der Pandemie besonders verantwortungslos verhalten. „Das zieht sich durch alle Altersklassen.“ Viele wollten zudem nicht für ihr Tun gerade stehen, sondern suchten nach Ausreden. „Jemand meinte mal, er sei nur auf dem Weg zum Einkaufen. An einem Sonntag“, berichtet Kramer und muss schmunzeln.

Um sich gegen tätliche Angriffe zu verteidigen, sind die KOD-Mitarbeiter ohnehin nicht ausgerüstet – aber auch gegen die grassierende Krankheit sind sie kaum geschützt. Masken tragen sie keine. „Im Krankenhaus werden die dringender gebraucht“, äußert Meyer Verständnis. Trotzdem macht er sich Gedanken, sollte er beim Verrichten seiner Arbeit auf der Straße angespuckt werden.

Um 18.02 Uhr klingelt bei Kramer das Telefon. Die beiden werden zu einem Einsatz in der Goethestraße gerufen und verabschieden sich. „Das heute waren vielleicht 30 Prozent von dem, was sonst los ist. Normalerweise ist es härter“, ruft Kramer noch, bevor er die Tür des Wagens schließt.

Auch wenn es bei dem angekündigten schönen Wetter schwer fällt: Die Ausgangsbeschränkungen gelten auch am Wochenende. Verstärkte Kontrollen werden durchgeführt.