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Ein KISS-Projekt
Die Münchwieser machen mobil

Projektleiterin Beate Ufer und ihre Mitarbeiterin Stephanie Kratz beim Besuch der SZ-Redaktion.
Projektleiterin Beate Ufer und ihre Mitarbeiterin Stephanie Kratz beim Besuch der SZ-Redaktion. FOTO: Claudia Emmerich
Münchwies . Im Frühjahr startet in und um das „Dorf am Himmel“ das Projekt „Mitfahrerbänke“. Und so funktioniert es. Von Claudia Emmerich

Platz nehmen bitte für ein bewegendes Projekt in und um das „Dorf am Himmel“. Mit Mitfahrerbänken macht Münchwies mobil. Projektleiterin Beate Ufer (56) und ihre Mitarbeiterin Stephanie Kratz (29) haben bei ihrem Besuch in unserer Redaktion das „Bankgeheimnis“ jetzt schon mal gelüftet. Durchstarten wollen sie im Frühjahr.


„Gerade für ältere Menschen ist es in einem Dorf wie Münchwies schwer, vom einem zum anderen Ende zu kommen, mal den Berg hoch, mal den Berg runter“, sagt Beate Ufer. Münchwies liegt offiziell 369 Meter hoch, tiefster Punkt in der Gemarkung 289 Meter, höchster Punkt 495 Meter. Ohne Auto, so Ufer weiter, würden auch Einkaufen, Geld holen oder Arztbesuche zur Herausforderung. In Münchwies selbst fehlt Infrastruktur (Supermarkt, Geldautomat, medizinische Versorgung). Aber nur ein Stückchen weiter findet sich das alles. Im Bexbacher Stadtteil Frankenholz – rund zwei Fahrkilometer entfernt – gibt es einen Supermarkt, eine Apotheke, einen Allgemeinmediziner, einen Bankautomaten, eine Grundschule, schildert Ufer. Auch der Ottweiler Stadtteil Lautenbach – rund vier Fahrkilometer entfernt – und Ostertal-Nachbar Hangard – rund sechs Fahrkilometer entfernt – bieten  mehr Geschäfte als das 1150-Seelen-Dorf Münchwies. Echte Alternativen zu Neunkirchen (rund zwölf Fahrkilometer entfernt) für Alltagsdinge, so Ufer. Aber man muss eben hinkommen, wenn man nicht mehr so mobil ist und die Busanbindung fehlt, sei das schwer.

Hier setzt das Projekt unter der Fahne von Nachbarschaftshilfe und Dorfgemeinschaft an. „Wer auf einer Mitfahrerbank sitzt, signalisiert Autofahrern: Ich möchte mitgenommen werden“, erklärt Beate Ufer. Damit das mit dem Hin und auch Zurück funktioniert, werden sieben Sitzgelegenheiten aufgestellt: Vier Bänke in Münchwies, drei Gegenbänke in Frankenholz, Lautenbach und Hangard (siehe Grafik).



Träger des Projektes ist KISS (Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland). Geld gibt es über das Programm Landaufschwung des Landkreises. Das Projekt fußt auf dem Programm „Selbsthilfe und Teilhabe stärken bei älteren Menschen“. Aus ihm gingen Seniorenmittagstische im Landkreis Neunkirchen hervor. Seit März 2015 auch in Münchwies. Ufer: „Bei diesem Seniorenmittagstisch war ein häufiges Gesprächsthema die mangelnde Mobilität in Münchwies.“

Im Dorf, erzählt Beate Ufer (selbst Münchwieserin), werde jetzt schon angehalten, und gefragt: Wo willst du hin? Kann ich dich mitnehmen? Jetzt soll ein geregeltes Angebot entstehen. Und nicht nur für ältere Menschen, sondern für alle. Online wollen sie zudem einen „Treffpunkt Mitfahrerbank“ aufbauen, quasi eine dörfliche Mitfahrerzentrale. Rund 15 000 Euro sind fürs Projekt angesetzt. Ufer hat sich an die Rathaus-Spitzen in Neunkirchen, Bexbach und Ottweiler gewandt, auch mit den Ortsräten Kontakt aufgenommen: „Alle haben positiv reagiert.“

In Münchwies haben die Projektmacher bereits zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Rund 35 Menschen kamen, erzählt Ufer, jüngere wie ältere. Und sie stellten Fragen: Wie sieht das mit der Versicherung und Haftung aus? Wie weiß ich, zu wem ich ins Auto steigen kann? „Eine nichtgewerbliche, unentgeltliche Mitnahme ist im Rahmen der Kfz-Haftpflicht abgedeckt, ähnlich wie bei Fahrgemeinschaften zum Beispiel zur Arbeit“, sagt Beate Ufer. Verletzte sich jemand beim Ein- oder Aussteigen, oder beim Ein- oder Ausladen, dann greife die eigene Unfall- und Haftpflichtversicherung. Und klar: Der Fahrer soll sich sicher fühlen, wer bei ihm einsteigt. Und der Fahrgast soll sich sicher fühlen, bei wem er einsteigt: „Darüber haben wir intensiv nachgedacht“, sagt Ufer. Wer mitmacht, könne sich registrieren lassen. Es werde auch eine Kennung am Auto geben.

Wie die Bänke aussehen könnten, dazu haben unsere Redaktionsgäste ein Muster-Bild dabei (siehe Foto). Auf einen Betonsockel kommen eine Holzauflage und Griffe. Und woher weiß ein Autofahrer, wo es hingehen soll? An einem drehbaren Vierkantholz, sagt Ufer, kann der Mitfahrwillige, sein Ziel einstellen – in Münchwies also „Frankenholz“, „Hangard“ und „Lautenbach“. Vierte Option: Das Vierkantholz lässt sich auch auf „leer“ stellen. Wenn man die Bank vielleicht nur zum Ausruhen oder zum Schwätzchen halten nutzen will.

So etwa könnten die Bänke in und um Münchwies aussehen.
So etwa könnten die Bänke in und um Münchwies aussehen. FOTO: Ufer/KISS
Diese Mitfahrerbank steht in Calmesweiler am Brunnenplatz. Mit ihr geht es in die Probephase für diese Idee in der Gemeinde Eppelborn.
Diese Mitfahrerbank steht in Calmesweiler am Brunnenplatz. Mit ihr geht es in die Probephase für diese Idee in der Gemeinde Eppelborn. FOTO: Diener/Gemeinde Eppelborn
Im Illinger Ortsteil Wustweiler steht vor der Sparkasse eine Mitfahrerbank. Eine Alternative zum Kerpen-Express, sollte dessen Aus kommen?
Im Illinger Ortsteil Wustweiler steht vor der Sparkasse eine Mitfahrerbank. Eine Alternative zum Kerpen-Express, sollte dessen Aus kommen? FOTO: Thomas Keller/Gemeinde Illingen