| 20:20 Uhr

Projekt Grundsteine
Eine Mauer, die verbindet statt zu spalten

Von links: Die Schülerinnen Dalin, Philine, Sofie, Thea und Ilayda haben Steine für die Mauer mit Mustern kreiert.
Von links: Die Schülerinnen Dalin, Philine, Sofie, Thea und Ilayda haben Steine für die Mauer mit Mustern kreiert. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Die Aktion „Grundsteine“ der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen steht für die Vielfalt der Menschen. Von Anja Kernig

Mauern bauen zu wollen haftet dieser Tage, politisch gesehen, etwas leicht Anrüchiges an. Doch die Mauer, die Gudrun Melchior und Clemens Wilhelm vorschwebt, ist mitnichten eine des Teilens und Abschottens, sondern eine, die Stärke symbolisiert, Zusammenhalt und vor allem: Vielfalt. Wo sie hinkommt, steht noch nicht fest. Angedacht ist mal das Foyer als bester und repräsentativster Ort im Schulgebäude. Gut, räumt Wilhelm ein, da müsste man ein paar andere Sachen entfernen. Aber das wäre es dem Schulleiter wert.


Wobei das Spannendste an dieser Mauer die einzelnen „Steine“ sind. 40 Stück gibt es schon – geschaffen im Laufe eines Jahres. So lange läuft die Aktion „Grundsteine unserer Schule“ schon, die von Lehrerin Melchior nach dem Vorbild eines Grundsteinkisten-Museums in Langenberg angeregt und von Schulleiter Wilhelm sofort für gut geheißen wurde.

Die Grundidee war, die Vielfalt der Menschen, die Teil der Schulgemeinschaft sind, in einem künstlerischen Objekt darzustellen. Dazu soll jeder, der möchte, drei Steine gestalten, die dann als eine Art Triptychon in einer aus alten Holzpalletten recycelten Holzkiste aufgehängt oder aufgestellt werden. Wie die Oberfläche der Ytong-Quader gestaltet wird, bleibt jedem Teilnehmer überlassen.



Taif (11) und Soler (12) zum Beispiel spannten ein Minibanner mit Noten über einen gemalten Globus und aus Garn geknoteten Männchen: „Unser Gedanke war, dass alle Menschen in der Welt tanzen und singen.“ Sehr viel persönlicher fällt das Statement von Tyler (11) aus: Er malte eine Ukulele, höhlte den Stein am Schallloch aus und schlug Nägel in den Stein und bespannte sie mit Draht. „Weil ich Musik mag“, lautet seine Erklärung. Gelernt hat er das Ukulele Spielen hier in der Schule - eines von vielen Angeboten, die den Schülern in den Freizeiten unter dem Titel „Kreative Pause“ zur Verfügung stehen. „Da gibt es eine schöne Geschichte“, wirft Wilhelm ein. Und Tyler erzählt: Er sei mal durch die Stadt gelaufen und habe dabei ein bisschen auf der Ukulele gespielt. Einem Passanten gefiel das ausnehmend gut, er fragte den Jungen, wo er das gelernt hat. Als er die Antwort hörte, zückte er seinen Geldbeutel und überreichte Tyler einen 20 Euro Schein „für die Schule“. Was für das Projekt nicht ganz reichte. Gefördert wurde es mit 3000 Euro aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ in Kooperation mit dem Adolf-Bender-Zentrum und dem Kreisjugendamt. Wobei Wilhelm auch über den Förderzeitraum hinaus weiter machen möchte – eine Art Langzeitprojekt, bei dem im besten Falle auch Küchenmitarbeiter und das Reinigungspersonal, Eltern, ehemalige Schüler und Lehrer bis hin zu Gewerkschaftsvertretern und dem Bildungsminister mitwirken sollen.

Wobei die Mehrzahl der Steine dann wohl doch eher aus Schülerhand kommen. Titel wie „Camouflage“, „Mein Pferd“, „Die Moschee“, „Best Friends“, „Mathematik“, „Weltfriedensengel“ oder „Glück auf“ verdeutlichen die thematische Bandbreite der Arbeiten. Eine besonders schöne stammt von Leonie (11) und Lea (12): „Wir wollten was mit Natur machen“ und „Gefühle zeigen“. Ihr Grundstein zeigt einen Vulkan, der rot glühende Lava speit. Umgesetzt haben das die Mädchen mit Sand, Leim, Strukturpaste und Acrylfarben. „Wenn man traurig ist oder wütend, dann ist das, wie wenn ein Vulkan ausbricht“, sagt Leonie. Oder „man kann nicht mehr, hat keine Lust“. Auch dann ist manchmal alles zu spät, „dann bricht es raus“.

„Es ist toll, was die Kinder für Ideen entwickeln“, schwärmt Gudrun Melchior. Ihr Stein ist noch nicht fertig. Ihn zieren plastische organische Formen in Gold. Sie habe dabei an die Schüler gedacht, die sich während ihrer Schulzeit regelrecht entfalten, erläutert die Pädagogin. Was dabei zum Vorschein komme, sind „Juwelen“.