| 18:50 Uhr

Theater
Kurze Beine, kleine Lügen, großer Spaß

 Die Kulisse brachte das Stück " Der Hase und der Igel" auf die Bühne des Wiebelskircher Kulturhauses. Jörg Jacobi ?
Die Kulisse brachte das Stück " Der Hase und der Igel" auf die Bühne des Wiebelskircher Kulturhauses. Jörg Jacobi ? FOTO: Jörg Jacobi
Wiebelskirchen. Der Theater- und Spielverein „Die Kulisse“ lässt den Hasen gegen den Igeln laufen – und begeistert die Zuschauer Von Anja Kernig

„Igel, Igel, Igel“ hallt es ohrenbetäubend. Viele der rund 200 Kinder sind von ihren Stühlen aufgesprungen und kennen kein Halten mehr, um ihr Idol anzufeuern. Wobei es sich ja streng genommen nicht um eins handelt, sondern zwei. Zwei Idole, weil zwei Igel, die als einer gegen den Hasen antreten. Hmmm, da ist Schummelei im Spiel. Andererseits: Der doofe Hase hat es doch gar nicht anders gewollt. Er musste sich ja nicht über die „kurzen, krummen“ Beine des „Stachelkloß’“ lustig machen. „Meine Beine sind also weniger wert als deine“, hatte Ingolf Igel ungläubig zurück gefragt. Und Hartmut Hase? Nickte feixend, dieser Großkotz.


Soviel zur Antiquiertheit von Märchen. Mit „Der Hase und der Igel“ entschied sich „Die Kulisse“ diesmal für ein ziemlich bekanntes, dessen Reiz sowohl in der zeitlosen Parabel als auch in der erfrischenden Neufassung liegt. So gibt es einen Erzähler, den ziemlich coolen Salamander Felix (als solcher glänzte und schillerte Nicole Klee nicht nur äußerlich), und etliche interessante bis putzige Nebenfiguren – angefangen bei den beiden Igelkindern (Jonas Klee und Regisseurin Ida Jacobi, der man das kurzfristige Einspringen und die Doppelbelastung keine Minute anmerkte) über die blütenweiße Gänsefamilie (vorneweg Andrea Kiefer als bodenständige Mama-Gans Gisela, hintendran Emilio Cottone, Frieda Prams und Lukas Klee als ihre Kinder) und den italienischen Maulwurf (Nachwuchsgigolo Joscha Goethe mit einem anbetungswürdigen Akzent) bis hin zu Fortuna Fuchs, oder besser, „Fortuna von Fuchs, so viel Zeit muss sein“ (reizend hochnäsig gespielt von Hannah Neumann).

Die Idee, den Wettkampf selbst als Rennen im Saal zu inszenieren, hatte Charme und ging voll auf. Selten schlugen die Wellen der Begeisterung so hoch bei einer Theateraufführung. Enthusiastisch schwenkten die jungen Zuschauer die Fähnchen, die Regisseurin Jacobi in Heimarbeit selbst geklebt hat – 1000 Stück! Dank Kameramann Bernhard Biber (Rainer Setz) konnte man das Geschehen rund um das Rennen auf der Leinwand live verfolgen.



Kindgerecht heraus gearbeitet waren nicht zuletzt die Charaktere der Hauptfiguren: Hier das trollige Igelpaar, dort die Schickimicki Häsin und ihr ehrgeiziger Gatte. Ähnlichkeit herrschte dagegen beim internen Machtgefälle. Sowohl die resolute, treusorgende Ingeborg (Ulrike Goethe) als auch die überkandidelte Hetti (Karin Stein) haben zu Hause die Hosen an. Und die beiden Herren? Ähnelten sich nur in ihrer Liebe zur Feldfrucht. Kohlköpfe und Rüben lassen ihrer beider Vegetarier-Herzen höher schlagen. Während Isaak Jacobi seinem Alter Ego eine gute Portion bedächtige Hemdsärmeligkeit angedeihen ließ, hüpfte, grimassierte und gestikulierte Francesco Cottone als Hartmut wie gedopt durch die Gegend.

Und auch die Großen im Saal kamen auf ihre Kosten. Galt es doch lustige Details wie das mit Stacheln versehene Igelhaus zu entdecken, den Sponsor des Sport-Equipments, „Hasidas“, oder auch Anspielungen à la Loriot, wenn erzählt wird, dass Hetti ihren Hartmut verlässt, um in Wuppertal eine Herrenboutique zu eröffnen.

Bestens vorbereitet reiste eine klGruppe der Lebenshilfe Sulzbach/Fischbach an. „Wir haben das im Original plattdeutsche Märchen mehrfach vorgelesen und als Tischtheater gespielt“, verriet Gruppenleiterin Ursula Gassen. Generell sei so ein Ausflug „immer mit viel Aufwand verbunden“, trotzdem lohnte es sich: „Es war wieder ein Highlight.“ Zuschauer Elias haderte etwa mit dem Schluss: „Eigentlich hat der Hase gewonnen“, meinte der Siebenjährige. Aber manchmal ist ein bisschen Schummelei eben erlaubt.

Weitere Aufführungen: Heute, Freitag, 8.30 Uhr, Sonntag, 15 Uhr.

Von wegen „kurze Beine“: Der Igel hat einen Plan fürs große Rennen...
Von wegen „kurze Beine“: Der Igel hat einen Plan fürs große Rennen... FOTO: Jörg Jacobi