„Der Jenni macht das gut“

Es wird wieder einigen Andrang geben, wenn an diesem Heiligabend im Pfarrheim Herz Jesu Weihnachtsfest ist. Menschen mit kleinem Geldbeutel und teils großer Einsamkeit treffen sich dort für ein paar Stunden.

Heiligabend , das kann ein ganz schön heikler Termin sein. Längst nicht jeder sitzt an einem reich gedeckten Tisch im Kreise lieber Menschen. Daniel etwa hat sowohl seine Herkunfts- als auch seine Wahlfamilie verloren. Der 45-Jährige lebt seit zwei Jahren alleine. Nach 14 Jahren mit Frau und Kindern. So erzählt er und setzt hinterher: "Mir graut vor diesem Weihnachten ." Das Fest bereite ihm auch Sorgen, weil er erst seit vier Monaten ganz entgiftet ist. Sein Arzt hat ihm vorsorglich etwas gegen Depressionen verschrieben, falls es über die Weihnachtstage doch zu arg werden sollte. Daniel wird diesen Heiligabend wie Dietmar, Helga, Paul-Jürgen, Wolfgang, Michael und vielen andern, die in Neunkirchen oder im Kreis leben, Heiligabend im Pfarrheim Herz Jesu in der Norduferstraße verbringen. Sie erzählen davon beim gemeinsamen Mittagessen in dem Treff. Ein bisschen unter Leuten sein, reden, was essen, ein kleines Geschenk bekommen. Die katholische Kirchengemeinde St. Marien lädt dazu ein. Gut 230 Leute erwartet Diakon Oswald Jenni. Der Nachmittag beginnt mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken, ein bisschen Programm auf der Bühne, Abendessen und Bescherung. Für die 60 Helfer ein Kraftakt, für die vielen Gäste ein wärmendes Licht an einem ansonsten womöglich düsteren Abend.

Verlängertes Wochenende

Michael, 51, hat mit Weihnachten nicht viel am Hut. "Ich feiere seit Jahren kein Weihnachten mehr. Für mich ist das nix anderes als ein verlängertes Wochenende." Ins Pfarrheim unter der ehemaligen Kirche kommt er dennoch. Es sei gut, unter Leuten zu sein. Daheim erwarten ihn nur die beiden Kater Bartholomäus und Bruno. Seit einem Jahr, sagt er, beziehe er nach einem langen Arbeitsleben Hartz IV. Das habe ihn in ein seelisches Loch geschickt. Wolfgang, 67, lebt seit sieben Jahren alleine. In dicker Jacke und mit zwei Mützen auf dem Kopf erzählt er davon, wie er sich zwei Tage vor dem 30-Jährigen von seiner Frau getrennt habe. Er ist seit seinem 56. Geburtstag in Rente, hat eine Zeit lang im eigenen Auto gepennt, ehe er in Hangard wieder eine Bleibe fand. Die Weihnachtsfeier in der Norduferstraße findet er gut. Mit sonorer Stimme erzählt er: "Wir sitzen zusammen am Tisch, jeder macht seine Späßchen, und dann kommt der Pfarrer und sagt: Jetzt wird gesungen." Und auch wenn mancher nur die Lippen bewege, sei das doch alles ganz in Ordnung. "Die Fahrten mit Jenni sind immer spitze", lobt er den Diakon. Einmal im Jahr kommen die Leute raus aus der Stadt, die finanziell einen Ausflug nicht so ohne Weiteres stemmen können.

Paul-Jürgen mit seinem Kölner Slang, Berliner Wurzeln und der FC Bayern-Mütze, lässt auf die gemeinsamen Stunden auch nichts kommen. Er habe studiert, in einer Rechtsanwaltskanzlei gearbeitet, erzählt er, aber das System habe ihn vor ethische und moralische Fragen gestellt. Ein Aussteiger? "Könnte man so sagen."

Kleine Rente

Helga, 68, waschechte Neunkircherin, muss mit 750 Euro Rente klarkommen. Auch sie lebt alleine und findet es "schön, hier mit Leuten zu sitzen". Im Flur Buffet, der Saal festlich geschmückt - "der Jenni macht das gut", sagt sie und nickt bekräftigend mit dem Kopf. An den Weihnachtsfeiertagen geht sie zu ihren Kindern. Neben ihr Dietmar. Auch aus Neunkirchen . Sechs Geschwister habe er, sagt der 62-Jährige, aber jeder gehe seiner eigenen Wege. Weihnachten sei für ihn "schon belastend". Da müsse er sich Gedanken machen über alles und habe ein bisschen Ablenkung im Pfarrheim. "Das Leben ist so", meint er unvermittelt. Und schaut vor sich, als sei damit alles erklärt.