| 20:28 Uhr

Ein ungewöhnlicher Pate
Der Bundespräsident und das siebte Kind

Die Großfamilie Schiestel mit Bürgermeister Jörg Aumann und Ortsvorsteher Rolf Altpeter beim Empfang im Rathaus.
Die Großfamilie Schiestel mit Bürgermeister Jörg Aumann und Ortsvorsteher Rolf Altpeter beim Empfang im Rathaus. FOTO: Anja Kernig
Neunkirchen. Mia Schiestel genießt ab sofort die Ehrenpatenschaft des Bundespräsidenten. Gefeiert wurde das im Rathaus. Von Anja Kernig

Wenn Familie Schiestel zur Tür herein kommt und man sich höflich mit Handschlag begrüßt, dann kann sich das schon mal ein bisschen in die Länge ziehen. „Guten Tag Herr und Frau Schiestel, Hallo Chantalle (13), Hallo Nico (12), Leon, Fabian (beide 9), Max (7) und Moritz (4).“ Mias Händchen sind noch zu klein zum Schütteln. Die kleine Prinzessin im feschen Jeans-Trägerkleid wird stattdessen angelächelt. Vor zehn Wochen stand sie, das Licht Neunkirchens erblickend, erstmalig im Mittelpunkt. Normaler Weise hätte die jüngste der Schiestels jetzt erst mal Ruhe bis zur Taufe in der Dreifaltigkeitskirche. Wäre Mia nicht Nummer sieben und damit Ehrenpatenkind von Frank-Walter Steinmeier.


Als „verlängerter Arm des Bundespräsidenten“ überreichte Neunkirchens Bürgermeister Jörg Aumann die Urkunde zur Ehrenpatenschaft, ausgestellt durch das Bundesverwaltungsamt. Den ersten Mann im Staate vertreten zu dürfen, genoss Aumann sichtlich. „Darf ich noch Limo haben“, fragt im Verlauf der Feierstunde im Rathaus einer der kleinen Jungs den großen Mann. „Sicher“, strahlt Jörg Aumann und schenkt, sich weit nach unten beugend, noch mal nach.

„Ich spiele nicht in ihrer Liga“, hatte sich der Gastgeber gleich zu Beginn geoutet. Als „nur“ dreifachen Vater trennen sein Familienleben Welten von dem der Schiestels. Ja, da stecke eine Menge „Planerei“ dahinter, bestätigt Timo Schiestel. „Da muss jeder mithelfen, das ist das A und O.“ Mit seiner Familie wohnt der 34-Jährige gelernte KFZ-Mechaniker in Wiebelskirchen, weshalb auch Ortsvorsteher Rolf Altpeter mit von der Gratulier-Partie ist. „Wiebelskirchen ist ein gutes Pflaster“, merkt Aumann an und meint fürs Kinderkriegen. Schließlich wohnt die letzte derart ausgezeichnete Großfamilie auch in dem „Mutterstadtteil Neunkirchens“, aus dem, nebenbei gesagt, einst die ersten Siedler über die Blies kamen.



Früh um sechs Uhr beginnt der Tag für die Schiestels. Nach dem Frühstück zerstreuen sie sich in den Fröbel-Kindergarten, die Schillerschule, die Lutherschule und die Gesamtschule. Papa Timo arbeitet bei Schaeffler in Homburg in der Produktion, während Jenifer zu Hause alle Hände voll zu tun hat. Zum Mittagessen sitzen dann fast alle wieder am Tisch. Ravioli mag Leon am liebsten, Fabian dagegen Schnitzel mit Pommes. Wirklich geplant war Mia nicht, aber sie ist hochwillkommen – nicht zuletzt als weibliche Unterstützung ihrer großen Schwester. „Zwei bis drei Kinder wollte ich immer“, blickt Jenifer Schiestel zurück und lächelt. „Es sind dann halt mehr geworden.“ Träumen lassen hat sich das die inzwischen 31-Jährige damals bei ihrer Trauung mit Timo 2005 hier im Rathaus nicht. Wobei Trubel daheim auch nichts völlig Neues für die Beiden ist: Jenifer, geborene Kaub, hat vier Geschwister, ihr Mann sechs.

„Ich konnte den Bundespräsidenten bei einem persönlichen Treffen mal zu diesen Ehrenpatenschaften befragen“, plaudert Aumann aus dem Nähkästchen. Unter allen Dokumenten, die er täglich zu unterzeichnen habe, seien ihm die Patenschaftsurkunden die liebsten, war die Antwort Steinmeiers gewesen. Auf Wunsch übernimmt der Bundespräsident solch eine Ehrenpatenschaft, vorausgesetzt, alle sieben Geschwister stammen von denselben Eltern. „Bekannte haben uns auf die Idee gebracht“, sagt Timo Schiestel. Daraufhin hörte er im Rathaus nach, und so kam der Stein ins Rollen. Verpflichtungen entstehen Steinmeier aus der Patenschaft übrigens nicht.

Lumpen lassen will er sich aber auch nicht. So überreichte Aumann den Schiestels 500 Euro aus Berlin und legte für die Neunkircher Verwaltung noch mal 125 Euro drauf. Die Ehrenurkunde hatr schon einen Platz: im Flur neben der XXL-Aufnahme von Leons Taufe, wo sie alle schick in Kleid und dunklem Anzug posieren – im Posterformat. Bei den Schiestels ist eben alles ein bisschen mehr und größer als bei anderen.