Das vergessene Lager

Neunkirchen · Als 16-Jähriger kam Helmut Becker aus Idar-Oberstein in das Jugendkonzentrationslager Moringen. Das einzige seiner Art. Für einen Film des St. Wendeler Adolf-Bender-Zentrums hat er seine Geschichte erzählt.

 SZ-Redakteur Manfred Krause, Willi Portz vom Adolf-Bender-Zentrum, Zeitzeuge Helmut Becker, Pastor Jürgen Schramm von der evangelischen Stadtmission Ottweiler und Reinhold Strobel von der Alex-Deutsch-Stiftung (von links) in der SZ-Redaktion. Foto: Thomas Seeber

SZ-Redakteur Manfred Krause, Willi Portz vom Adolf-Bender-Zentrum, Zeitzeuge Helmut Becker, Pastor Jürgen Schramm von der evangelischen Stadtmission Ottweiler und Reinhold Strobel von der Alex-Deutsch-Stiftung (von links) in der SZ-Redaktion. Foto: Thomas Seeber

Foto: Thomas Seeber

"Ab diesem Moment war ich Anti-Nazi." Helmut Becker kann sich noch genau erinnern. So wie er es getan hatte, seit er sieben Jahre alt war, hatte er auch an diesem Tag im Konzentrationslager Moringen brav mit dem Hitlergruß gegrüßt. "Das haben wir ja so gelernt. Diesmal hat mir einer dann dafür zwei Zähne ausgeschlagen. Weil ich das als Volksschädling nicht darf." Nicht dass Becker ein glühender Anhänger Hitlers gewesen wäre, aber so ganz konnte auch er - Jahrgang 1926 sich den Verführungen der Hitlerjugend nicht entziehen. "Was es da alles gab, Ferienlager, Sport und Spiele. Da waren ja die meisten begeistert." Zumal er als Sportler sogar gefördert wurde. Rheinlandmeister im Gewichtheben und Ringen war er. Und er war der einzige Skispringer im damaligen Moselgau. "Da ging es drei vier Mal im Jahr ins Allgäu." Doch genau das sollte ihm zum Verhängnis werden.

Denn zuhause in Idar-Oberstein arbeitete er, wie so viele vor Ort, als Goldschmied für eine Firma aus der Gegend. Bis dann im Allgäu das Angebot kam, als Skilehrer für die Wehrmacht zu arbeiten. "Jeder Soldat, der nach Russland sollte, musste nämlich Skifahren lernen." Aus den 14 Tagen Urlaub in den Alpen wurden acht Wochen. "Das war ja viel schöner, Skilehrer zu sein, als Goldschmied." Doch weil sein Arbeitgeber auch in der Rüstungsindustrie tätig war, war aus dem Ausbilder der Wehrmachtssoldaten plötzlich ein sogenannter "Volksschädling" geworden. Denn er hatte schließlich seinen Job in der Rüstung geschwänzt. Er nahm den nächsten Zug nach Hause, wo ihn seine Mutter schon zur Flucht in die Schweiz drängte.

Doch am Bahnhof wurde er verhaftet, kam erst ins Gestapo-Gefängnis nach Koblenz und dann ins Jungendkonzentrationslager ins niedersächsische Moringen, dem einzigen seiner Art. Es begann ein monatelanges Leiden. Schikanen der SS-Wachen, Stockschläge Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik. Doch er hatte Glück. Nach den ersten Niederlagen im Russlandfeldzug fehlen nämlich Soldaten. Und da besinnt sich die Heeresleitung auch der im KZ inhaftierten wie Becker. Der, von 75 Kilogramm auf 40 Kilogramm abgemagert, stimmt zu. Über Saarbrücken geht es von Darmstadt in die Normandie. Dort nehmen ihn englische Soldaten gefangen, für das Rote Kreuz birgt er Verwundete und Leichen, wird aber von einem SS-Soldaten schwer verwundet. Über Afrika kommt er als Kriegsgefangener in die USA.

Nach dem Krieg arbeitet er auf der Grube Landsweiler-Reden und als Koch. Wandert für zehn Jahre nach Kanada aus. Doch als er Erkundigungen über das Jugend-KZ einholen will, blockt der Ort ab. "So etwas hätte es da nie gegeben." Erst im Laufe der Zeit organisieren sich ehemalige Häftlinge und erinnern mit Studenten der Uni Göttingen an das einzige Jugend-KZ Deutschlands. Auch Becker besucht immer wieder Schulklassen und berichtet vom Gräuel. Und jetzt hat er seine Geschichte für einen Film des Adolf-Bender-Zetrums in St. Wendel erzählt. Damit niemand vergisst.

Der Film "Von Idar-Oberstein ins KZ Moringen. Helmut Becker - Kindheit und Jugend in der NS-Zeit" wird am Donnerstag, 28. Mai, um 18.30 Uhr in der evangelischen Stadtmission in Ottweiler erstmals im Saarland gezeigt. Helmut Becker wird auch vor Ort sein.