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Flüchtlingshilfe
Das lange Warten auf Mann oder Tochter

Maisaa Awad-Sayegh und Thomas Hans vom Caritasverband besuchten unsere Redaktion zum Thema Familiennachzug.
Maisaa Awad-Sayegh und Thomas Hans vom Caritasverband besuchten unsere Redaktion zum Thema Familiennachzug. FOTO: Claudia Emmerich
Neunkirchen. Seit Mitte 2015 wurden im Landkreis 310 Anträge auf Familiennachzug gestellt. Was gilt nach dem 17. März 2018? Von Claudia Emmerich

Das ist einer der dramatischsten Fälle, den Maisaa Awad-Sayegh begleitet. Die Mitarbeiterin des Caritasverbandes Schaumberg-Blies kümmert sich  im Landkreis Neunkirchen um Flüchtlinge, hilft speziell in Fragen des Familiennachzugs. Awad-Sayegh erzählt von einer Frau und ihrer erwachsenen Tochter, beide als syrische Bürgerkriegs-Flüchtlinge anerkannt, die hier auf ihre Zurückgelassenen warten – den Ehemann und Vater, den Sohn und Bruder, die Tochter und Schwester. In den 14 Monaten des Wartens stirbt der Junge (12) in der fernen Heimat durch eine Bombe. Sein Vater erliegt einem Krebsleiden. Hier wartet jetzt die Mutter in unendlicher Trauer und mit unendlicher Sehnsucht. „Die Mutter weint so viel“, sagt Awad-Sayegh. Es habe die Frau auch schier zerrissen zu entscheiden: „Kehre ich nach Syrien zurück, um meinen sterbenden Mann noch einmal zu sehen?“



Unsere Caritas-Gäste Maissa Awad-Sayegh und Thomas Hans, Leiter Allgemeine Soziale Dienste, sind nah dran an den Füchtlingsschicksalen in unserer Region und sie gehen ihnen nah: „Das kann man abends nicht einfach wegdrücken.“ Die Berliner Politik belastet engagierte Flüchtlingshelfer derzeit zusätzlich.

„2015 hatten wir gute rechtliche Grundlagen“, sagt Hans. Es habe die Prämisse gegolten, Familiennachzug für anerkannte Flüchtlinge und für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz (siehe „Hintergrund“). Dann kamen viele Flüchtlinge. Die Große Koalition entschied, ab 17. März 2016 Familiennachzug für die Menschen mit eingeschränktem Status zunächst für zwei Jahre auszusetzen. Die politische Entscheidung, wie es nach dem 17. März 2018 weitergeht, ist offen.

„Familien gehören zusammen“, sagt Hans. Und skizziert Beispiel-Szenarien: Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling kann seine Eltern nachholen. Wird er 18, geht das nicht mehr. Ein Elternteil hat Kinder, die unter und die über 18 sind. Die einen dürfen nachkommen, die anderen nicht. Hans: „Wenn Familien so nicht zusammenkommen können, befürchten wir, dass Familienmitglieder illegal nachkommen oder Familienmitglieder trotz Gefahren in ihre Heimat zurückgehen.“

„Und wie kann Integration ohne Familiennachzug gelingen?“, fragt Hans weiter. „Wie soll sich ein Flüchtling auf seinen Sprachkurs konzentrieren, wenn er jeden Tag nach Hause telefoniert, ob noch alle leben?“, fragt Awad-Sayegh.



Flüchtlinge seien auch frustriert wegen ihrer eigenen Erwartungen, sagt Hans. „Sie wollten sich hier etablieren, ihre Familien nachholen.“ Und dann folge ein zermürbendes Warten. Das sei ebenfalls frustrierend für die betreuenden Ehrenamtlichen.  Schließlich, so Hans, gehe es beim Familiennachzug auch ums Vertrauen in den Rechtsstaat. Awad-Sayegh hört Tag für Tag immer wieder die Frage: Wie geht es nach März für uns weiter?

Seit Mitte 2015 bis jetzt hat Maisaa Awad-Sayegh für Flüchtlinge im Landkreis Neunkirchen 310 Anträge auf Familiennachzug gestellt.  „45 Familien sind gekommen“, berichtet sie. „Mit 97 Kindern.“ Wenn es geglückt sei, eine Familie zusammenzubringen, so Awad-Sayegh, dann komme der Angehörige mit den Neuankömmlingen meist direkt am nächsten Tag zu ihr: „Mit strahlenden Augen. Und sagt: Das sind sie.“  Maisaa Awad-Sayegh ist auch schon einen langen Weg mit ihnen gegangen.

Es beginnt alles mit der „fristwahrenden Anzeige“ des Flüchtlings für  Familiennachzug. Dafür bleiben nach Abschluss des Asylverfahrens drei Monate Zeit. Die Anzeige geht an die deutsche Botschaft in die Heimat des Flüchtlings. In Damaskus gibt es keine deutsche Botschaft mehr. Syrer gehen – je nachdem, wo sie feststecken – in die deutsche Botschaft in Jordanien, im Libanon, in der Türkei. Dort reserviert Awad-Sayegh online einen Termin für die Familienmitglieder, die nachkommen sollen. Das kann inzwischen bis zu zwölf Monate dauern. In der Zwischenzeit werden Unterlagen vorbereitet. Beglaubigte Urkunden über Geburt oder Heirat sind in der Heimat zu organisieren, von hier aus  können Visaanträge ausgefüllt werden. Nach dem Termin in der Botschaft mögen wieder Monate vergehen, bis der Antrag bearbeitet ist.

Im Fall der syrischen Familie mit dem sterbenskranken Vater haben sie versucht, das Verfahren zu beschleunigen („Härtefall“). Es dauerte dennoch zu lange.