Bildung und Herzensbildung

Kreis Neunkirchen. "Wir machen Lobby-Arbeit für die Kitas", sagen Martina Paulus, Petra Thielen und Stefan Müller als Vertreter der Fachgruppe katholische Kindertagesstätten im Landkreis Neunkirchen (FaKiLa). "Und deshalb reagieren wir

Kreis Neunkirchen. "Wir machen Lobby-Arbeit für die Kitas", sagen Martina Paulus, Petra Thielen und Stefan Müller als Vertreter der Fachgruppe katholische Kindertagesstätten im Landkreis Neunkirchen (FaKiLa). "Und deshalb reagieren wir." Sie reagieren mit ihrem Schritt an die Öffentlichkeit auf Aussagen des Aktionsrats Bildung (siehe "Stichwort"), publiziert auch in unserer Zeitung unter der Überschrift "Experten fordern mehr Qualität in deutschen Kindergärten" (SZ vom 28. Februar). Der Aktionsrat sprach dabei von "pädagogischem Mittelmaß" in deutschen Kindergärten, forderte ein bundesweites Programm zur "Professionalisierung" der Kita-Betreuer."Von welchem Qualitätsbegriff sprechen wir denn? Wie wird denn der Erfolg erzieherischer Arbeit gemessen?", fragen die Drei im Gespräch mit unserer Zeitung. Thielen (33) hat zehnjährige Erfahrung als Erzieherin und zudem eine kaufmännische Ausbildung. Sie ist Assistentin der Gesamtleitung der KiTa gGmbH im Bereich Illingen: "Wenn wir ein Kind in die Schule entlassen, soll es gestärkt sein, um den Widrigkeiten des Lebens begegnen zu können. Es soll selbstsicher und selbstbewusst sein, autonom und entscheidungsfähig." Paulus (48) begleitet als Pastoralreferentin im Dekanat Neunkirchen die Kita-Arbeit: "Kinder lernen übers Spielen. Aber wir erleben immer mehr - auch von Elternseite - dass freies Spielen oft keine Wertigkeit hat." Müller (48) ist seit fast 20 Jahren Erzieher, leitet den katholischen Kindergarten in Spiesen: "Die Anforderungen an die Erzieher sind gewachsen, der Erzieher wird immer mehr auch zum Manager."

In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren habe sich viel getan in den Kitas, sagt die Runde - Qualität werde definiert, standardisiert, überprüft. Stichwort individuelle Entwicklungsbegleitung der Kinder, Portfolio-Arbeit, Blick stärker auf die Ressourcen des Kindes statt auf seine Defizite, Familien im Fokus, Ausbau Krippenpädagogik und nicht zuletzt Öffentlichkeitsarbeit für die Einrichtung. "Es geht auch um Herzensbildung, soziale Kompetenzen", sagen Paulus, Müller und Thielen. "Und zunehmend auch um die multikulturellen Aspekte unserer Gesellschaft, Vielfalt in allen Lebensbereichen."

Zur "Professionalisierung" der Kita-Betreuer zählt der Aktionsrat konkrete Punkte auf: Bis 2020 sollte an jeder Kindertageseinrichtung mindestens eine Fachkraft mit Hochschulabschluss tätig sein. Ab 2017 sollten die Träger von Kitas auf die Neueinstellung von Kinderpflegern verzichten. Und bereits im Beruf stehende Erzieher sollten berufsbegleitende Studiengänge starten.

Wer einen Hochschul-Absolventen in jeder Kita fordere, degradiere die Erzieher, mahnt Petra Thielen. Erzieher haben eine vierjährige Ausbildung - ein Jahr Vorpraktikum, zwei Jahre schulische Ausbildung mit praktischen Elementen, ein Anerkennungsjahr. Die Ausbildung der Kinderpflegerinnen (zweijährig) könne man überdenken. Berufsbegleitende Studien müssten erstmal finanzierbar sein.

Und beim Geld endet meist jede Qualitäts-Überlegung: "Ausbildung, Fortbildung, höhere Bezahlung für höhere Qualifikation - das kostet alles Geld. Wird das in die Hand genommen?", fragt die Runde.

Stichwort

Der Aktionsrat Bildung ist ein Expertengremium von Bildungswissenschaftlern, das sich 2005 auf Initiative der vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft konstituiert hat. Die Experten wollen nach eigener Aussage aktuelle politische Entscheidungen nach empirischen Befunden bewerten und der Politik konkrete Handlungsempfehlungen geben. Ende Februar veröffentlichte der Aktionsrat sein Gutachten "Professionalisierung in der Frühpädagogik".red

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