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Ausstellung "Gesichter der Armut" mit Diskussion im Quartierstreff in Neunkirchen

Gesichter der Armut : Wenn das Leben einen Strich durch die Rechnung macht

„Er hat uns einfach als Mensch gesehen.“ Wie Beate das sagt, klingt es nach etwas Kostbarem, Außergewöhnlichem, das ihr und den andere Modellen von Fotograf Pasquale D’Angiolillo entgegen gebracht wurde – und nicht nach einer absoluten Selbstverständlichkeit.

Die zierliche Frau mit dem ausdruckstarken, vom Leben gezeichneten Gesicht lebte selbst 25 Jahre auf der Straße. Wohin sie aus unvorstellbaren familiären Verhältnissen mit Schlägen und Vergewaltigung geflohen war. „Auf der Straße habe ich mich sicherer gefühlt als zu Hause.“ Sie selbst hilft anderen – über 20 Jahre arbeitet Beate nun schon in der Wärmestube und ist dort mittlerweile angestellt. Der Friedrichsthaler Fotograf hat sie und 13 weitere Frauen und Männer porträtiert – Menschen, für die unsere Gesellschaft oft nur noch Verachtung übrig hat. Würde und Anerkennung verliert schnell, wer in existentieller Armut lebt. Pasquale hielt da bewusst gegen: „Ich habe mit Respekt fotografiert.“ Ähnlich wie bei einer Liebschaft, aus der nichts geworden ist, fragte er sich, was aus diesen 14 Personen geworden wäre, wenn sie denn bessere Chancen gehabt hätten. „Ich traue jedem einzelnen von ihnen so viel zu.“

Nein, es war kein schönes und auch kein einfaches Thema, das die Besucher trotz Corona-Krise in großer Zahl auf Einladung der Stadt und Quartiersmanagerin Albena Olejnik in die Brückenstraße geführt hatte. Aber ein wichtiges, daran ließ Bürgermeisterin Lisa Kühn keinen Zweifel. „Auch in unserer Stadt gibt es Armut“, erklärte sie mit Verweis unter anderen auf den „Postpark“. Wobei sich das „Phänomen Armut“ sehr viel subtiler darstellt: „Denken Sie an den verklausulierten Begriff der sogenannten bildungsfernen Schichten“. Charakteristisch für diese ist, dass in Deutschland soziale Ungleichheit nach wie vor vererbt wird. „Der Lebensweg eines Kindes darf aber nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen“, so Lisa Kühn. Denn das ist alles andere als fair.

Abhilfe schafft der Zugang zu Bildung, die „das beste Mittel gegen Armut“ sei: „Daher bauen wir in Neunkirchen den frühkindlichen Bildungsbereich aus.“ Wichtig ist aber auch: die eigenen Augen nicht zu verschließen. „Die Fotoausstellung ist ein wichtiger Beitrag, um das Tabu aufzubrechen.“ Wobei das Mittel so einfach wie genial sei: „Was könnte treffender sein, um Armut sichtbar zu machen“, als von Armut Betroffene zu zeigen. Allerdings erfordert genau das enormen Mut von den Menschen vor der Kamera. Wofür den Porträtierten ein dickes Dankeschön und sehr viel Respekt gebührt. „Sie sind die Stars“, betonte auch Moderator Norbert Klein. Er ermunterte Beate, Jürgen und Stephan immer wieder dazu, von sich zu erzählen. Stephan, der an Schizophrenie leidet, war erst durch bereits entstandene Porträts zum Projekt gestoßen: „So will ich auch mal fotografiert werden“, das gab den Ausschlag für sein Mitwirken. „In den Jahren meiner Krankheit habe ich mich fast unsichtbar gefühlt.“

Von Klein gefragt, was für ihn „das Demütigendste an dieser Ausgrenzung“ gewesen ist, denkt Jürgen weniger an sich. Trotz seiner eigenen Not kümmerte er sich ehrenamtlich um andere. In der Abschlussrunde, in der alle ihre Wünsche zum Ausdruck bringen sollten, meinte er: „Ich erwarte eigentlich nur eines: Empathie.“ Und Wolfgang Edlinger, Vorsitzender der Saarländischen Armutskonferenz, ergänzte: „Das Thema Würde muss wieder größere Bedeutung haben.“