Zu Besuch bei Seji Kimoto : Die künstlerische Stimme der Unterdrückung

Unsere Zeitung besucht Künstlerinnen und Künstler aus unserer Region in ihrem Schaffensraum. Heute: Seiji Kimoto

„Das Wort Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit von Menschen, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist.“ So lautet die Definition für Kunst in der Online-Enzykolpädie Wikipedia. Darüber hinaus ist Kunst aber noch viel mehr, zum Beispiel das Ergebnis eines kreativen Prozesses, Ausdruck von Emotionen und sie wird auf den unterschiedlichsten Wegen den Menschen sichtbar gemacht. „Kunst muss uns berühren und Spuren in uns hinterlassen“. so lautet ein Zitat des Künstlers Seiji Kimoto. Das Zitat zeigt seine Interpretation von Kunst und steht für das, was sein eigenes künstlerisches Schaffen prägt. Der Mensch und dessen Leid, verursacht durch Unmenschlichkeit und Unterdrückung, sind das Zentrum von Kimotos Arbeiten.

1937 in Osaka (Japan) geboren, studierte Seiji Kimoto Innenarchitektur und Zen-Malerei. Ende der 1960er Jahre zog es den Meister der Tee-Zeremonie in die Welt, um Neues kennenzulernen. Eine Station dabei war das Goethe-Institut in Freiburg. Dort wollte er seine Deutschkenntnisse verbessern. Doch wie das Leben so spielt, wurde dieser als Zwischenstation geplante Stopp zu einem bedeutsamen Wendepunkt seines Lebens. Auf dem Weg nach Deutschland lernte Kimoto am Moskauer Bahnhof seine aus dem Saarland stammende Frau Ursula kennen. Und Kimotos Zeit in Neunkirchen begann.

Er entschied sich zu einem Studium in Saarbrücken bei Professor Boris Kleint und wurde zu einem Gründungsmitglied des BBK (Bundesverband Bildender Künstler) Saarland und des Saarländischen Künstlerhauses. Sesshaft wurde Seiji Kimoto dann mit seiner Familie in Wiebelskirchen.

Von dort ging sein künstlerisches Werk weiter, immer noch mit dem Thema der menschlichen Unterdrückung. Sieht man eine der plastischen Figuren des heute 84-Jährigen überkommt einen schnell eine Gänsehaut, denn abstrakte Verformungen menschlicher Gestalten prägen seine Arbeit. Kimoto möchte unzweifelhaft seine Betrachter aufrütteln, sie aufmerksam machen auf die Leiden des Menschen, die ihm von anderen Menschen zugefügt wurden. Sei es durch menschengroße verzerrte Körper aus Holz, denen Gliedmaße fehlen oder Gemälde aus Tusche auf Himalaya-Papier, die den Weg eines Menschen durch die Gewalt zeigen.

Die Eindringlichkeit seiner Botschaft, die Würde des Menschen zu achten, ist in all seinen Werken deutlich spürbar und wurde schon von einigen Kunstkritikern auf der ganzen Welt gewürdigt. Auch erkennt man in vielen Elementen traditionelle japanische Einflüsse, vor allem bei den Tuschezeichnungen, denn für Kimoto ist der Zen-Buddhismus eine Lebensauffassung. „Kunst ist für mich wie Essen. Ich kann ohne meine Kunst nicht leben und will es auch nicht. Ich habe noch so viel zu sagen.“

Jeden Tag malt der japanisch-saarländische Künstler in seinem Atelier in den Nachmittagsstunden oder arbeitet an seinen Aufträgen im öffentlichen Raum. Sein Skizzenbuch liegt immer auf seinem Nachttisch, denn auch nachts kommen dem Künstler Ideen für neue Werke.

Im Frühjahr 2020 hätte eigentlich an der Nordseite des Loiblpass-Tunnels in Kärnten sein Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Mauthausen übergeben werden sollen. Wegen der Pandemie war dies nicht möglich. Bereits 2016 hatte auf der anderen Seite des Tunnels in Slowenien eine Ausstellung Kimotos zum Thema „Macht und Ohnmacht“ im Museum Trzic stattgefunden. Auch dort wurde ein Mahnmal errichtet.

Bei diesen Mahnmalen, die an die Grausamkeiten gegenüber Menschen erinnern sollen, benutzt Kimoto oft ein Spannungsfeld, um seine Betrachter in einen Dialog mit seinem Werk zu bringen. Sei es das Seil, das er sowohl als Zeichen der Kontaktherstellung oder Nabelschnur, aber auch als Galgenstrick benutzt. In vielen Werken findet sich auch eine Hand, die sowohl Hilfe anbieten, aber auch zur Machtausübung eingesetzt werden kann. Diese Werke des außergewöhnlichen Künstlers lassen sich nicht mit einem kurzen, oberflächlichen Blick erfassen, sondern brauchen Zeit um zu wirken. So schreibt zum Beispiel Alex Bennemann über die Arbeit Kimotos: „Auf Seiji Kimoto muss man sich vorbereiten. Diese Plastiken sind nichts für sensible Gemüter.“ Und gleichzeitig sind seine Werke beeindruckend und von einer überwältigenden Intensität geprägt.

Die Unterdrückung des Menschen ist das Thema in Kimotos Werken.
Alex Bennemann schreibt über das Werk Kimotos: „Die Plastiken sind nichts für sensible Gemüter.“
Seiji Kimoto wurde in Japan geboren und ist Meister der Tee-Zeremonie.
Blick ins Atelier des Künstlers.
Die Eindringlichkeit der Botschaft, die Würde des Menschen zu achten, ist in allen  Werken von Kimoto deutlich spürbar.

So wichtig sind sie auch für die Stadt Neunkirchen beispielsweise, dass man die aus dem ehemaligen Hüttenpark gestohlene Skulptur des Zwangsarbeiter-Mahnmals noch einmal an einem anderen Ort aufbauen ließ. So steht das Bild der Säule, die wie Kimoto erläutert, einen Menschen zu erschlagen drohe, gleichsam aber von ihm gestützt werden müsse und dem Danebenstehenden, der nicht helfe, heute am Wasserturm. Dies bedeutet dem Künstler bis heute sehr viel, wie er der SZ bestätigt.