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Mahnwache
„Stark sein. Viele sein. Mobil machen.“

Neunkircher Bürger versammelten sich gestern in Gedenken der Pogrome von 1938 am Synagogenplatz am Oberen Markt zu einer Mahnwache.
Neunkircher Bürger versammelten sich gestern in Gedenken der Pogrome von 1938 am Synagogenplatz am Oberen Markt zu einer Mahnwache. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Anlässlich der Pogromnacht 1938 versammelten sich am Freitag Bürger in Neunkirchen zu einer Mahnwache. Von Anja Kernig

Kein Prachtbau. Vielmehr handelte es sich um ein schlichtes, schnörkelloses Eckgebäude mit Satteldach, bei dem am ehesten die großen Rundbogenfenster und, seitlich, das große runde Fenster auffielen. Die Einweihung hatten am 1. Dezember 1865 Christen und Juden einträchtig mit einem großen, bewegenden Festakt begangen – nicht ahnend, dass der Gebetsstätte, gebaut auf dem Fundament und mit Mauerresten des Neunkircher Renaissanceschlosses, nur die Spanne eines Menschenlebens beschieden sein sollte. „Hier, wo wir stehen, haben die Nazis vor 80 Jahren die Synagoge angezündet“, erinnerte Georg Jung bei der Mahnwache auf dem Synagogenplatz am Oberen Markt.


Rund 30 Bürger fanden sich gestern Nachmittag am Tierbrunnen ein, um an die Reichspogromnacht 1938 zu erinnern. Zusammen mit der Stadt Neunkirchen hatte das Neunkircher Forum für Freiheit, Demokratie und Antifaschismus eingeladen. Dessen Sprecher Georg Jung zeigte sich besorgt angesichts des zunehmenden Nationalismus, Rassismus und Faschismus europaweit, der sich längst nicht nur in verbalen Angriffen auf jüdische Menschen äußert, sondern auch in Tätlichkeiten.

Bürgermeister Jörg Aumann haderte ein wenig mit dem Desinteresse, mit dem das Gros der Bevölkerung dieser Veranstaltung begegnet, zeigte aber gleichzeitig Verständnis dafür: „Wir haben das Glück, seit 70 Jahren in Frieden zu leben, eine unvergleichbar lange Zeit der Harmonie.“ Dieses „uns geht es gut“ verführe dazu, bequem zu werden und nachlässig. Dabei sei es gerade jetzt geboten, „weiter wachsam zu sein“, so Aumann. Vor allem in Hinblick auf die AfD, „die offen rechtsextremistisch agiert“. Das Recht auf Meinungsfreiheit werde von dieser Partei „in ganz extremer Art und Weise ausgenutzt“.



Froh ist der Bürgermeister, dass man in Neunkirchen bisher allen Ansätzen, rechtes Gedanken öffentlich zu äußern und zu legitimieren, geschlossen entgegen getreten ist. Mit dem Bündnis „Bunt statt braun“ habe man „klare Kante gezeigt“. Und werde es auch wieder tun, wenn es nötig ist.

Wach zu halten gelte es das Andenken an das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte: „Es muss eine Wunde bleiben, die niemals heilt“ – damit so etwas wie am 9. November 1938 nie wieder passiert. Denn: „Die Feindlichkeit von damals ist immer noch da.“ Das Gebot der Stunde laute nicht nur erinnern und gedenken, sondern auch handeln, forderte Jung zu mehr Zivilcourage auf. Es brauche „ tapfere Bürger, die für die demokratischen Grundwerte kämpfen“. Was Aumann bekräftige: „Die richtige Antwort“ auf braune Vorstöße könne nur lauten: „Stark sein, viele sein, mobil machen“.