1. Saarland
  2. Neunkirchen
  3. Neunkirchen

Altersarmut wird für viele ganz konkret

Altersarmut wird für viele ganz konkret

Neunkirchen. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Chemotabletten. Die Plastik-Verpackung ist ausgebeult, einige Tabletten fehlen. Neben dem Tisch hält die 14-jährige Hündin Tessa die Stellung, passt aufs Frauchen auf. Tessa ist alt und krank - wie Ilse Mattu selbst. Die 70-jährige Neunkircherin lebt bescheiden. Sie kann keine großen Sprünge machen, weder körperlich noch finanziell

Neunkirchen. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Chemotabletten. Die Plastik-Verpackung ist ausgebeult, einige Tabletten fehlen. Neben dem Tisch hält die 14-jährige Hündin Tessa die Stellung, passt aufs Frauchen auf. Tessa ist alt und krank - wie Ilse Mattu selbst.

Die 70-jährige Neunkircherin lebt bescheiden. Sie kann keine großen Sprünge machen, weder körperlich noch finanziell. Lungen- und Leberkrebs zehren an ihrem Körper. Die finanzielle Not an ihrem Geist. Altersarmut ist hier zur Realität geworden.

Mattu hat 500 Euro Rente. Dazu kommen 218 Euro Grundsicherung. Nach Abzug von Miete, Nebenkosten, Gas und Strom, bleibt ihr kaum etwas zum Leben. Zusammen mit dem Kinder- und Pflegegeld, das sie für Enkelin Jenny-Lee bekommt, reicht es "mehr schlecht als recht". Ilse Mattu zieht ihre Enkelin groß. Schon gleich nach der Geburt wurde Mattus jüngster Tochter das Sorgerecht für die heute Siebenjährige entzogen. Ein Zuhause fand das Mädchen bei seiner Oma. Jenny-Lee kennt es nicht anders, für sie ist Oma "die Mama". Ihre leibliche Mutter hat sie nie kennengelernt.

Ilse Mattu hustet und fasst sich an den Hals, das Reden fällt ihr schwer. "Jenny ist hyperaktiv, sie hat ADHS. Das ist nicht einfach, aber ich würde sie niemals hergeben."

Ein Kind hat Ansprüche, weiß auch sie, und die werden mit dem Alter nicht niedriger. "Gerade vor Weihnachten hatte sie viele Wünsche, eine Nintendo DS, aber die konnte ich ihr nicht kaufen." Einen Weihnachtsbaum, den gibt es schon seit Jahren nicht mehr, denn "wir können uns nicht viel erlauben, müssen an allen Ecken und Enden sparen." In den letzten Jahren hatte Jenny-Lee das Glück, über die Radio-Salü-Aktion "Sternenregen" beschenkt zu werden. In diesem Jahr nicht. Drum gab's einen Schlafanzug von Lidl für fünf Euro, ein Paar gebrauchte Stiefel und ein Spielzeug vom Flohmarkt. "Natürlich ist sie enttäuscht, aber ich kann es nicht ändern", ihre Stimme versagt kurz, die Augen voll Traurigkeit.

Ein kalter Wind zieht durch das Wohnzimmer von Ilse Mattu. Es ist das einzige Zimmer der Wohnung, das geheizt wird. Doch die Fenster sind undicht. Monatlich kommen 300 Euro Gas- und Stromkosten auf die Rentnerin zu.

Dass Ilse Mattu heute so "arm" da sitzt und kaum Rente hat, könnte sie ihrer Mutter ankreiden, wie sie sagt, doch das würde sie nicht übers Herz bringen. "Ich habe die Volksschule besucht, doch danach konnte ich keine Lehre machen. Meine Mutter erkrankte an Krebs, ich blieb zu Hause und pflegte sie." Mit zwanzig heiratete Mattu, brachte vier Kinder zur Welt. "Mein Mann hat im Straßenbau gearbeitet. Ich blieb daheim, kümmerte mich um die Kinder und weiterhin um meine kranke Mutter", erinnert sich die 70-Jährige zurück und streicht Hündin Tessa übers Fell. Am "Pflegefall Mutter" ging dann die Ehe in die Brüche: "Danach habe ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten." 2006 gab es vom Arbeitsamt den Stempel "nicht mehr vermittelbar", Mattu konnte ihre Rente und Grundsicherung beantragen.

Hilfe fand Ilse Mattu auch bei der Allgemeinen Sozialberatung des Caritasverbandes in Neunkirchen: "Im letzten Jahr musste ich 100 Euro Strom- und Gaskosten nachzahlen. Ich wusste nicht, wie ich das zahlen sollte." Margit Reinhardt vom Caritasverband hat für sie eine einmalige Zahlung der Krebshilfe beantragt, Mattu konnte ihre Rechnungen begleichen.

Und auch heute wird das Leben nicht einfacher. Die Spüle in der Küche ist kaputt, für eine neue fehlt das Geld. Die Nachricht, dass im neuen Jahr in Neunkirchen ein Sozialkaufhaus errichtet wird, macht Mattu Hoffnung: "Ich werde dort mal vorbeischauen."

Tessa liegt ruhig neben Ilse Mattu und lässt sich am Ohr kraulen. Die Rentnerin weiß nicht, wie es mit ihr und dem Krebs weitergehen wird. Doch das Testament ist gemacht. Für alle Fälle. Dabei geht es nicht um Geld, denn sie hat keins. Es geht um Jenny-Lees Zukunft.

< Interview mit Margit Reinhardt vom Caritasverband Schaumberg-Blies auf Seite C 3