Als 2000 noch in der Zukunft lag

Wenn sich im Jahr 1982 einen Geldgeber gefunden hätte, dann sähe die Innenstadt jetzt etwas anders aus. Winfried Schlegel und Bernd König hatten da so ihre Ideen. Die alten Pläne hat Schlegel dieser Tage nochmal gefunden.

Kaffee trinken in den Winderhitzern, dann ein Einkaufsbummel im Hochofen, kurzer Abstecher auf die Koksanlage, um Tante Ulrike zu besuchen, abends Konzert im Stabeisenlager und am Sonntag Boot fahren auf dem Stumm-Weiher - so hätte es werden können. Dann, wenn man die Utopie der damals aufstrebenden Neunkircher Architekten Winfried Schlegel und Bernd König hätte Wahrheit werden lassen. Im Jahr 1982 haben die beiden ihre Pläne vorgestellt, Pläne, die entstanden sind aus Gehirnverdrehungen anlässlich der bevorstehenden Stilllegung der Produktion im Neunkircher Eisenwerk . "Wir hatten einst zwei Schlösser. Ihnen nachzutrauern oder von einem Wiederaufbau zu reden ist Utopie. Hier steht unser Schloss, das Eisenwerk. Hier etwas Neues zu schaffen, ist keineswegs Utopie", so zitierte in der SZ vom 23. Juni 1982 SZ-Redakteur Gerd Meiser den jungen Schlegel. An zwei Tagen hatten die Architekten gezeigt, was ihre Fantasie sich für Neunkirchen ausgedacht hat. Übers Neunkircher Stadtfest waren die Pläne zu sehen - und kamen damals super an.

Dieser Tage ist Schlegel nochmal darüber "gestolpert", als er dabei war, ein bisschen aufzuräumen. "Ich fand das total interessant, was wir uns damals ausgedacht haben." Vor allem: So weit entfernt davon ist die Realität inzwischen gar nicht. Das neue Geschäftszentrum, die Galerie, die Nutzung ehemaliger Hüttengebäude für die Kultur - siehe Wasserturm und Gebläsehalle. Selbst einen Park gibt es, wenn auch nicht ganz so pompös wie ihn Schlegel und König angedacht hatten. Die Architekten wollten das Einkaufszentrum quasi ins Eisenwerk hineinsetzen. Im Park werden die Produktionhallen teilweise weiter genutzt, als offene Markthalle, Industriemuseum und Veranstaltungshalle beziehungsweise Stadthalle. Schlegel erinnert sich, dass die Pläne sogar beim Stadtrat oder dem Bauausschuss der Stadt vorgestellt wurden. Übrigens: Auch die Blies wollten die Jung-Architekten damals erlebbar machen, mit erweitertem Flussbett.

Auch der Lions-Club interessierte sich für die Ideen der beiden jungen Architekten. "Waren doch zwei ehemalige Werksdirektoren Mitglieder in diesem Club", weiß Schlegel. "Neunkirchen 2000" wurde im Restaurant Scherer in Schiffweiler präsentiert. Das Honorar: ein Abendessen und ein paar Bierchen. Nachhaltig in Erinnerung geblieben sind dem Wahl-Wellesweilerer allerdings die Geschehnisse rund um die Neunkircher Messe. Der damalige - und langjährige - Vorsitzende des Verkehrsvereins, Dieter Conrath, war beeindruckt und wollte gerne, dass die Beiden ihre Ideen während der Messe vor großem Publikum zeigten. Voller Tatendrang hatten sich die Architekten eine neue Präsentation überlegt. "Aus sechs Meter langen Baustahlmatten, die wir zu einem Ring zusammenschweißten, bildeten wir die Winderhitzer nach." Der Durchmesser der Ringe betrug dann fast zwei Meter. An diesen Stahlmattentürmen sollten die Zeichnungen in der Fahrzeughalle aufgehängt werden. "Markant und gut sichtbar." Zwei Ringe wurden aufeinandergesetzt, obendrauf kam noch die Rundung des Cowpers (Winderhitzer). Das machte satte fünf Meter Höhe. Die beiden jungen Männer wurden etwas unsicher, ob das denn nun passen könnte, riefen Conrath an, der sprach von mindestens sechs Meter Höhe in der Halle. Also wurde tagelang geschweißt, gestrichen - solange das Geld reichte. Einen Tag vor Eröffnung wurde ein Lkw ausgeliehen, die drei "Monstren" wurden aufgeladen. "Wir waren total aufgeregt und gespannt, wie sich die drei Winderhitzer wohl in der Halle machen würden", erinnert sich Schlegel. Gehievt, geschleppt - und festgestellt: Das passt nicht. Die Halle misst nur 4,50 Meter, Conrath hatte lediglich geschätzt. Die Winderhitzer haben sie dann einfach seitlich vom Haupteingang hingestellt, ein Blumenhändler hat sie adoptiert und Topfpflanzen dran gehängt. Die Pläne wurden präsentiert wie einst beim Stadtfest: an Schautafeln der Stadt.

Auch eine Galerie hätte es gegeben – allerdings integriert im Gebäude der ehemaligen Hütte.
Blick vom Corona-Hochaus Richtung "Wienerwald". Produktionshallen bleiben als Markthalle, Museum, Stadthalle.Fotos: Schlegel.

Was aus den Stahlmonstren wurde, das weiß Schlegel nicht. "Die haben wir einfach stehen lassen." Aus dem rund 80 Hektar großen Areal linksseitig der Saarbrücker Straße ist dann nicht ganz das geworden, was sich Winfried Schlegel und Bernd König ausgedacht haben. Da fehlte wohl ein entscheidender Geldgeber . "Aber gewisse Ähnlichkeiten mit unseren Ideen, die gibt es heute schon."