30 Jahre Ausweg von der schiefen Bahn

30 Jahre Ausweg von der schiefen Bahn

Beim Neunkircher Projekt „Tat und Rat“ bekommen straffällig gewordene Jugendliche eine zweite Chance. Gestern feierte das Diakonische Werk das 30-jährige Jubiläum der Alternative zum (Jugend-)Gefängnis.

"Ich hab' jemandem ein Fahrradschloss um den Hals gewickelt, um ihm das Genick zu brechen." Das ist eines der krasseren Beispiele dafür, warum junge Menschen an der Sanktionsalternative "Tat und Rat" in Wiebelskirchen teilnehmen. Der junge Mann, der das erzählt, ist 16 Jahre alt und ohne festen Wohnsitz. 150 Sozialstunden habe er erhalten. Erst nach und nach begreift er offenbar das Ausmaß von dem, was er getan hat. "Das kam mir damals nicht so heftig vor", sagt er. "Tat und Rat" gefalle ihm, bei dem Projekt könne er über Dinge reden, die ihn interessieren. Seinen Abschluss und eine Lehre wolle er bald machen.

Der 16-Jährige ist einer der Härtefälle, die in dem sozialen Projekt des Diakonischen Werks an der Saar in Wiebelskirchen behandelt werden. Er gehört zu etwa ein Dutzend Betreuungszuweisungen genannten Einzelfallhilfen jedes Jahr. Gestern feierte das Diakonische Werk das 30-jährige Bestehen der Alternative zum (Jugend-) Gefängnis. Seit 1986 wird in den Räumen der Diakonie in Wiebelskirchen bei "Tat und Rat" versucht, jungen Menschen aus den Landkreisen Neunkirchen und St. Wendel über Arbeitskurse (für die weniger schweren Fälle) und Betreuungszuweisungen ein Ausweg aus der Kriminalität aufzuzeigen. Neben Beratungsgesprächen gibt es dabei auch viele kreative Gruppen-Aktivitäten wie Schreinern, Malen oder Töpfern.

Man wolle wollen einen friedlichen und jugendgerechten Rahmen bieten" um jungen Menschen zu helfen, den "Zugang zu den eigenen Fähigkeiten zu finden", erklärt Bärbel Heil-Trapp, Leiterin der Abteilung Jugendberufshilfe bei einem Pressegespräch. Das sei viel effektiver, als Jugendliche einfach wegzusperren und koste zudem weniger. Geleitet werden die Kurse von Erziehungswissenschaftlerin Jana Winter und Sozialarbeiter Rainer Ulrich gemeinsam mit Honorarkräften, darunter Handwerker, Künstler und Studenten. Winter und Ulrich vereinbaren mit den jungen Straffälligen gemeinsam Ziele in einem Förderplan, machen Termine bei Behörden aus, motivieren. "Auch Wecken ist wichtig", sagt Winter . Wer nicht mitzieht, muss schließlich mit Knast rechnen.

Fast 2000 Jugendliche haben bisher an "Tat und Rat" teilgenommen. Träger der Initiative sind die Stadt und der Landkreis Neunkirchen und der Kreis St. Wendel, weitere Einnahmen kommen aus Bußgeldern, Spenden und von der evangelischen Kirche.

Die handfesten Ergebnisse sind in den Räumen der Diakonie zu bestaunen und erzählen viel über die Teilnehmer von "Tat und Rat". Ausgestellt ist dort unter anderem eine Keramikfigur, die den Kopf zwischen den Knien vergräbt. Auch eine Fotoserie mit dem Titel "Tatorte " ist zu besichtigen. Auf den Bildern ist eine Hand zu sehen, die einen Pullover aus einem Regal nimmt und eine Hand, die einer anderen einen Geldschein Geld zusteckt. In einem zum Jubiläum gezeigten, von Jugendlichen selbst gedrehten Film geht es vor allem um die Teilnehmer selbst. Man sieht sie beim Bearbeiten von Holz, beim Tanzen und Rappen über eigene Gefühle. "Das hat mich positiv verändert", sagt einer der Teilnehmer in die Kamera. Und ein anderer meint: "Zwischendurch konnte man überlegen, was man all die Jahre so gemacht hat."

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