100 Jahre Saarland im kreis Neunkirchen

100 Jahre Saarland : Ein Hin und Her – auch im Kreis Neunkirchen

100 Jahre Saarland: Episoden und Konflikte auf dem Weg zu Demokratie und Selbstbestimmung.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) wurde das aus vormals preußischen und bayerischen Landesteilen neu geschaffene „Saargebiet“ von Deutschland abgetrennt und seine 34 Kohlengruben als Entschädigung für erlittene Kriegsschäden Frankreich überlassen. Die Verwaltung des Industriereviers übernahm für vorläufig 15 Jahre eine fünfköpfigen Regierungskommission des Genfer Völkerbundes (Vorläufer der UNO) mit Sitz in Saarbrücken. So bestimmte es der Friedensvertrag von Versailles, mit dessen Inkrafttreten am 10. Januar 1920 – vor 100 Jahren – die Geschichte des Saarlandes als eigenständiger Region in wechselndem politischem Kontext begann. Ein rundes Jubiläum zwar, aber keine Sternstunde der Demokratie und des Selbstbestimmungsrechts. Beides wurde den Menschen an der Saar erst Jahrzehnte später in vollem Umfang zuteil. Ein Rückblick erklärt die Gründe.

Das Versailler Völkerbund-Experiment bescherte dem Saargebiet fünfzehn Jahre (1920 bis 1935) voller Konflikte zwischen der Bevölkerung und der Regierungskommission, die vom fernen Völkerbund bestimmt, nicht vom Volk gewählt worden war. Die Saarländer lehnten die Abtrennung von Deutschland von Anbeginn als aufgezwungenes Unrecht ab. Schnell bildete sich eine Oppositionsfront sämtlicher Parteien und Verbände. Ihr Ziel war eine größtmögliche Mehrheit für die Heimkehr zur „deutschen Mutter“.

Die Regierung in Saarbrücken war äußerst unbeliebt. Weil sie sich fast ausschließlich an französischen Interessen orientierte und sich beharrlich dem Parteienwunsch nach demokratischer Mitbestimmung widersetzte. Erst auf Drängen der Weltöffentlichkeit schuf sie 1922 eine Volksvertretung, den „Landesrat“. Doch der durfte keine Gesetze beschließen. Das Jahr 1923 stand im Zeichen des 100-Tage-Streiks der 72 000 Saar-Bergleute.

Ein Protest gegen den französischen Staat als Arbeitgeber und eine Geste der Solidarität mit den Kumpels des Ruhrgebietes. Dort hatte gerade die Besetzung durch französische und belgische Truppen begonnen, der „Ruhrkampf“. Die französischen Grubenherren gingen rigoros gegen die Streikenden vor. Leute wurden entlassen, Grubenwohnungen gekündigt. Vergebens. Im April 1923 wurde der Gemeinderat in Wiebelskirchen von der Regierung aufgelöst. Weil er gegen das harte Vorgehen der französischen Truppen im Grubenstreik protestiert hatte.

Schließlich verhängte die Regierung den Belagerungszustand. Scharfe Notverordnungen bedrohten Kritik am Versailler Vertrag oder an der Regierung mit bis zu fünf Jahren Gefängnis. Eine drastische Beschneidung der Presse- und Meinungsfreiheit. Zeitungsverbote folgten. Das schlug hohe Wellen bis ins britische Unterhaus. Erst jetzt schritt der Völkerbundsrat ein. Auch die Schulpolitik erhitzte die Gemüter. Laut Versailler Vertrag durfte Frankreich für die Kinder des französischen Grubenpersonals eigene Volksschulen („Écoles Domaniales“) unterhalten. Dort wurde in französischer Sprache und nach eigenen Lehrplänen unterrichtet.

Als die Grubendirektion auch die saarländischen Bergleute drängte, ihre Kinder in diese sogenannten „Domanialschulen“ zu schicken, entbrannte erneut bitterer Streit. „Französische Kulturpropaganda“, empörten sich die Einheimischen. Die Direktion setzte auf Zuckerbrot und Peitsche. Sie lockte mit Geschenken und kostenlosen Schulbüchern und drohte den Bergleuten mit Entlassung oder dem Verlust der Grubenwohnung. Kinder, die die „Franzosenschulen“ besuchten, wurden auf dem Schulweg bedrängt, ihre Eltern als national unzuverlässig diskriminiert. Das Unternehmen „Domanialschulen“ scheiterte am Widerstand der Einheimischen. Von rund 120.000 Volksschülern besuchten 1934 nur 2244 diese Schulen, bescheidene 2,6 Prozent.

Sieben der insgesamt 24 Domanialschulen lagen im Kreis Ottweiler: Elversberg mit (1934) 269 Schülern, Heiligenwald (92), Landsweiler (113), Merchweiler (60), Neunkirchen (61), Schiffweiler (53) und Wiebelskirchen (84). In Heiligenwald halfen Spenden von Lehrern und Privatpersonen, die Volksschule ab 1931 attraktiver zu machen: Mit mehrwöchigen Ferienreisen für erholungsbedürftige Kinder (u.a. Schwarzwald, Österreich, Schweiz) und täglicher Milchspeisung mit Weißbrötchen für Kinder aus ärmeren Familien. Die Neunkircher „Franzosenschule“ diente später als „deutsche Jugendherberge“.

Im Sommer 1925 feierte man an Mosel, Rhein und Saar die tausendjährige Zugehörigkeit zum Deutschen Reich. Das ganze Saargebiet prangte im Fahnenschmuck. Überall Girlanden, Umzüge und Freudenfeuer. Ein machtvolles Bekenntnis der Menschen zu ihren deutschen Wurzeln. Das Einschreiten der Regierung, die Beamten und Schulen die Teilnahme an den Feiern verboten hatte, verpuffte wirkungslos. Am Neunkircher Realgymnasium verpflichteten sich Schüler „ehrenwörtlich“, an der Jahrtausendfeier mit Festzug am 20. Juni teilzunehmen „und deshalb der Schule fernzubleiben!“ Ob sie deshalb tatsächlich zu Strafarbeiten verdonnert wurden, wie von der Regierung verlangt, ist nicht überliefert. Das Echo der Jahrtausendfeier war enorm. Der französische Aufsichtsratschef der Saargruben gab die 1935 anstehende Volksabstimmung schon verloren.

Dann kam der 30. Januar 1933. Hitler wurde Reichskanzler. Der bisher geschlossene Block der rückkehrwilligen Saarländer zerbrach. Die bürgerlichen Parteien mitsamt der NSDAP blieben bei der Parole „Heim ins Reich“. Die Linksparteien und eine christliche Minderheit um den Journalisten Johannes Hoffmann (1890 bis 1967) plädierten für die Beibehaltung des Völkerbundregimes („Status Quo“), solange Hitler regiere. Ein aussichtsloses Unterfangen. Zu tief war der Groll der Menschen gegen das Völkerbundsregime, zu ungebrochen ihr Nationalgefühl.

Am 13. Januar 1935 stimmten über 90 Prozent der Saarländer für die Rückkehr ihrer Heimat nach Deutschland. Viele, wie Johannes Hoffmann in seinen Memoiren einräumte, trotz Hitler. Das Abstimmungsresultat im damaligen Kreis Ottweiler lag im Landestrend. Allerorten wurde der „Status Quo“ bei Jux-Veranstaltungen „beerdigt“. Auch in Neunkirchen amüsierten sich Kinder auf der Straße mit Spottversen: „Ri-Ra-Rutsch, der Status Quo ist futsch!“ Viele „Statusquoler“ retteten sich jetzt in die Emigration. Am 1. März 1935 kehrte die Saar „heim ins Reich“. Ein Weg ins Verderben des Zweiten Weltkrieges (1939-1945). Der endete in einem Meer von Trümmern und Tränen.

Auch Johannes Hoffmann hatte sein Eintreten für den „Status Quo“ mit Verfolgung und Exil bezahlt. Nach Kriegsende bot sich dem nun an die Regierung gelangten Christdemokraten die Gelegenheit, das Saarland – wie 1934/35 versprochen – zum Bestandteil eines demokratischen Deutschland zu machen. Es kam anders. Nun setzte Hoffmann mit seiner Christlichen Volkspartei (CVP) auf einen eigenständigen Saar-Staat im Fahrwasser Frankreichs. Die von der französischen Besatzungsmacht auferlegte Präambel der Saar-Verfassung (1947) gab die Richtung vor: Politische Unabhängigkeit vom Deutschen Reich und Wirtschaftsanschluss an Frankreich. Parteien, Gewerkschaften und Zeitungen, die für ein deutsches Saarland war, galten den Regierenden in Saarbrücken fortan als Verfassungsfeinde. Sie durften unter der Hoffmann-Regierung (1947-1955) nicht frei agieren. Statt auf faire Debatten setzten Hoffmann und seine Unterstützer auf Verbote und Bespitzelungen, Ausweisungen und Zensur.

Die maßgeblichen Träger dieser Politik, eingefleischte Hitlergegner, kamen aus dem ostsaarländischen Bergmannsmilieu: Ministerpräsident Hoffmann (CVP) aus Landsweiler-Reden, SPS-Chef und Arbeitsminister Richard Kirn (1902-1988) aus Schiffweiler. Prominentester innerparteilicher Hoffmann-Kritiker war der in Eppelborn geborene katholische Gewerkschaftler Bartholomäus Koßmann (1883-1952): Einst Kommunalpolitiker in Neunkirchen, dann Mitglied des Reichstags, NS-Widerständler und zuletzt CVP-Vizepräsident des saarländischen Landtags.

Die „repressiven Methoden“ (Hans-Peter Schwarz) der Regierung Hoffmann zur Niederhaltung der prodeutschen Opposition trübten jahrelang die Annäherungspolitik zwischen Bonn und Paris. Sogar der renommierte Pariser „Figaro“ mahnte im Januar 1950 zur Umkehr: „Mit den Mitteln des Despotismus macht man keine freiheitliche Politik.“ Ein vergeblicher Appell. Erst der 23. Juli 1955 brachte dem Saarland die uneingeschränkten und für wahrhaft demokratische Staaten selbstverständlichen Freiheitsrechte. Eine Folge des deutsch-französischen „Saarstatuts“, über das die Saarländer am 23. Oktober 1955 abstimmen sollten. Der „Abstimmungskampf“ dauerte drei Monate und ließ die Wogen zwischen den Hoffmann-freundlichen „Jasagern“ und den prodeutschen „Neinsagern“ hochgehen.

Auch in Neunkirchen kam es Mitte August zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Wütende Pfui-Rufe empfingen Regierungschef Hoffmann (CVP) und Landtagspräsident Zimmer (SPS) vor dem evangelischen Gemeindehaus in der Vogelstraße. Dazu ertönte das zuvor verboten gewesene Deutschlandlied und „Deutsch ist die Saar“. Übergriffe erfolgten, Stinkbomben, Gummiknüppel-Einsatz, Verletzte. Unerfreuliche Episoden. Typischer waren massenhaft verbreitete Flugblätter und Mini-Aufkleber mit dem Konterfei des Ministerpräsidenten und einem unfeinen Appell („Der Dicke muß weg!“). Gelegentlich eilte der Dorfpfarrer dem Angegriffenen zu Hilfe, wie wir aus sicherer Quelle wissen.

Ins Kreuzfeuer prodeutscher Kritik gerieten auch namhafte Kommunalpolitiker. Etwa Neunkirchens SPS-Bürgermeister (1946-1956) Friedrich Brokmeier. Weil er – so ein Flugblatt – nach dem Krieg als führender MRS-Funktionär den Anschluß der Saar an Frankreich erstrebt, deutschnahe Regierungskritiker in seinem Amtsbereich schikaniert und am Volkstrauertag auf dem Hauptfriedhof die schwarz-rot-goldene Schleife von einem Trauerkranz habe entfernen lassen. Erinnert wurde auch an Friedrichsthal, wo Bürgermeister Ludwig Schnur am „Tag der deutschen Einheit“ die Bundesflagge hatte herunternehmen lassen.

Viel Groll hatte sich im zurückliegenden Jahrzehnt angehäuft. Jetzt machte sich der Ärger Luft. Vorwürfe, Übertreibungen und Schimpfwörter auf beiden Seiten. „Nationalisten“ hier, „Separatisten“ da. Würde ein Ja-Sieg die Abtrennung der Saar zementieren? Wem gebührte der Vorrang, der Nation oder Europa? Die Prodeutschen wollten „Mit Deutschland nach Europa“, Hoffmann erklärte: „In Europa wird sich die Saar wieder mit Deutschland zusammenfinden!“

Unablässig erinnerte die Nein-Seite an die jahrelange „Knebelung“ der Freiheitsrechte in Hoffmanns Saar-Staat: An zensierte Zeitungen, abgehörte Telefone, bespitzelte oder ausgewiesene Oppositionelle. Der britische Boulevardjournalist Selfton Delmer (1904 bis 1979) verglich das Abstimmungsgebiet mit einem Pulverfaß. Wo nicht nur der Brite Nationalismus witterte, sahen andere verständlichen Patriotismus. Selbst die Zeitung „Le Monde“ in Paris runzelte die Stirn (14. Oktober 1955): „Wenn die Freiheit vorher unbekannt war, explodiert sie wie ein Feuerwerk am 14. Juli.“

Im August 1955 löschte der 1. FC Saarbrücken im Vereinswappen die blau-weiß-rote Saarflagge und kehrte zu den alten Farben Blau-Schwarz zurück. Der Meinungsumschwung war komplett, das Ergebnis der Volksabstimmung vom 23. Oktober 1955 – 67,7 Prozent Nein-Stimmen – eindeutig. Einen besonders hohen Anteil an Nein-Stimmen hatten Wiebelskirchen (75,9 Prozent), Friedrichsthal (73,7 Prozent) und St. Wendel (73,6 Prozent). Neunkirchen stimmte mit 65,0 Prozent gegen das Saarstatut. Nur in Welschbach gab es mehr Ja- als Nein-Stimmen (303:296).

„Herz und Verstand“ (FAZ) hatten entschieden und den Wunsch der Saarländer verdeutlicht, zu Deutschland zu gehören und „als Deutsche unter Deutschen ihren Weg in die Zukunft zu gehen“ (Prof. Dr. Heinz-Otto Sieburg). Das wurde auch von Frankreich respektiert und das Saarland als (damals elftes) deutsches Bundesland (1957) aus der Taufe gehoben. Dessen am längsten regierender Ministerpräsident (1959-1979) war übrigens 1948 bis 1951 Lehrer am Neunkircher Steinwald-Gymnasium: Dr. Franz Josef Röder (1909-1979). Mit der Überwindung der Gräben von gestern kamen aus unserer Region neue Politiker ins Spiel, die nicht nur als Landtagsabgeordnete hervortraten.

Auf Seiten der Union der Journalist und spätere Kultusminister Werner Scherer (1928 bis 1985) und der Schreinermeister Walter Lorang (1905 bis 1972), Chef der CDU-Landtagsfraktion (1959 bis 1961), beide aus Neunkirchen. Bei den Sozialdemokraten Norbert Engel (1921 bis 2009) aus Schiffweiler, Präsident der Arbeitskammer (1957 bis 1986), und der Journalist Friedrich Regitz (1925 bis 1971), Fraktionschef der Landtags-SPD (1956 bis 1961) und Oberbürgermeister von Neunkirchen (1966 bis 1971).

Der Verein Bergbauerbe Saar hat das Polygon auf der Bergehalde in Ensdorf am Jubiläumstag „100 Jahre Saarland“ wie roten Stahl erglühen lassen. Foto: BeckerBredel

Die Aufbaujahre nach 1945 haben die saarländische Denk- und Lebensart nachhaltig geprägt. Man denke an die Strahlkraft der 1948 gegründeten Saar-Universität, an die Pflege der französischen Sprache, die Vorliebe des Landes für die französische Kultur und Gastronomie und an das ausgeprägte Regionalbewusstsein seiner Menschen. Die Nähe der Saarländer zu Frankreich ist heute gelebter Alltag.