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Am 12. November
Frauen auf dem steinigen Weg zur Freiheit

Der Weg zu höherer Bildung, er begann vor 125 Jahren in einem Zimmer in der Bahnhofstraße. Ab 1955 bewegten sich tausende von Schülerinnen über diesen Pfad von der Fernstraße zum Gymnasium am Steinwald. bis 1977 war es eine Schule nur für Mädchen. Archivfoto von 2006.
Der Weg zu höherer Bildung, er begann vor 125 Jahren in einem Zimmer in der Bahnhofstraße. Ab 1955 bewegten sich tausende von Schülerinnen über diesen Pfad von der Fernstraße zum Gymnasium am Steinwald. bis 1977 war es eine Schule nur für Mädchen. Archivfoto von 2006. FOTO: Willi Hiegel
Kreis Neunkirchen. Erst seit 100 Jahren gilt in Deutschland das Frauenwahlrecht.  Der Historiker Albert H. V. Kraus hat das Thema für die Lokalredaktion Neunkirchen  beleuchtet. Zur Vorbereitung hat er sich ins Archiv begeben, um die regionalen Aspekte des Themas im Echo der zeitgenössischen Regionalpresse von 1918/19 zu studieren. Dabei ist er auf eine ganze Galerie erfolgreicher saarländischer Frauen, auch aus dem Kreis Neunkirchen, gestoßen.

Kinder, Küche, Kirche: Lang, lang ist’s her, dass dieser Dreiklang die Rolle der Frau bestimmte. Demnach hatte sich das weibliche Geschlecht um den Nachwuchs, den Haushalt und die Wertevermittlung zu kümmern. Diese Prinzipien galten auch im christlich-konservativ geprägten Industrierevier an der Saar, wo sie seitens der mächtigen Gruben- und Hüttenherren nachhaltig gefördert wurden. Weibliches Aufbegehren brachte dieses Weltbild ins Wanken. Heute ist es Schnee von gestern.


Frauen in höchsten Ämtern, als Unternehmerin, Bürgermeisterin, Ministerin oder gar Regierungschefin, das war damals undenkbar. Mittlerweile sind die Töchter Evas selbstbewusst geworden, ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen eine Selbstverständlichkeit. Um dahin zu kommen, musste ihnen freier Zugang zu Schule und Bildung und das Frauenwahlrecht erstritten werden. Ein weites Betätigungsfeld für die deutsche Frauenrechtsbewegung. Diese verfolgte ihre Ziele in einer männlich dominierten Gesellschaft mit Hartnäckigkeit und Ausdauer.

Ganz im Sinne des Soziologen Max Weber (1864 bis 1920), der 1919 in München Politik als das „langsame Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ definierte. Unter seinen Zuhörern waren auch – damals keineswegs selbstverständlich – Studentinnen. Bayern hatte 1903 als zweites deutsches Land nach Baden (1900) und vor Preußen (1908) das Frauenstudium erlaubt. Ein Bildungsvorteil für die weibliche Bevölkerung der Saarpfalz, die ja bekanntlich bis nach dem Ersten Weltkrieg (1918) zum Königreich Bayern gehörte.



Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation in Deutschland waren die Journalistin Louise Otto-Peters (1819 bis 1895) und die Bildungsaktivistin Hedwig Kettler (1851 bis 1937). Beide engagierten sich für die Chancengleichheit in Beruf und Bildung und forderten staatliche Gymnasien für Mädchen und gleiches Abitur für beide Geschlechter. Den Reformerinnen war das Rollenverständnis zuwider, welches Frauen den Privatbereich zuschob, das Sagen in Politik und Gesellschaft aber den Männern überließ.

Das Klischee einer naturgegebenen Ungleichheit – männliche Kreativität hier, weibliche Praxisorientierung da – verwiesen sie ins Reich der Legenden: „In der Wiege waren unsere Töchter nicht unwissender als unsere Söhne.“ Sie seien es erst infolge der Erziehung. Denn in die Sonne gestellt, treibe eine Pflanze schönere Blüten als im Schatten. Die Bänkelsängerin Claire Waldoff (1884 bis 1957) protestierte drastischer: „Die Männer hab’n alle Berufe / Sind Schutzmann und sind Philosoph / Sie klettern von Stufe zu Stufe / In der Küche steh’n wir und sind doof.“

Der Frauendrang nach Teilhabe am geistigen, auch akademischen Leben, trieb die Herren Professoren auf die Barrikaden. Wissenschaft sei Männersache und solle es auch bleiben, verkündete der Historiker Heinrich von Treitschke (1834 bis 1896). Dubiose Traktate faselten von weiblicher Unfähigkeit zu rationalem Denken. Andere befürchteten den Niedergang der Kultur. Ein Jenaer Anatom warnte vor langem Sitzen in Schule und Hörsaal. Das schade den weiblichen Gebärorganen. In Göttingen sorgte sich ein Mediziner um die Moral: „Eine junge Dame im Seziersaal vor einer gänzlich entblößten männlichen Leiche, man stelle sich das einmal vor! Ich sage nein und abermals nein!“

Das Gezeter der Männer war vergebens. 1893 gründete Hedwig Kettler vom Frauenverein „Reform“ in Karlsruhe im liberalen Baden das erste deutsche Mädchengymnasium. Es wurde von ihrem Verein organisiert und finanziert. Nach der Jahrhundertwende zogen mehr und mehr Frauen in die Gymnasien und Universitäten ein. 1918 waren von rund 60 000 Studierenden an deutschen Hochschulen bereits mehr als 6000 Frauen, 1931 schon doppelt so viele. Keimzelle des höheren Schulwesens in Neunkirchen war die private Familienschule von 1864 in einem vom Hüttenbesitzer C. F. Stumm bereitgestellten Gebäude in der Bahnhofstraße. Buben und Mädchen wurden hier, getrennt nach Geschlecht, in zwei Klassenräumen auf den Besuch der Höheren Schule vorbereitet.

Aus dieser Einrichtung entwickelte sich Zug um Zug (neben dem heutigen Krebsberg-Gymnasium) auch das hiesige Mädchengymnasium. Standorte, Trägerschaft und Namen der Schule wechselten im Laufe der Jahre (unter anderem Töchterschule, Mädchenschule, Lyzeum, Mädchenrealgymnasium), die Bildungsstätte selbst aber bewährte sich. In den Jahren 1948 bis 1950 gehörte der spätere Ministerpräsident Dr. Franz Josef Röder zum Lehrerkollegium der Schule. Das „Gymnasium am Steinwald“ beherbergt seit 1977 auch Jungen. Eine Absolventin der Schule, Claudia Ulbrich geb. Manderscheid, Abiturjahrgang 1968, machte groß Karriere. Sie wurde Professorin für Geschichte an der Freien Universität Berlin. Einer ihrer Schwerpunkte: Die Frauenforschung.

Die zunehmende weibliche Gleichberechtigung freute damals auch die Berliner Fabrikantentochter Hedwig Dohm (1831 bis 1919). Die Schwiegermutter von Thomas Mann zog fünf Kinder groß und machte als Frauenrechtlerin Furore. Mit Witz und Ironie hielt sie der Männerwelt den Spiegel vor und forderte – unerhört! – für die Frauen das Recht auf Scheidung und auf wilde Ehe. Auch das Wahlrecht. Als August Bebel (1840 bis 1913) sich 1879 in seinem späteren Bestseller „Die Frau und der Sozialismus“ (1879) für die rechtliche Gleichstellung der Frauen engagierte, wurde der SPD-Politiker sogar in den eigenen Reihen verspottet: Frauenemanzipation sei „eine Marotte der Mittelklasse“.

Doch das Thema blieb. In der Novemberrevolution 1918 wurde das Frauenwahlrecht vom „Rat der Volksbeauftragten“ verkündet und in der Verfassung der Weimarer Republik (Artikel 22 und 109) verankert. Am 19. Januar 1919 wurde die deutsche Nationalversammlung gewählt. Der Krieg war vorbei, Heizmaterial und Lebensmittel knapp. Wie knapp verrieten etwa Zeitungsanzeigen des Neunkircher Lebensmittelamtes, wonach an „Kinder unter 2 Jahren, Kranke, hoffende Frauen und Personen über 70“ am 5. Dezember 1918 „je ein Ei“ als Sonderzulage ausgegeben werde (NZ v. 4. 12. 1918).

Am Wahlsonntag galt erstmals das Frauenstimmrecht. Gemessen an der Neunkircher Tagespresse löste der Wahlkampf ein eher bescheidenes Echo aus. Die Sozialdemokraten würdigten das „Wahlrecht aller erwachsenen Männer und Frauen“ als „wichtigste politische Errungenschaft der Revolution“ und hofften auf eine sozialistische Umwandlung der „kapitalistischen Gesellschaftsordnung“ (Neunkirchener Zeitung, NZ, v. 2.12.1918). Das Zentrum distanzierte sich in einem Wahlaufruf („Deutsche Frauen und Mädchen gebt acht!“) vom revolutionären „Chaos“ in Berlin und präsentierte sich speziell den Wählerinnen als bürgerliche Ordnungspartei und Garant der christlichen Weltanschauung (NZ v. 18.01.1919).

Die Stimmabgabe am Wahltag erfolgte geheim. Im Vorfeld machten die Männer ihren Einfluss geltend. Wie bei der Saarbrückerin Ella B. Sie war am Wahltag 21 Jahre alt: „Mein Vater hat mir alles ganz genau erklärt. Du musst dein Kreuzchen da und da machen, hat er gesagt. Und das habe ich dann auch getan.“ Von den 421 gewählten Volksvertretern waren 37 Frauen. Das frisch gewählte Parlament trat wegen der revolutionären Unruhen nicht in Berlin, sondern in Weimar (Thüringen) zusammen. Als erste Parlamentarierin sprach die Berliner Sozialreformerin Marie Juchacz (1879 bis 1956) von der SPD. Diese hatte reichsweit 37,9 Prozent der Stimmen erhalten (Zentrum 19,7 Prozent, DDP 18,5 Prozent). Juchacz erklärte selbstbewusst, mit dem Stimmrecht habe man den Frauen nur gegeben, was ihnen „zu Unrecht“ vorenthalten worden sei. Heute trägt eine Straße in Ottweiler den Namen der Awo-Gründerin.

Im Saargebiet wurde das katholische Zentrum (47 Prozent) stärkste Partei, vor der SPD (36,6 Prozent) und der liberalen DDP (13,8 Prozent). In der Bürgermeisterei Neunkirchen (mit Neunkirchen, Kohlhof, Wellesweiler, Spiesen und Elversberg) entfielen laut NZ v. 29.1.1919 auf die SPD ca. 45 Prozent, das Zentrum 34 Prozent und die DDP 20 Prozent (Prozente errechnet vom Verfasser). Im Kreis Ottweiler (mit Neunkirchen, Wiebelskirchen, Uchtelfangen, Eppelborn, Tholey, Stennweiler und Ottweiler) hatte das Zentrum mit ca. 45 Prozent Wählerstimmen die Nase vorn, gefolgt von SPD (ca. 40 Prozent) und DDP (ca. 14 Prozent). Eine Aufschlüsselung nach Männer- und Frauenstimmen fehlt in den Statistiken. Intern hatte der SPD-Abgeordnete Eduard David (1863 bis 1930) am 8. November 1918 vermutet, das Frauenwahlrecht stärke eher die Zentrumspartei.

So hoch die Wahlbeteiligung der Frauen im Januar 1919 reichsweit auch war, in den Parlamenten dominierten weiterhin die Männer. Auch im Saargebiet, dem noch zwei Trennungsphasen (1920 bis 1935 und 1945 bis 1957) bevorstanden. Dort gab es seit 1922 den 30-köpfigen „Landesrat“. In den dreizehn Jahren seines Bestehens gehörten ihm nur zwei Frauen an, seit 1922 Elisabeth Hallauer (Zentrum) und seit 1932 Luise Herrmann-Ries (KP). Letztere ging nach 1935 in den Widerstand und starb 1971 in Neunkirchen. Auf kommunaler Ebene waren Frauen stärker aktiv, vor allem im sozialen und kulturellen Bereich.

Die erste Frauengestalt, die sich vor und nach dem Zweiten Weltkrieg saarlandweit einen Namen machte, war die in Neuss am Rhein geborene Sozialdemokratin Angela Braun (1892 bis 1966). Ihre mit Eleganz gepaarte Schönheit und der großbürgerliche Lebensstil, dem sie mit ihrem Ehemann, dem SPD-Vorsitzenden Max Braun (1892 bis 1945), frönte, machten sie zum Medienstar. Politisch engagierte sich die Leiterin der Arbeiterwohlfahrt Saar für die Bedürftigen: Mit Nähstuben, Volksküchen und Zeltlagern für Jugendliche. Bei der Betreuung von reichsdeutschen Hitlerflüchtlingen an der Saar (1933-1935) unterstützte sie Marie Juchacz.

Als Journalistin wandte sich Angela Braun, die gelernte Lehrerin, gegen die vielen Formen weiblicher Benachteiligung, gegen das Bildungsdefizit der Unterschicht, gegen blinde Autoritätsgläubigkeit und rückständige Erziehungsmethoden. Tabuthemen wie Kindesmisshandlung und Pädophilie sparte sie nicht aus. Ihr Mann starb kurz vor Kriegsende in London. Angela Braun kehrt 1945 als Witwe aus dem Exil zurück. Sie engagiert sich in der SPS, die den saarländischen Sonderweg gutheißt, wird Landtagsabgeordnete und schreibt weiter über Frauenthemen. Ihr Appell an die Frauen, sich politisch zu engagieren, fruchtet wenig.

Dem 1947 gewählten saarländischen Landtag gehören lediglich zwei weitere Frauen an, die Frauenrechtlerin Luise Schiffgens (1892 bis 1954), SPS, und die Neunkircher Rechtsanwältin Dr. Irmgard Fuest (1903 bis 1980), CVP. Politik blieb in der „Franzosenzeit“ (1947 bis 1955) überwiegend Männersache. Ähnlich in der jungen Bundesrepublik. Im ersten Bundestag (1949) saßen neben 382 Männern nur 28 Frauen (6,8 Prozent). Heute sind es 490 männliche und 219 weibliche Abgeordnete (30,9 Prozent). Im Jahr des Mauerbaus 1961 wurde die Juristin Dr. Elisabeth Schwarzhaupt (1901 bis 1986), CDU, zur ersten Bundesministerin (für Gesundheit) berufen. Erste saarländische Ministerin wurde 1974 Rita Waschbüsch (CDU), eine 33-jährige Hausfrau und Mutter von vier Kindern.

Der Vormarsch der Frauen ging weiter, wenn auch nur zaghaft. Überregional Karriere machte die aus Schiffweiler stammende CDU-Politikerin Doris Pack. Sie war zuletzt 25 Jahre Mitglied des Europäischen Parlamentes. Nur vier saarländische Kommunen (von zusammen 52) werden heute von einer Frau regiert, an ihrer Spitze Charlotte Britz (SPD), die Oberbürgermeisterin von Saarbrücken (seit 2004). Der Landkreis Merzig-Wadern ist der einzige mit einer weiblichen Spitze. In Neunkirchen wirkte die Illinger SPD-Politikerin Cornelia Hoffmann-Bethscheider als Landrätin (2011 bis 2015), bevor sie Präsidentin des Sparkassenverbandes wurde. In Eppelborn ist Birgit Müller-Closset, SPD, die aktuelle Bürgermeisterin.

Auf Landesebene machten sich unter anderem Dr. Brunhilde Peter, Marianne Granz und Anke Rehlinger (alle SPD) als Kabinettsfrauen einen Namen oder von den kleineren Parteien Dr. Rosemarie Scheurlen (FDP) und Dr. Simone Peter (Die Grünen). Die Liste der CDU-Ministerinnen reicht von Dr. Regina Görner und Monika Bachmann bis zu Annegret Kramp-Karrenbauer, die zuletzt Ministerpräsidentin (2011 bis 2018) war. „AKK“ geht nun ins Rennen um die Merkel-Nachfolge. Gewiss ist zweierlei: Die Geschlechterparität in Staat und Gesellschaft ist noch längst nicht am Ziel. Gute Politik aber ist keine Frage des Geschlechts.

Marie Juchacz, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt.
Marie Juchacz, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt. FOTO: dpa / -
Angela Braun war Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt.
Angela Braun war Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. FOTO: Foto: Paul Hartmann, Landesarchiv Saarland, NL Paul Hartmann, © Gabi Hartmann.
Rita Waschbüch war Präsidentin des Zentralrates der Katholiken.
Rita Waschbüch war Präsidentin des Zentralrates der Katholiken. FOTO: BECKER&BREDEL / Becker && Bredel
Doris Pack,  lange Jahre Europa-Abgeordnete der CDU.
Doris Pack, lange Jahre Europa-Abgeordnete der CDU. FOTO: Becker && Bredel
Anke Rehlinger, Wirtschaftsministerin des Saarlandes.
Anke Rehlinger, Wirtschaftsministerin des Saarlandes. FOTO: dpa / Oliver Dietze
Annegret Kramp-Karrenbauer, Generalsekretärin der CDU.
Annegret Kramp-Karrenbauer, Generalsekretärin der CDU. FOTO: dpa / Gregor Fischer