| 21:19 Uhr

Schaubühne Neunkirchen
Märchenhaftes zur Vorweihnachtszeit

Die Schaubühne spielt in diesem Jahr das Weihnachtsmärchen „ Der Baron von Hüpfenstich“ in der Neunkircher Gebläsehalle.
Die Schaubühne spielt in diesem Jahr das Weihnachtsmärchen „ Der Baron von Hüpfenstich“ in der Neunkircher Gebläsehalle. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Die Schaubühne Neunkirchen begeisterte mit dem Märchen „Baron von Hüpfenstich & Prinzessin Willwisschen“. Von Anja Kernig

„Handwerk hat eben Qualität“, fachsimpelt Menschenfresser Wellewatz, liebevoll der beiden Bäckergesellen gedenkend, die er kürzlich genießen durfte. Solch rabenschwarzen Humor erwartet man nicht unbedingt bei einem Weihnachtsmärchen. Doch in dem Fall passte es – und so hatten auch die erwachsenen Zuschauer gestern bei der Premiere von „Baron von Hüpfenstich & Prinzessin Willwisschen“ in der ausverkauften Gebläsehalle ihren Spaß.


Und die minderjährigen? Kam da vielleicht ein bisschen Angst vor den Gespenstern (enorm gelenkig: Vivien und Isabelle Wilzek) und ihrem Knochentanz auf, oder wenigstens vor dem ungehobelten Wellewatz (eine dankbare Schurken-Rolle für Susanne Günnewig)? Nö, befand eine Gruppe Erstklässler der Grundschule Schiffweiler unisono nach anderthalb Stunden Vollblut-Theater. Aber, „das hat mir ganz schlimm leid getan, als die Prinzessin mit dem Wellewatz gehen musste“, gestand Klara (7).

Und alles nur, weil der werte Herr Vater, König Haltewort, unbedingt zu dem stehen muss, was er mal gesagt hat. „Der verspricht echt alles“, tadelte Lana (6). Ihr gefiel, wie „die sieben Brüder Willwisschen gerettet haben“. Nur eines geht gar nicht: „Den Hüpfenstich essen“, meinte Julia (6) leicht angewidert und schüttelte den Kopf. Die halbe 1a schüttelte fleißig mit.



Aber solch kausale Ketten sind nun mal das A und O eines gescheiten Märchens – einmal mehr dieses relativ unbekannten aus der Feder von Clemens Brentano, welches die Schaubühne Neunkirchen unter Regie von Angela Heintz zum zweiten Mal inszenierte (wir berichteten): Wäre die Königin nicht bei der Geburt gestorben, hätte der höllisch konsequente Monarch (Carsten Biereth, der nur für einen Rap mal kurz Königsmantel und -würde ablegte) nie „an Mutter statt“ sein Kind ernähren müssen. Zum Glück gibt es diesen verzauberten Floh (Neele Woll, perfekt nervös-zappelig), dessen Wohlergehen zugleich das der kleinen Prinzessin (Idealbesetzung Greta Panter) sichert. Beide wachsen und gedeihen durchaus prächtig und alles könnte schnell sein gutes, langweiliges Ende nehmen, wäre da nicht der neidische Rittmeister Zwickelwitz (Iris Bettinger, mit militärischen Schneid), der eine Intrige spinnt.

Wegen Hochverrat wird dem zum Liebling der Hofdamen (wunderbar affektiert: Anja Burg-Panter und Franziska Hans) avancierten und zum Baron von Hüpfenstich ernannten Floh das Fell über die Ohren gezogen. Doch seine Seele kann fliehen und findet Heimat in einem frisch gebackenen Kuchenmann. Den, und hier schließt sich der Kreis, muss die Prinzessin essen – damit der Fluch gelöst und der Prinz (Neuzugang Bernhard Krämer) hinter dem Floh zum Vorschein kommen kann.

Klingt kompliziert, war es stellenweise auch. Aber die Ruhe im Saal bewies, dass selbst anspruchsvollere, analog aufbereitete Stoffe das Zeug haben, die Aufmerksamkeit der reizüberfluteten Generation über fast zwei Schulstunden hinweg für sich zu reklamieren. Bleibt die Frage: Wieso verbrät man so feine Spielkunst unter der Woche, wo doch Samstag und Sonntag sehr viel sinnvoller wären? „Das ist eine Kompromisslösung“, die der guten Auslastung der Halle geschuldet sei, betonte Uwe Wagner. Der Chef der gastgebenden Kulturgesellschaft bedauert, dass er keinen anderen Termin anbieten konnte. „So etwas müsste man eigentlich ein bis zwei Jahre im Voraus planen.“ Was aber für die Vereine nur in den seltensten Fällen machbar sei.

Für die Aufführungen hatten sich die Schaubühne-Mitglieder extra zwei Tage frei nehmen müssen. „Da steckt ein großer Einsatz dahinter“, zollte Wagner den Aktiven Respekt. In Zukunft wolle man das Weihnachtsmärchen aber „in andere Bahnen lenken“ und möglichst auch mehr Vormittagsvorstellungen. Wären doch gern noch viel mehr Schulen gekommen.