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Rohrbachpreis
Das Boot in Buchstaben und Tönen

Neunkirchen. Ständchen der anderen Art: Musikalische Lesung „Das Boot“ anlässlich des 90. Geburtstages von Günter Rohrbach. Von Anja Kernig

„Wir laufen aus.“ Der Ruf hallt mehrfach durch die Stadtbibliothek. Es wird Zeit, der Untergang wartet. Gestärkt mit Blätterteigtäschchen, Bier & Co. finden sich die Gäste dieser etwas anderen Geburtstagsparty wieder auf ihren Stühlen ein. Nein, der Jubilar weilt nicht unter ihnen, aber immerhin seine Cousine nebst Gatten. Günter Rohrbach selbst, just an diesem Tag 90 Jahre alt geworden, feiert im engsten Familienkreis an unbekanntem Ort, ließ Oberbürgermeister Jürgen Fried bei der Begrüßung wissen. Und verriet anschließend, dass ihm dieser Rohrbach, Sohn Neunkirchens und wohl die deutsche Filmproduzenten-Ikone schlechthin, vor zehn Jahren noch kein Begriff war. Heute kann Fried die Titel der Rohrbach Fernseh- und Kino-Produktionen fast auswendig rezitieren, allen voran seinen eigenen Lieblingsfilm, „Schtonk!“. Wobei es am Dienstagabend nicht um die Hitlertagebücher ging, sondern um „Das Boot“. Wie kein anderer wurde dieser Film zum Synonym für das Wirken Rohrbachs, auch dank der sechs Oscar-Nominierungen.


Vor gerade mal vier Wochen hatte Bibliotheksleiterin Gabriele Essler sich an Tanja Endres-Klemm und Uwe Andresen mit der Bitte gewandt, den zugrundeliegenden Roman von Lothar-Günter Buchheim für eine Lesung aufzuarbeiten. Kein astreines Vergnügen für die Musikerin, vor allem aber für den Sprachgestalter. Handelt es sich doch um einen sperrigen 608 Seiten-Klopper, der, so Andresen, „nicht nur trist ist, sondern als Grundstimmung Angst“ unterlegt, die von den Protagonisten unterdrückt werden muss. Wollte man ein Bild für die Situation der Mannschaft in der klaustrophobischen Enge des U-Boots zeichnen, dann am ehesten das eines Raubtieres, das sich ständig zwischen Angriff und Flucht zu entscheiden hat.

Gereizt hat den Logopäden zum einen das Setting hier im KULT, zum anderen die Idee, mittels Worten und korrespondierenden Klängen Bilder im Kopf der Zuhörer entstehen zu lassen. Was man als rundum gelungen bezeichnen darf. Nicht von ungefähr hagelte es nach dem zweieinhalb stündigen Vortrag Komplimente. Bis dahin hatte man sich gemeinsam durchgekämpft: erst die Wochen des Ausharrens, der „Gammelfahrt“ inklusive kollektivem Lagerkoller, dann die Euphorie des endlich angreifen Könnens und Zerstörens, gefolgt vom Vergeltungsangriff der feindlichen Zerstörer, das gerade noch mal mit dem Leben davon Kommen und die spektakuläre Flucht zum Heimathafen.



Andresen, der sich mit lebhafter Mimik und Gestik durch die von Technik und Kriegsvokabular durchsetzten Kapitel pflügt, streut immer wieder ein paar Bemerkungen ein und vermag, sprachlich auf hohem Niveau, tatsächlich zu fesseln. Wobei ihn Tanja Endres-Klemm kongenial unterstützt. Unter anderem setzte sie ihre große Gong-Wand mit neun großen Metallscheiben effektvoll ein, spielte Kontra-Altklarinette und immer wieder die Ozeantrommel, machte „viel Wind“ und erzeugte mit der gelben Plastikflöte ihres Sohnes jenen Sonarton, der einen frösteln lässt – wenn man um die Angst der Besatzung vor dem Einschlagen der Wasserbomben weiß. Die finale Zerstörung des U 96 deutet das Duo schlussendlich nur noch an: Fliegeralarm. Dann fällt der imaginäre Vorhang. „Brillanter Vortrag“, freut sich Gabriele Essler, wohl auch ein bisschen erleichtert, dass das Experiment glückte. Für die beiden Akteure war es die erste gemeinsame Produktion, eine, die Lust auf mehr macht, so Andresen. Gefallen hat es auch Besucherin Sonja Trumm, die Günter Rohrbach persönlich kennen lernen durfte und noch immer angetan ist von dessen Bescheidenheit und Humor. „Sehr gelungen“ und inspirierend sei die Lesung gewesen –  auf eine andere Art als es ein Film vermag. „Das Boot“ selbst hat die Neunkircherin bisher noch nicht angeschaut. „Aber das werde ich jetzt auf jeden Fall nachholen.“ In der Stadtbibilothek kann sie ihn ja ausleihen..