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Kutscherhausverein legt mit der Bürgerinitiative Stadtmitte ein Selbstbedienungs-Kräutergärtlein am Wasserturm an.

Neunkircher Initiative : Küchenkräuter zum Essen und Streicheln

Kutscherhausverein legt mit der Bürgerinitiative Stadtmitte ein Selbstbedienungs-Kräutergärtlein am Wasserturm an.

Nein, „gegen Corona ist noch kein Kraut gewachsen“, bedauert Utopolis-Netzwerkmanagerin Edda Petri. Aber, und das ist die gute Nachricht, frischen Rosmarin, Minze & Co. gibt es ab sofort im Alten Hüttenareal für jeden, der gern kocht, kostenlos zum Selberernten. „Ursprünglich war ein Naschgarten geplant“, verrät Uli Heckmann von der Neunkircher Bürgerinitiative Stadtmitte, die das Projekt mit dem Kutscherhausverein realisiert. Doch dafür erwies sich die Örtlichkeit sowohl vom Gefälle her als auch, was die Höhe anbelangt, als nicht sonderlich geeignet. Für den Kräuteranbau dagegen ist das in kleine Terrassen unterteilte streifenförmige Areal unterhalb des Wasserturms fast ideal, da diese Pflanzen generell pflegeleichter sind und überwiegend in Greifhöhe wachsen.

Zu zehnt legte man sich am Mittwochnachmittag bei spätsommerlichem Wetter ins Zeug. Im Vorfeld hatten die Mitarbeiter des Zentralen Betriebshofs die steinernen „Betten“ vorbereitet, sprich, Platten als Zwischenwände eingefügt, damit das Gärtchen bei Regen nicht wegrutscht, und frische Erde aufgefüllt. Das Pflanzgut stammt von Joachim Schu – viel regionaler und ökologischer geht es kaum. Sein „Kräuterversteck“ befindet sich in Wiebelskirchen in Nähe des Freibads. Dort zieht er unter Verzicht jeglicher chemischer Behandlungsmittel neben Topf- und Gartenkräutern auch Gemüsesetzlinge, Fruchtgemüse-Jungpflanzen und Saatgut an, insgesamt über 300 Sorten einschließlich etlicher Raritäten. Wochenmarktbesucher dürften diesen schon mal auf dem Oberen Markt begegnet sein, wo Schuh während der Gartensaison zum „Inventar“ gehört und wo auch der Kontakt zur Bürgerinitiative herrührt. Für die Beete vis a vis der Stummschen Reithalle stellte der Fachmann eine abwechslungsreiche Mischung winterharter, genügsamer Kräuter zusammen.

Und Stauden. Ganz oben am Eck werden zum Beispiel Taglilien blühen. Die sehen nicht nur hübsch aus: „Die Knospen sind essbar“, informiert Schu, eine zarte Delikatesse. Zu Bohnen- und Currykraut braucht es keine Erklärung, daneben das unscheinbare Olivenkraut kommt in Bratkartoffeln und Ratatouille besonders gut zur Geltung. Sowohl fürs Auge als auch den Gaumen taugen die Indianernesseln, ein „Melissenersatz“, sagt der Experte. Weiter unten platzierte er (Tee)Fenchel und Oregano, „aufgelockert mit Schleierkraut“ und der blau blühenden Bartblume, einem echten „Bienenmagneten“.

Seinem Namen alle Ehre macht der Kümmelthymian, der „kräftig nach Kümmel schmeckt“. Vorsicht walten lassen muss man bei der Weinraute. Die gilt als Blutgefäß erweiternd und beugt Verkalkungen vor. Im Altertum und im Mittelalter galt sie als mächtige Heilpflanze - in Maßen genossen: „Ein Blatt reicht.“ Keinesfalls darf man davon gleich eine ganze Handvoll wie etwa bei Petersilie konsumieren. Daneben ist Ruta graveolens eine „wunderbare Insektenweide“, die den Schwalbenschwanz magisch anzieht, weckt Joachim Schu entsprechende Erwartungen. Eine Stufe darunter wachsen Salatkräuter und es gibt auch ein Minzbeet. Dort laden neben der Erdbeerminze drei Winzlinge zum Streicheln ein: die Korsische Polster-Minze nämlich. „Ich nenne sie Streichelminze.“ Ihre runden, leicht fleischigen Blätter haben die Größe eines Streichholzkopfes. Und auch die duftenden rosa-lila Blüten sind winzig klein. Die Teppichminze besitzt ein ungewöhnlich kräftiges, gern für Likör genutztes Minz-Aroma, welches man der kleinen Pflanze gar nicht zutrauen würde! Und sie duftet herrlich schokoladig.

„Viele Leute nutzen die Einschränkungen der Corona-Maßnahmen dafür, auch mal in der eigenen Küche neue Gerichte auszuprobieren“, weiß Edda Petri. „Dabei dürfen frische Kräuter natürlich nicht fehlen.“ Der Pandemie wegen musste die Idee, Kinder des Stadtteils bei der Pflanzung mit einzubeziehen, verworfen werden. Jetzt hofft die Managerin des Kutscherhaues darauf, dass Doris Weber mit ihrer Kreativgruppe stattdessen Namensschilder für den Kräutergarten anfertigt. Was Sinn macht angesichts der Fülle, die sich auf den unteren Rängen unter anderem mit ägyptischer Etagenzwiebel, Hirschhorn-Wegerich (wie Spitzwegerich, nur zarter), Tripmadam, Grapefruitminze oder Schnittsellerei (ein uraltes, salzig-aromatisches „Oma-Kraut“) fortsetzt.

Auf der terrassierten Fläche wachsen jetzt bekannte und weniger bekannte Kräuter. Foto: Anja Kernig
Mit ordentlich Wasser bekommen die Pflanzen einen guten Start am neuen Standort. Foto: Anja Kernig

Investiert hat der Kutscherhausverein insgesamt 350 Euro in den Kräutergarten. Mit dem es relativ problemlos weitergehen sollte, meint Joachim Schu: „Wenn die Pflanzen angegangen sind, wachsen die von allein.“ Wichtig ist allerdings, „immer schneiden“. Ein Auge drauf hat Mathilde Ott. Die gelernte Landschaftsgärtnerin, früher in Saarbrücken tätig, wohnt seit kurzem in der Bahnhofstraße und wird die Pflege übernehmen. Was für die Bürgerinitiative ein neuer Altersrekord ist, wie man beim gemeinsamen Arbeiten feststellte. Mit ihren 84 Jahren dürfte Mathilde Ott die älteste Grünpatin der Kreisstadt sein.