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Wochenkolumne Neunkirchen zu Kaufhof und Terrag

Kolumne Unsere Woche : Wenn der Wandel an die Nieren geht

Morgens um 9 Uhr weiht Terrag sein Bürogebäude in der Saarbrücker Straße ein. Mittags um 12 Uhr stehen Kaufhof-Mitarbeiter vor dem traditionsreichen Warenhaus am Stummplatz und demonstrieren. Ein paar Stunden, ein paar hundert Meter zwischen beidem.

Die Terrag-Verwaltung zieht in moderne Räume, die Kaufhof-Belegschaft in die absolute Ungewissheit. Da muss sich der Zeitungsschreiber, hier wie da unterwegs, kurz schütteln. Damit er dem Gewerkschaftsvertreter konzentriert zuhört, wenn der Raubtier-Kapitalismus anprangert und der Belegschaft Mut einflößt. Der Strukturwandel sei in Neunkirchen nicht abgeschlossen, sagt Oberbürgermeister Jörg Aumann morgens im neuen Firmengebäude. Froh über das Unternehmen, das für Steuereinnahmen sorgen wird. Wenig später vor dem Kaufhof betont er seine Gewerkschaftszugehörigkeit. Verspricht sich einzusetzen, fordert zumindest einen fairen Abschied für die Menschen, die den Laden am Laufen hielten. Strukturwandel, das war vor über 30 Jahren das Ende der Hüttenstadt. Der aktuelle Wandel führt ins Digitale. Er wird Jobs schaffen, er wird viele Jobs kosten. Abfälle aller Art produziert unsere Gesellschaft genug, auf zu wenig Arbeit braucht sich Terrag für die kommenden Jahre nicht einzustellen. Bei alteingesessenen Warenhäusern sieht es anders aus. Der neue Strukturwandel schlägt bei ihnen mit Wucht zu. Der Einkauf im Internet ist bequem. Er wird so schnell nicht aus der Mode geraten. Wie heißt es oft: Der Verbraucher entscheidet mit seinen Füßen (oder heute mit seinem Klick). Auf dieser Basis besteht wenig Hoffnung auf Tierwohl in Ställen, auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Osteuropäer in deutschen Mega-Schlachtereien. Und es besteht wenig Hoffnung, Warenhäuser wie den Kaufhof langfristig zu halten. Der Umgang mit den Mitarbeitern, die teils Jahrzehnte dabei waren, ist ein eigenes und wichtiges Thema. Weshalb der Journalist dem Gewerkschafter mit aller Aufmerksamkeit lauscht.