Wenn Kinder überlegen sind, nutzt nur noch der Griff zur Fernbedienung.

Kolumne : Bibi, Tina, Maradona und ich

Beim Spielen sind schon Vierjährige sehr talentiert. Da hilft manchmal nur der Hinweis auf den Kinderkanal, um die Niederlage zu vermeiden.

Ich habe keine Chance. Ich sitze vor dem Brett, betrachte die 32 Mulden, in denen mal mehr, mal weniger Steinchen liegen, versuche, die Taktik meines Gegenübers nachzuvollziehen und merke recht schnell: Ich werde dieses Spiel verlieren. Mein Gegner ist mir haushoch überlegen. Edelsteinspiel heißt es, oder Wimmelköpfchen. Gespielt wird es dort, wo quasi den ganzen Tag gespielt wird: in Kitas. Dort sitzen sich die jungen Zocker am Dreikäsehoch-Tisch auf ihren Mini-Stühlchen gegenüber und lassen die Edelsteine durch Finger und Mulden wandern, als würden sie seit 50 Jahren nichts anderes machen. Die Regeln wirken für Außenstehende in etwa so verwirrend wie Balzrituale der Rotseitigen Strumpfbandnatter. Auch mein Gegner hat an einer solchen Spielstätte die Kunst des Wimmelköpfchens bis zur Perfektion studiert und zieht mich gnadenlos ab. Mit ihren sechs Jahren. Das könnte jetzt an meinem Ego kratzen, aber tut es nicht. Denn das erste Glied in der langen Kette der Unterlegenheit gegenüber Kindern wird schon viel früher gelegt. Spielen Sie doch mal Memory gegen eine Vierjährige. Keine Chance. Während unsereiner auf ein Dickicht an Papptäfelchen schaut und mehr oder weniger auf das Zufallsprinzip beim Picken eines Kartenduos hofft, hat man es mit Gegnern zu tun, die zwar erst seit Kurzem ihr Brot selbst schmieren können und beim Haarewaschen keine Taucherbrille mehr anziehen, dafür aber offenbar über einen Röntgenblick verfügen. In diesem Moment wird einem sehr schnell sehr deutlich, dass der Traum vom Vorturner auf Lebenszeit, der von seinen Nachkommen stets als überlegener Ratgeber angehimmelt wird, ausgeträumt ist. So musste ich früh erkennen, dass mein künstlerisches Talent mit Buntstiften zwar ausreicht, um mit Punkt-Punkt-Komma-Strich zwischen Mittagsbrei und Bäuerchen einen Säugling zu beeindrucken, unsere Tochter mit vier Jahren allerdings auf diesem Feld nichts mehr von mir lernen konnte. Male ich eine Hand mit fünf Fingern sieht es aus wie ein schlimmer Vorfall bei der Lyoner-Herstellung. Und sollte das Interesse unseres Sohnes am Fußball anhalten, wird er mich mit vier ausdribbeln wie Maradona 86 die Abwehr Englands. Aber noch habe ich einen Trumpf, den ich ausspiele: Ich kann lesen. Auch die Fernsehzeitschrift. „Oh, im Kika läuft jetzt Bibi und Tina“, reicht aus, schon liegt die Partie Wimmelköpfchen auf Eis. Niederlage vertagt. Vorerst...