Kolumne Ach was?!: Wenn das Wörtchen wie nicht wär

Kolumne Ach was?! : Wenn das Wörtchen wie nicht wär

Die Welt ist im Wandel. Und das muss nicht schlecht sein. Auch wenn die Sojamilch gerne weiter ihren Namen behalten dürfte - wer weiß, ob die Gedankengänge des Europäischen Gerichtshofes nicht zu was gut sein können.

Selbst Zeitalter werden immer kurzlebiger. Postfaktisch ist noch gar nicht alt, doch der Europäische Gerichtshof räumt jetzt schon damit auf. Jüngst war ja alles doch ganz anders als mit dem Auge zu sehen, und das nicht nur in den USA. Ob ein Platz nun überfüllt oder halbleer ist - alles eine Frage der Perspektive, die die jeweilige Kommunikationsabteilung hat. Und auch bei uns ist zum Beispiel die Außentemperatur nicht mehr vom Quecksilber abhängig, sondern „gefühlt“ so oder so hoch. Im Bereich der Lebensmittel schließlich ist es das unscheinbare Wörtchen „wie“, das Schein und Sein ineinander webt. Wir kaufen schon mal „Wie Hacksteak“ und „Wie Salami“. Und wir trinken (wem es denn schmeckt) Sojamilch! Aber nicht mehr lange. Der Gerichtshof der Union hat nämlich jetzt festgelegt: Milch kommt aus dem Euter. Soja hingegen nicht! Womöglich läutet dies das Ende all der „wie“ und „gefühlt“ und sonstigen babylonischen Fakten- und Sprach-Verwirrungen ein. Der denkbare Begriff „Soja-Wie-Milch“ wird es jedenfalls bestimmt nicht auf die Tetrapacks schaffen. Hätte es nicht auch etwas Beruhigendes, wenn Begriff und Ding wieder näher zusammenrückten?

Denn selbst beim Teebeutel kann man sich heute nicht mehr sicher sein, wo das Faktische beginnt und das „Wie“ endet. Ein Kollege fand es jüngst befremdlich, dass so ein fair gehandeltes und gesundheitlich wertvolles Säckchen von einer Verpackung umhüllt in seiner Hand ruhte, die irgendwie nach Plastik aussah. Richtig: Auch die Bewohner der Weltmeere haben ein Recht auf ein gesundes Wohlfühl-Umfeld. Warum also diese verdächtige Hülle um ein doch ansonsten für Herz und Seele erfreuliches Produkt? Hmm, das wusste niemand so recht. Den Vorschlag, die Hülle probeweise auf die Zunge zu legen - vielleicht schmilzt sie ja  rückstandsfrei - empfand der Kollege womöglich als Provokation. Er reagierte jedenfalls nicht und warf die Teebeutel-Verpackung in den Müll. Auch der erläuternde Zusatz: Ist ja vielleicht nur „wie Plastik“, fand keinen Widerhall. Plastik oder Wie-Plastik, Soja-Milch oder Euter-Milch, gefühlte oder tatsächliche Temperatur, es ist an der Zeit, mit dem Postfaktischen aufzuräumen. Sollte dabei irgendein Präsident in fernen Ländern seine Daseins-Berechtigung verlieren, ist dies nicht mehr als ein Kollateralschaden, ein bisschen „wie Schaden“, also gar nicht so schlimm!