Kolumne Unsere Woche: Niemand muss am Sonntag wählen . . .

Kolumne Unsere Woche : Niemand muss am Sonntag wählen . . .

Bei der kommenden Wahl können viele Kreuzchen gemacht werden. Es lohnt sich richtig, diesmal den Weg ins Wahllokal zu machen, könnte man fast sagen. Aber das sieht nicht jeder so.

Sie müssen Ihre Kinder nicht impfen. Nur die, die Sie behalten wollen.“ Das sage nicht ich, sondern ein Berliner Kinderarzt, der mit diesem drastischen Spruch auf die fatalen Folgen aufmerksam machen möchte, die Impfgegner in Kauf nehmen. Verrückt, dass dies in unserer fortschrittlichen Welt überhaupt notwendig ist, dennoch passt es in eine Zeit, in der Gefahren auftauchen, die über Jahrzehnte kein Thema waren. Die meisten Impfungen kosten nichts und sind für jeden zugänglich. Niemand in Deutschland müsste heute mehr an Masern erkranken oder gar sterben. Und dennoch passiert das. Weil die Gefahren, die zwar hinreichend bekannt sind, einfach ignoriert oder geleugnet werden. Aber so ist das ja mit vielem. Das reine Wissen um eine Gefahr bedeutet noch längst nicht, dass dementsprechend damit umgegangen wird. Wie sonst kann es sein, dass in ganz Europa, beziehungsweise in der ganzen Welt, antidemokratische Stimmen immer lauter werden und immer mehr Gehör finden. Dass Parteien, die auf Meinungs- und Pressefreiheit keinen Heller geben, an Zulauf gewinnen. Dass Despoten sich über Demokratien erheben und plötzlich Diktaturen wieder in Mode kommen. Aus Verdruss und Ärger über demokratische Parteien – sicher oft berechtigt – antidemokratischen Parteien seine Stimme zu geben oder gar nicht zu wählen, ist ein großer Fehler. In Europa und gerade in Deutschland sollte doch jeder wissen, was es bedeutet, wenn Parteien Oberwasser bekommen, die es mit der Demokratie nicht so genau nehmen. Am Sonntag dürfen wir wieder wählen. Genau: Wir dürfen. Wir haben das Recht auf dieses Privileg. Nicht die Pflicht – wohl gemerkt. Wir dürfen unser Kreuzchen machen. Auf kommunaler Ebene können wir mitbestimmen – vom Ortsrat über den Gemeinderat bis zum Kreistag, vom Ortsvorsteher bis zum Bürger- und Oberbürgermeister. Und auch in Europa hat jede einzelne Stimme Gewicht. Jeder über 18 darf mitbestimmen. Jedes Kreuzchen ist von Bedeutung.

Was ich nämlich eigentlich sagen wollte: Sie müssen am Sonntag nicht zur Wahl gehen. Nur, wenn Sie die Demokratie behalten wollen.

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