Kolumne von SZ-Redakteur Michael Beer zu guten Vorsätzen an Neujahr

Kolumne : Die Falschen haben Vorsätze

Weniger trinken, weniger rauchen, weniger essen, mehr Sport – die Silvesternacht wird gerne dazu benutzt, kurz innezuhalten und nachzudenken, was sich am eigenen Lebensstil womöglich zum Besseren wenden ließe.

Meist hält das nicht lange, aber einen Versuch ist es ja dennoch mal wert. Auch der Umgang mit unseren Mitmenschen ist ein sensibles Terrain, das womöglich ab und an nachzujustieren lohnenswert sein kann. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Diese Woche ereilte die Redaktion der Neunkircher Rundschau beispielsweise eine Polizeimeldung, die doch weit über das Normalmaß des Absonderlichen hinausging. Ein elfjähriges Mädchen war am frühen Mittwochabend bei einem Unfall verletzt worden. Zum Glück nicht schlimm. Es blieb bei Prellungen. Schockierend war allerdings, was dem Mädchen nach dem Unfall auf dem Zebrastreifen in der Steinwaldstraße in Höhe der Bushaltestelle Scheib geschah. Der Fahrer des vermutlich schwarzen, großen Autos fuhr zuerst weiter, drehte aber nach kurzer Zeit. Freundliche Gemüter werden vermuten, der Mann sei nach dem ersten Schock und der falschen Reaktion zurückgekehrt, um sich des verletzten Mädchens anzunehmen. Aber dem war nicht so. Er zeigte, wie die Polizei mitteilte, dem Kind den ausgestreckten Mittelfinger und fuhr weiter.

Eine solche Nachricht muss man erst mal sacken lassen. Aber auch eine Weile später ist gerade diese immer noch unfassbar. Was mag im Kopf dieses Menschen vorgegangen sein? Was in dem seiner Beifahrerin? Ein Mangel an Empathie wird in unserer Gesellschaft schon lange beklagt. Ein Kind anzufahren und statt Hilfe den Mittelfinger zu zeigen ist dabei ein trauriger Höhepunkt. Dieser Mensch jedenfalls würde gut daran tun, mal über sich und sein Verhalten nachzudenken. Im konkreten Fall hieße das, zur Polizei zu gehen, sich selbst anzuzeigen und das Kind um Verzeihung zu bitten. Wird aber nicht passieren. Die guten Neujahrsvorsätze haben leider oft die, die sie gar nicht so dringend brauchen.