Kolumne : Löcher in Kohls kratzigen Socken der Zeitgeschichte

Es gibt Dinge, von denen kann man sich einfach nicht trennen. Zum Beispiel von Bierdeckeln, die im Juli 2014 eine wichtige Rolle spielten.

Es sammelt sich halt einiges an. Was will man machen? Es ist ja nicht so, als ob dahinter ein Plan stecken würde. Aber es gibt nun mal Zeug, das wird man nicht los. Nicht etwa, weil die emotionale Bindung dazu so groß wäre wie zu dem Bierdeckel, auf dem am 13. Juli 2014 das Hefeweizen stand, als uns Mario Götze zum WM-Titel schoss. Dass solch historische Relikte der Zeitgeschichte für immer einen Ehrenplatz in der „Kiste mit Dingen, an denen man hängt“ bekommen, versteht sich von selbst. Aber was ist mit dem ganzen anderen Kram, von dem man sich nicht trennen kann? Socken, zum Beispiel. Mein Gott, was müssen die Dinger alles durchmachen, bis sie in Rente geschickt werden. Es fällt einfach unglaublich schwer, zu entscheiden, wann so ein Strumpf ausgedient hat. Wenn zum ersten Mal die Hornhaut der Ferse durchschimmert? Wenn der kleine Zeh schon mit dem Köpfchen an der frischen Luft zappelt? Es sagt einem ja niemand. Da wäre ein Beipackzettel mal nützlich: „Nur zu verwenden, bis sich die Zehennägel schneiden lassen, ohne die Socken auszuziehen.“ So in der Art. Ungelogen: Ich besitze Strümpfe, die haben schon meine Mauken gewärmt, als Kohl noch Kanzler war. Mit Handtüchern verhält es sich ähnlich. Die fliegen ja nicht in die Tonne, nur weil das einst mollige Frottier längst zum kratzigen Fetzen Schleifpapier verkommen ist. Handtücher wandern. Vom Bad in den Keller. Schließlich kann man ein altes Handtuch immer mal gebrauchen. Ach, was sag’ ich: Man kann auch 20, 40 alte Handtücher immer mal gebrauchen. Wenn mal was nass ist, zum Beispiel. Auf dem Boden in der Waschküche. Wobei man dann natürlich lieber zum Putzlappen greift, weil ein Handtuch, ganz egal wie alt es auch sein mag, immer noch irgendwie zu schade ist, um damit was aufzuwischen. Erst recht nichts Schmutziges. Es könnte ja mal die große Handtuchkrise kommen, und dann ist man froh, wenn man die ganzen alten noch hat. Gleiches gilt für Papiertüten. Die landen nicht im Altpapier. Zu schade. Sind schließlich aus Papier. Was also damit machen? Aufheben. Am besten im Keller. Da hängt man dann die größte an das Regal, in dem die Handtücher liegen, und steckt alle kleineren Tüten dort hinein. Dann hat man eine, wenn man mal eine braucht. Wobei: Wenn man mal im Laden steht und eine Papiertüte brauchen könnte, hat man natürlich keine dabei. Die hängen ja zu Hause, im Keller. Also kauft man eine. Und die landet dann wo? Genau. Und so geht es immer weiter. Früher wurde man wenigstens ab und an eine los, wenn man altes Brot darin sammelte und alle paar Wochen zum Zoo brachte. Brot wirft man ja auch ungern weg. Aber die vom Zoo wollen nicht mehr, dass man altes Brot dort abstellt. Vermutlich weil neben Brot alles mögliche in den Papiertüten war. Alles, außer Socken und Bierdeckel. Und sicher auch keine Handtücher.

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