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Kolumne
Geht ’ne Pommes übers Wachstuch

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Ach, war das schön früher. Da gab es noch Raider und natürlich das gute alte Wachstuch auf dem Tisch. Zu allem Übel nehmen sie uns jetzt auch noch das „Schni-Po-Sa“. – Das muss eine Verschwörung sein!

Die Welt gerät aus den Fugen. Mehr und mehr. Und vermutlich fing alles 1991 an. Das Jahr, das auf ewig in schmerzlicher Erinnerung bleiben wird. Das Jahr, in dem sie uns Raider genommen und Twix gebracht haben. Ausgerechnet Raider. Hätten sie nicht aus Bounty Bumsi oder aus Mars Mompompone machen können? Aber warum ausgerechnet Raider?


Jedenfalls fing es da an, und so geht es seither immer weiter. Nach und nach verschwinden sie, die in Erinnerung betonierte Säulen des Alltags, die lieb gewonnenen Anker der Normalität.

So wie das Wachstuch. Ja, das Wachstuch. Dereinst wurde jeder noch so schöne Küchentisch unter einem karierten oder bunt gemusterten Wachstuch begraben, damit der Tisch in seiner verhüllten Schönheit nur ja makellos blieb. Nach jeder Mahlzeit wurde feucht abgewischt, so dass das Wachstuch, ewig klamm, klammheimlich eine Eigendynamik in Sachen Geruch entwickeln konnte.



So müffelte es friedlich vor sich hin, bis es irgendwann den Duft jeder noch so feinen Kohlroulade übertünchte. Für die Dame des Hauses Anlass genug, um ein für alle mal klar zu stellen: „Wir brauchen ein neues Wachstuch.“

Ein solches im Laden zu finden, ist auch heute noch möglich. Allerdings, wie ich kürzlich in einem Prospekt lesen musste, unter anderem Namen. Das Wachstuch wurde quasi getwixt und heißt jetzt: Design-Tischbelag. Müffeln wird es sicher noch wie eh und je, trotz des schicken Namens.

Und noch etwas haben sie uns genommen: Schni-Po-Sa. Die kulinarische Dreifaltigkeit aus Schnitzel, Pommes und Salat wurde in manchem Wirtshaus rüde beschnitten, wie ich unlängst auf dem eigenen Teller erfahren musste. Galt der sättigende Dreisilber seit eh und je als unzertrennliches, frittiert-paniertes Triumvirat, wurde ich im Restaurant mit der Aussage konfrontiert: „Salat kostet dreifuffzisch extra!“

Das vitaminreiche Ende wurde mal eben so gekappt. Aber wer bestellt Schni-Po? Wie sich das anhört! Richtiggehend unsittlich. „Einmal Schni-Po, bitte.“ „Sie Schwein!“ Wie gesagt: Alles gerät aus den Fugen.