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Vernissage beim Künstlerkreis
Jeder Knoten hat hier Potenzial

Der Künstlerkreis präsentiert eine Gemeinschaftsausstellung von Annette Marx und Michael Weber.
Der Künstlerkreis präsentiert eine Gemeinschaftsausstellung von Annette Marx und Michael Weber. FOTO: Anja Kernig
Neunkirchen. Der Künstlerkreis Neunkirchen präsentiert eine Gemeinschaftsausstellung von Annette Marx und Michael Weber.

Haushaltskordel. Dieses praktische, graue 0-8-15 Garn. Zig Rollen davon hat Michael Weber für seine Bilder verwandt und auch hier in der Galerie des Künstlerkreises wurden zu Deko-Zwecken hinter dem gläsernen Spritzschutz und im Schaufenster einige Meter abgerollt. Kordeln werden auch bleiben, wenn erst Weber und dann seine Werke wieder verschwinden aus Neunkirchen – doch dazu später.


Außer dem Bochumer Künstler stellt Künstlerkreismitglied Annette Marx derzeit Arbeiten in der ehemaligen Metzgerei Merscher vor. Wie man ihre von denen des Gastes unterscheiden könne? „Ganz einfach, die weißen sind von Weber, die farbigen von Annette“, erklärte Annelie Scherschel-Freudenberger anlässlich der Vernissage.

Aus dem Ruhrpott hat Weber junge, neue Arbeiten mitgebracht. Ihre Kennzeichen: die Reduktion auf schlichte Materialien wie Papier, Schnur, Klebeband, Netze und Vogelsand, das Fehlen von Farbe oder auch das Negieren von Farbe, zählte die Laudatorin auf. Wobei das, „was wir sehen, keineswegs mit dem Adjektiv einfach oder arm beschrieben werden könne“. Vielmehr wirken die collageartigen Werke wie „aus einem anderen Leben gerettet, wieder zusammengefügt, ergänzt“.

Michael Webers Credo im künstlerischen Tun lautet: „Mach es einfach und mach es für den Betrachter nachvollziehbar.“ Dinge zeigen, wie sie sind, ihnen keine bedeutungsschweren Inhalte aufzwingen, alles eliminieren, was als Bedeutung dechiffriert werden könnte. Weber ermöglicht, „das gerissene Papier an sich zu sehen in seiner Schönheit – ohne jeglichen Anspruch eines Inhalts, einer Geschichte dahinter“, interpretiert es Annelie Scherschel-Freudenberger.

„A silent walk“ nennt sich die Reihe, an der Annette Marx seit Sommer 2016 arbeitet. Als Basis dienen ihr Fotos von Industriekultur-Fragmenten wie Rohre, Treppen, Maschinen oder einfach ein Waschbecken, die sie in der Völklinger Hütte aufspürt. Eingebettet in das für sie typische Quadrat, verfremdet und abstrahiert die Saarbrücker Künstlerin die Fotografien mit Kohle- und Kreidestrichen. Annette Marx, Konservatorin im besten Sinne, „ergänzt die Ebene von Wirklichkeit, die die Vergänglichkeit von Eisen und Stahl an den ehemaligen Orten der Arbeitswelt zeigt, durch eine zweite, dritte, vierte, durch ihre Sichtweise auf die Dinge“, heißt es dazu in der Laudatio.



Weber nutzte die Gunst der Stunde und bedankte sich für die Einladung und freundliche Aufnahme. Zum ersten Mal im Saarland, sei er sofort heimisch gewesen: „Man sieht die Stahlkocherei und denkt sich, ja, sieht auch nicht schön aus“, witzelte er, „wie zu Hause, wir müssen uns nichts vormachen.“

Als kleines Dankeschön hinterlässt er an einem der Fleischerhaken ein Kordel-Bild, an dem die Besucher selbst fleißig Hand anlegen und herum knüpfen dürfen – vielleicht eingedenk der Worte von Annelie Scherschel-Freudenberger, für die jeder Knoten das Potenzial hat, Ausdruck einer Erinnerung, eines Kontaktes zu sein.

Bis 15. Mai sind die 37 Bilder und Objekte unter dem Titel „Écorché vif“ – was so viel bedeutet wie „vom Leben gekennzeichnet“ oder, wörtlich übersetzt, „lebendig gehäutet“ – am Oberen Markt zu sehen.